„Zwick ma no a Mass“ als bierernste Wissenschaft

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, eine Mass auch? Bei Frauen in der Regel schon, sagt eine Studie. Miss Herbstfest 2016, Stefanie Paul, nimmt hier einen Schluck.
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Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, eine Mass auch? Bei Frauen in der Regel schon, sagt eine Studie. Miss Herbstfest 2016, Stefanie Paul, nimmt hier einen Schluck.

Rosenheim – „Ma che bella giornata, siamo tutti buoni amici“: Es ist der zweite Wiesn-Samstag 2003 – und Tausende gröhlen in der Auerbräu-Festhalle den Refrain, als die Großkarolinenfelder Blasmusik wieder einmal „sauguad“ drauf ist und die Stimmung anheizt.

Doch nicht nur bei Adriano Celentanos Dauerbrenner „Una fiesta sui prati“ von 1967 fühlt sich Dr. Dr. Wolfgang Mayerhausen in alte Zeiten zurückversetzt. Auch jedes Prosit der Gemütlichkeit weckt Erinnerungen bei dem damals 54-jährigen Arzt vom Samerberg. Jeder Schluck aus dem Masskrug ist für ihn nicht nur purer Genuss, sondern auch eine wahre Fundgrube für Forschungszwecke. Schließlich hat der Mediziner seinen Doktor 1980 mit einer Arbeit über das „Trinkverhalten unter alltäglichen Bedingungen“ gemacht – und dabei gezeigt, dass Biertrinken eine Wissenschaft für sich ist.

Das Werk war eine wissenschaftliche Premiere. Zuvor hatte man Trinkversuche nur unter Laborbedingungen gemacht. Das heißt: Die Probanden wussten, dass sie Teil einer Studie waren. Dagegen hatten Mayerhausens Testpersonen zwar Durst, aber keinen Dunst davon, dass ihnen auf Finger und Mund geschaut wird. Sie fühlten sich unbeobachtet, als sie in einer Münchner Großgaststätte ihre Massen leerten.

So fand auch Professor Dr. Wolfgang Spann Gefallen an der unkonventionellen Idee seines Medizinstudenten – und Mayerhausen setzte sie so gut um, dass er damit zu seinem Doktortitel am Institut für Rechtsmedizin der Universität München kam.

Von August 1977 bis Juni 1978 hat Mayerhausen hunderten Biertrinkern und Biertrinkerinnen dabei zugeschaut, wie sie zumindest eine Mass „zwickten“. Nicht alle taugten für eine objektiv-wissenschaftliche Erfassung, letztlich floss das Verhalten von 149 Probanden in die Studie ein.

Dabei spielten auch Geschlecht, Alter und Gewicht eine Rolle: Mann oder Frau, dick oder dünn, alt oder jung, soziale Eigenheiten, Trinkmenge, Trinkdauer, Trinkansätze, Trinkansatzmengen, Abstand der Trinkansätze, Alleintrinker oder Gesellschaftstrinker, Restmenge im Masskrug – kein Detail wurde ausgelassen.

Rekord: Vier Schluck für eine Mass Bier

Die Ergebnisse unter anderem (gerundete Durchschnittswerte):

• Im Schnitt tranken die Männer 1,4 und die Frauen nur 0,9 Mass Bier;

• die Trinkdauer für eine Mass Bier betrug bei Männern 40 bis 50 Minuten, bei Frauen etwa so lang wie ein Fußballspiel: 90 Minuten;

• 62 Prozent der Männer tranken nur eine Mass, 29 eine zweite und sieben Prozent noch eine dritte;

• zum Trinken der ersten und zweiten Mass Bier benötigten die Männer im Schnitt zwölf Trinkansätze, für die dritte 14. Der Rekord-Proband leerte die erste Mass mit vier Schluck, die zweite mit sechs. Frauen genehmigten sich 20 Schluck pro Mass;

• 28 Prozent der Männer und 36 Prozent aller Frauen tranken ihre Mass nicht vollständig aus. Bei den verbliebenen „Noagaln“ handelte es sich im Schnitt um 40 (Männer) beziehungsweise 60 Milliliter (Frauen);

• das Antrinken in der Regel sofort nach Ankunft der Mass erfolgte, zwischen Austrinken oder dem letzten Schluck und dem Heimgehen hingegen vier Minuten (Männer) oder sieben Minuten (Frauen) verstrichen.

Kann man diese Ergebnisse aus dem Münchner Biergarten auf die Biertempel auf dem Rosenheimer Herbstfest umlegen? „Natürlich nicht“, verriet der Arzt schon 2003 in einem „Fachgespräch“ dem Wiesn igel Ignaz der OVB-Heimatzeitungen. Studien hat Mayerhausen dort nie betrieben. „Dafür schmeckt hier das Wiesn-Märzen viel zu gut“, lachte er.

Leider ist Mayerhausen, zuletzt als Arzt in Bad Reichenhall tätig, 2018 verstorben. Mit seiner Dissertation übers Biertrinken hat er sich auf der Wiesn unsterblich gemacht. Vor allem 2003, nach dem OVB-Bericht, hat die Studie eine Menge Schaum aufgewirbelt.

Corona-App oder Fußballer-Chip?

Deshalb hat sich der OVB-Redaktions igel Ignaz fest vorgenommen, die Untersuchungen auf dem „Fiesta sui Prati“ 2021, also dem nächsten Fest auf der Wiesn, fortzuführen – zumal er heute auf ganz andere technische Möglichkeiten zurückgreifen kann als Mayerhausen Ende der 70er-Jahre.

Ob sich die Corona-App dafür eignet? Oder besser ein Chip, wie ihn die Profifußballer im Schuh haben, befestigt am Masskrugrand? Ganz egal – Hauptsache 2021 ist wieder Wiesn.

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