Corona spaltet die Gesellschaft: Wie eine zweifache Mutter aus Inzell zur Demonstrantin wurde

Mit dem bayerischen Löwen: Irmengard Hallweger aus Inzell zeigt auf der „Corona-Demo“ in Berlin Flagge. privat
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Mit dem bayerischen Löwen: Irmengard Hallweger aus Inzell zeigt auf der „Corona-Demo“ in Berlin Flagge.
  • Ludwig Simeth
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Die Inzidenzzahlen schnellen wieder in die Höhe, ein zweiter Stillstand soll helfen. Doch auch jetzt gibt es kritische Stimmen. Irmengard Hallweger aus Inzell sagt: „Die Corona-Maßnahmen sind überzogen“ - und hat es satt, deshalb als „Covidiotin“ beschimpft zu werden.

Rosenheim/Traunstein/BerlinExtreme, Polarisierungen und gegenseitige Beschimpfungen helfen gerade jetzt, im zweiten Lockdown, niemandem weiter. Also: Wer ohne Murren Maske trägt, ist kein willenloses Schlafschaf. Und nicht jeder Berliner Demo-Teilnehmer oder Maßnahmen-Kritiker gleich ein Verschwörungstheoretiker. Dieser Beitrag soll Raum schaffen für Annäherung und offene Debatten.

Irmengard Hallweger (51) aus Inzell ist nicht gerade eine „Protest-Irmi“. Ihr ganzes Leben lang ist sie auf keiner einzigen Demo gewesen. Bis Corona kam. Die großen August-Kundgebungen in Berlin: Hallweger, Mutter von zwei schulpflichtigen Kinder (12 und 13), war zweimal dabei – und bereut es nicht.

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Zumal sie im August, auf der Heimfahrt beim Radiohören, ihren Ohren nicht getraut hatte: Die Hetzer, Spinner, Träumer, Covidioten, Chaoten, Staatsfeinde und Rechtsradikalen, bis zu 20 000 sollen es gewesen sein, hätten sich so hirn- und rücksichtslos benommen, dass die Veranstaltung abgebrochen wurde.

Hallwegers Freunden und Bekannten im Bus, alle aus dem Chiemgau, alle aus der „gesellschaftlichen Mitte“, ging es wie ihr: Sie waren quer durch Deutschland gereist, um „Flagge für Demokratie, Freiheit und Grundrechte zu zeigen“. Und dafür mussten sie sich jetzt auch noch diffamieren, verhöhnen, ja wie Halbkriminelle behandeln lassen.

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Schwarz und Weiß beendet Freundschaften

Nicht nur im Radio, im Fernsehen oder in den Zeitungen. Auch daheim im Chiemgau. Im Alltag. Im Bekanntenkreis. Corona macht nicht nur das Immunsystem krank, es spaltet die Gesellschaft. Besonders jetzt, da es wieder ernst wird. Freundschaften zerbrechen, Risse gehen durch Familien. Denn es gibt oft nur schwarz und weiß. Also fasst sich die Diplom-Pädagogin, die im Fachdienst einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet, ein Herz und wendet sich an die Medien, auch an die OVB-Heimatzeitungen. Sie erzählt, was sie in Berlin gesehen hat – keine Nazis, dafür Wasserwerfer – und wie sie die Pandemie sieht.

Brücken gegen die Verunsicherung

Sicherheitsabstand nur zur Polizei: In Berlin war es eng.

Predigen „Mainstream-Medien“ – gerade jetzt, wo die Inzidenzzahlen „explodieren“ – den staatlich verordneten Notstand zu ehrfürchtig? Schweigen sie kritische Stimmen tot, wie viele „Querdenker“ behaupten? In diesem Beitrag sicher nicht. Zu Wort kommt eine Zeitzeugin, die sich in der Mitte der Gesellschaft verankert sieht und zwei Demos erlebt hat, die in 50 Jahren sicher Teil des Geschichtsunterrichts sind. Ein Beitrag, der Brücken schlagen soll. Eine verunsicherte, angeschlagene Gesellschaft benötigt Dialog statt Spaltung.

Ein laufendes Band gegen das Misstrauen

Denn es regiert das Misstrauen. Das ist auch im OVB-Interview spürbar. Eine Freundin ist dabei, als Zeugin. Ein Band läuft mit. Die Inzellerin will sich von einem „Mainstream-Medium“ nicht das Wort im Mund umdrehen lassen.

Kritik üben heißt nicht Corona leugnen

Corona gibt es und kann gefährlich sein. Das sieht auch Hallweger so. Sie hält die Maßnahmen für überzogen – auch in Zeiten extrem steigender Positivtestungen.

Ihr Konzept: Corona mit Abstand, Anstand und gesundem Menschenverstand bekämpfen: Hygiene, Händewaschen und ein maßvoller Einsatz der Maske – das reicht. Wer krank ist, bleibt daheim, meidet Kontakt – wie bei einer Influenza oder Grippe auch. Getestet wird nur bei Symptomen.

Die erste Berlin-Fahrt und ein bewegendes Gefühl

Und wie war Berlin? Erst eine Strapaze (Abfahrt um 3 Uhr früh in Inzell mit dem Kleinbus, Ankunft um 11.30 Uhr), dann ein bewegendes Ereignis. Eine ganze Gruppe aus dem Chiemgau ist mitten unter tausenden Demonstranten, die friedlich ihre Meinung mit Transparenten, Sprüchen und Liedern zum Ausdruck bringen, den Rednern auf der Bühne zuhören.

Zweierlei Maß bei der Regelanwendung?

Plötzlich wird der Strom abgedreht, die Demo aufgelöst – weil gegen Abstands- und Hygieneregeln verstoßen wurde. Die Chiemgauer haben Kreide und Meterstäbe mitgebracht. Sie bleiben im Rucksack. Es ist zu eng, um Kreise auf den Boden zu malen. Die Oberbayern erinnern sich an Bilder von der „Black lives matter“-Demo knapp zwei Monate zuvor in Düsseldorf. Ihr Eindruck: Dort ging es enger zu.

43 „Passfotos“ in Rosenheim

Vier Wochen später bricht Hallweger erneut auf, diesmal mit Claudia Weindl aus Unterwössen, die sie auf der ersten Reise kennengelernt hat. Der Bus zur zweiten „Querdenker“-Demo wartet in Rosenheim, dort wundern sich die Frauen über das große Polizeiaufgebot – und darüber, dass die Polizei die Ausweise aller 43 Mitfahrer – fast alle regelkonform allein auf einem Doppelsitz – fotografiert. Sie fragen sich: Warum bloß?

Polizeisperre sorgt für ein Gedrängel

In Berlin wird wieder schnell abgebrochen. Dabei sind die Menschen in Hallwegers Umfeld gut verteilt, vor allem im Tiergarten. Später, im Bus, erzählt ihr eine Augenzeugin, dass vor allem plötzliche Polizeisperren, auch von Nebenstraßen, mit Wasserwerfern, zu Verstößen gegen die Abstandsregel geführt hätten.

Wie viele waren nun dabei? 17000 bis 30000, wie die Polizei schätzt? Oder eher 800000 bis 1,3 Millionen, wie das Netz verkündet? Die Chiemgauer sind überzeugt: Mehrere hunderttausend Menschen waren es sicher, bei der zweiten Demo noch mehr als bei der ersten.

Positiv getestet – infiziert – krank

Hallweger fordert von Politik und Medien einen kritischen, achtsamen, korrekten Umgang mit den Corona-Zahlen. Ihr Vorwurf: Viele schlampen bei der Wortwahl, zeichnen Zerrbilder, ziehen falsche Schlüsse. So sei es unzutreffend, bei einem positiven CPR-Test von „Infizierten“ oder „Kranken“ zu sprechen. Auch Systematik und Anwendung des Schnelltests würden selten kritisch beleuchtet.

Ganze und halbe Wahrheiten

Noch ein Vorwurf: Wer sich nur auf positive Tests fixiert, ohne Gesamtzahl der Tests und schwere Verläufe zu nennen, bildet nicht die Realität ab und erzeugt unnötig Panik. Ein Beispiel: In der 25. Kalenderwoche (Mitte Juni) werden in Deutschland 5309 Menschen positiv auf Corona getestet, in der 36. Woche (Anfang September) 7754. Ein alarmierender Anstieg? Ansichtssache, wenn man auf die Zahl der Tests schaut. Anfang Juni waren es 387000, Anfang September über eine Million. Die Positivrate fiel dabei von 1,4 (Juni) auf 0,74 (September). Ein Fakt ist aber auch, dass die Quote der positiven Tests im Oktober stark angestiegen ist.

Impfen als freie Option im Milliardenpoker

Hallweger lehnt das Impfen nicht kategorisch ab. Doch sie kennt Leute, die bleibende Schäden aufs Impfen zurückführen, ihre Überzeugung: Bürger sollten selbst entscheiden, wann sie sich warum gegen was impfen lassen. Wer mit einer weltweiten Corona-Impfkampagne Milliarden verdient, wer welche Studien finanziert – für sie eine wichtige Frage.

Bühne frei für die Neonazis

In Berlin waren auch Neonazis und rechtsextreme Berufsdemonstranten dabei. Hallweger streitet das nicht ab und bedauert das sehr. Doch ihr lief nicht ein offensichtlicher Neonazi über den Weg.

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Sie folgert: Also können es nicht so viele gewesen sein. Dass diese Minderheit so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ärgert sie. Wenn aber alle in die rechte Ecke gestellt werden, macht sie das betroffen. Im vollen Fußballstadion werde von 70000 friedlichen Fans ja auch nicht verlangt, sich von 100 Krawallmachern zu distanzieren.

Irmengard Hallweger hat selbst zwei Berichte verfasst. Sie sind mit diesem Beitrag verknüpft.

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