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Rosenheimer schafft Schweineparadies unter Bäumen

Zucht im Wald: In Halfing und Baierbach steht Tierwohl an erster Stelle

Bild von Waldschweinen
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Die Borstentiere von Rupert Stäbler haben Schwein gehabt.
  • Andrea Schmiedl
    VonAndrea Schmiedl
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Die in Deutschland mit Abstand am meisten konsumierte Fleischsorte ist Schwein. Wer sichergehen will, dass die Tiere artgerecht gehalten und auch getötet werden, stößt schnell auf die streng reglementierte Bio-Landwirtschaft. Dort müssen die Halter ihren Tieren unter anderem ausreichend Platz gewähren, Auslauf oder Weide sind vorgeschrieben. Auch für die Schlachtung gelten besondere Richtlinien. Einer, der diesen Weg konsequent geht, ist der Rosenheimer Rupert Stäbler, dessen Waldschweine ein glückliches und verhältnismäßig langes Leben führen.

von Andrea Schmiedl

Frühmorgens herrscht Ruhe im Wald. Eigentlich. Plötzlich ertönt ein lautes Grunzen aus dem Gebüsch. Dort steht eine Gruppe von etwa 20 Schweinen, deren schwarz-rosa Körper bedeckt sind vom Schlamm des letzten Bades. Sie mustern den Besucher neugierig, dann stecken sie die Schnauzen wieder in die Erde und wühlen weiter zwischen den Wurzeln nach Essbarem. „Jedes Jahr im Frühsommer zieht eine Gruppe von Schwäbisch-Hällischen Ferkeln bei uns in den Wäldern ein. Da sind sie ungefähr drei Monate alt“, erzählt Rupert Stäbler aus Rosenheim. Auf zwei Waldflächen in Halfing und Baierbach hält er seit 2016 Schweine. 2020 waren es insgesamt 95 Tiere. Damit hat jedes Schwein in Stäblers Wäldern knapp 500 Quadratmeter Platz für sich. Die Aufregung der neuen Ferkel ist immer groß, denn es gibt so viel zu entdecken hier unter den Bäumen: Wurzelstöcke zum Annagen und Scheuern, Zweige zum Nestbau und Spielen, Blätter zum Fressen und natürlich viele Möglichkeiten zum Wühlen. Viele weiche Liegeflächen auf dem Waldboden und zwischendurch immer mal wieder ein schlammiges Loch zum Suhlen während der Sommerhitze. Abends dann kuscheln sich die Tiere in einer hölzernen Hütte voll weichem Stroh aneinander.

Eine Idee wird geboren

Fachlich geben der studierte Agrarwissenschaftler Rupert Stäbler und seine Mutter Irene, Tierärztin, die Richtung vor. Unterstützung bekommen sie von Bruder Paul und Vater Manfred. Rupert ist der erste Landwirt in der Familie. Sein Interesse dafür kam mit dem Studium. „Wir hatten daheim keine Weiden oder Ställe, aber 45 Hektar Waldfläche“, sagt Stäbler. Die Idee, Schweine im Wald zu halten, entstand bei einem Urlaub in Korsika. „Da gab es Hausschweine, die lebten frei wie bei uns die Kühe auf der Alm. Das Leitschwein hat eine Glocke um und die Tiere streifen im Wald herum“, erzählt der 30-Jährige. Die Familie beschäftigte sich intensiv mit der Freilandhaltung von Schweinen und besuchte verschiedene Projekte. 2016 war es dann soweit: Die Stäblers starteten einen Pilotversuch zur Waldschweinehaltung. „Bei Schweinen wird bisher noch am wenigsten auf eine artgerechte Haltung geachtet. 95 Prozent leben immer noch auf Betonbalken und haben keinen Auslauf nach draußen. Dabei brauchen gerade Schweine viele Anreize, weil sie sehr intelligent sind“, erklärt der junge Landwirt. Im April 2016 nahm die Familie die ersten sechs Ferkel in Empfang. „Gleich nach Verlassen des Anhängers konnten wir das Erstaunen und die Freude der Tiere über ihren neuen Lebensraum beobachten. Sie begannen sofort zu wühlen und alles zu erkunden“, sagt Stäbler. Im Laufe des Jahres zeichnete sich ab, dass eine Schweinehaltung im Wald ausgezeichnet funktioniert – die Schweine sind glücklich, ausgeglichen und gesund. Also machte Rupert Stäbler weiter. „Wir haben eine traditionelle Haltungsform in Kombination mit modernen Erkenntnissen, etwa in der Fütterung, reaktiviert.“ Neben dem Futter, das die Tiere selbst im Wald finden, gibt es ergänzende Futtermittel an verschiedenen Fressplätzen. „Alles andere machen die Schweine selbst. 25 Prozent ihres Tages verbringen sie mit Wühlen. Diese Zeit haben sie in einem Stall quasi über und kommen dann auf dumme Gedanken, beißen sich zum Beispiel gegenseitig die Schwänzchen ab“, erklärt Stäbler. Zum Schutz vor Regen und Kälte haben die Stäblers den Schweinen solide Holzhütten gebaut, die frei zugänglich sind. Vor allem Rupert pflegt einen engen Kontakt zu den Tieren, damit sie ihm vertrauen und ohne Stress begegnen. Das merkt man: Die Waldschweine sind zutraulich und neugierig.

Delikatesse aus dem Wald

Die Waldschweine der Stäblers dürfen älter und schwerer werden als in konventionellen Betrieben üblich. „Normalerweise werden Schweine mit ungefähr 110 Kilo geschlachtet, bei uns haben sie rund 140 Kilo. In der konventionellen Haltung leben sie auch nicht länger als ein halbes Jahr“, so Stäbler. Am Jahresende mit rund einem Jahr wird die Gruppe innerhalb von rund sechs Wochen geschlachtet. „Wir bringen die Schweine selbst in den Schlachthof, der nur ein paar Minuten entfernt ist. Wir fahren immer mehrere Tiere gemeinsam zum Schlachter.“ Ein möglichst kurzer Anfahrtsweg und ein Transport in der Gruppe sind wichtig, um Angst zu vermeiden, denn das wäre nicht nur schlecht in Bezug auf das Tierwohl, sondern auch für die Fleischqualität. „Die Tiere haben monatelang ohne Stress gelebt und dann hätten sie kurz vor der Schlachtung Maximalstress. Das würde alles kaputt machen“, sagt der Bio-Landwirt. Vor Ort werden die Tiere dann schonend betäubt und geschlachtet.

Rupert Stäbler, Landwirt.

Das Fleisch der Schwäbisch-Hällischen Schweine ist bei Feinschmeckern beliebt. „Ein Schwein aus einer stressfreien, natürlichen Umgebung liefert hochwertiges Fleisch mit sehr gutem Geschmack. Durch viel intramuskuläres Fett ist es sehr zart und schmackhaft“, erklärt Stäbler. Fleisch und Wurst von den Waldschweinen wird in den Partnermetzgereien und ab Hof verkauft.


Geht es nach Stäbler, isst man künftig weniger, aber hochwertigeres Fleisch. „Es wird künftig weniger Schweinehalter geben, weil die Vorgaben immer schwieriger zu erfüllen sind. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Halter, die auf das Tierwohl achten, deswegen wird das irgendwann der Standard sein. Das führt dazu, dass das Fleisch teurer wird.“ Stäbler selbst möchte seinen Bestand um eine dritte Waldfläche erweitern und die Zahl seiner Schweine auf rund 190 verdoppeln.

www.waldschwein.com

Wenn es um die besondere Qualität von Fleisch und Wurst geht, in diesem Fall von Schweinefleisch, sind die glücklichen Schweine ein wichtiger Punkt. Die artgerechte Tierhaltung ist aber nur ein Teil des Ganzen. Die Frage der Haltung stellt sich auch nach der Aufzucht: Der Transport zum Schlachter, die Unterbringung vor Ort und schließlich das Schlachten selbst spielen eine ebenso große Rolle.

Diese nachhaltige Position bezüglich des gesamten Lebenszyklus eines Nutztieres nehmen auch andere Erzeuger in der Region ein.

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