Rosenheimer Zahnärzte in der Coronakrise – Ärztekammer: "Zahnarztbesuch nicht aufschieben"

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Ein Ansteckungsrisiko gilt während der Corona-Pandemie für Zahnärzte und deren Mitarbeiter. Patienten sind aufgrund der hohen Sicherheitsstandards in den Praxen besser geschützt.
  • vonTina Blum
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Die Corona-Krise trifft auch Zahnärzte hart. Viele Praxen im Landkreis haben geschlossen oder ihren Betrieb auf Notbehandlungen beschränkt. Hohe finanzielle Einbußen drohen. Zudem werden Zahnärzte bei der Verteilung von Schutzkleidung als nachrangig eingestuft.

Update 29. April 

"Jeder kann beruhigt zum Zahnarzt gehen"

Presseinformation Bayerische Landeszahnärztekammer Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns 

München, 29. April 2020 – Die Bayerische Landeszahnärztekammer (BLZK) und die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns (KZVB) sehen keine Gründe mehr, aufgrund der Corona-Pandemie einen notwendigen Zahnarztbesuch aufzuschieben. Nachdem seit dem 27. April der Unterricht an den bayerischen Schulen teilweise wiederaufgenommen wurde, und die Staatsregierung heute weitere Lockerungen der Kontaktbeschränkungen beschlossen hat, sollten die Patientinnen und Patienten nun auch wieder verstärkt an ihre Mundgesundheit denken. 

Wer über einen längeren Zeitraum nicht zum Zahnarzt geht, riskiert, dass sich sein Gebisszustand verschlechtert. Deshalb sollten nun alle notwendigen Behandlungen, Vorsorgeuntersuchungen und Prophylaxe-Maßnahmen wieder durchgeführt werden. Die beiden Körperschaften verweisen darauf, dass bei einer zahnärztlichen Behandlung aus folgenden Gründen kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht: 

· Zahnärzte arbeiten seit jeher mit sehr hohen Hygienestandards. Infektionsschutz ist in allen Zahnarztpraxen täglich gelebte Vorsorge. 

· Bereits vor dem Auftreten des Corona-Virus wurden alle Behandlungen mit medizinischem Mund-Nasen-Schutz und Handschuhen durchgeführt. 

· Jede Praxis verfügt über Sterilisationsgeräte für die Aufbereitung der verwendeten Instrumente. Der Arbeitsbereich wird nach jeder Behandlung gründlich desinfiziert, mit Desinfektionsmitteln, die auch das Corona-Virus abtöten. ·

 Die Einhaltung der entsprechenden Vorgaben des Robert-Koch-Instituts, der Bayerischen Landeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns wird durch die Aufsichtsbehörden sowie die zahnärztlichen Körperschaften selbst überwacht und ist Teil des Qualitätsmanagements in jeder Zahnarztpraxis.

· Ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz schließt die Weitergabe des Corona-Virus an den Patienten wirksam aus. 

· Die Zahnarztpraxen achten darauf, dass die Wartezeit der Patienten so kurz wie möglich ist, und im Wartezimmer besteht ein ausreichender Sicherheitsabstand. Ende März hatten die beiden Körperschaften empfohlen, nur nicht aufschiebbare Behandlungen durchzuführen, um die Zahl der Sozialkontakte zu reduzieren. Nachdem nun der Einzelhandel und viele Dienstleistungsbetriebe wieder öffnen dürfen, kann diese Empfehlung aufgehoben werden.

27. April 

Zum Zahnarzt nur für den Notfall? 

Rosenheim – Wer in Zeiten von Corona Zahnschmerzen hat, muss sich keine Sorgen machen: Notfallpatienten werden weiterhin behandelt. Jeder Zahnarzt, der über eine Kassenzulassung verfügt, hat auch dieser Tage einen Sicherstellungsauftrag. Das heißt: Zahnärzte müssen weiterhin für ihre Patienten da sein.

Ansteckungsgefahr für Ärzte höher

„Unsere Patienten können sich sicher fühlen, da wir als Zahnärzte ohnehin unter den höchsten Sicherheitsstandard arbeiten“, sagt Zahnärztin Dr. Claudia Michl. In Kolbermooor betreibt sie Ihre Praxis DentoDoc. Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, ist umgekehrt, also für behandelnde Zahnärzte und deren Mitarbeiter, höher als für Patienten. Dennoch werden Zahnärzte bei der Verteilung von Schutzkleidung als „nachrangig“ eingestuft. Hinzu kommen ein starker Patientenrückgang und damit auch enorme finanzielle Einbußen.

Alle Entwicklungen zur Corona-Krise lesen Sie in unserem Live-Blog zur Lage in der Region und in Bayern.

Praxismitarbeit durch „Aerosole“ gefährdet

Trotz hoher Sicherheitsstandards sei eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus für Ärzte und deren Angestellte nicht ausgeschlossen, sagt Claudia Michl. Gearbeitet werde zwar mit Handschuhen und Mundschutz, Behandlungsinstrumente werden stets desinfiziert. Doch die Gefahr drohe den Praxismitarbeitern durch sogenannte Aerosole. Das sind feine Sprühnebel, die zum Beispiel bei der Zahnreinigung oder beim Bohren durch die entsprechenden Geräte entstehen. In diesen Aerosol-Wölkchen könnten sich Viren besonders gut halten und über die Luft verbreiten. „Ärzte, die mit Mundschutz an die Patienten herantreten, schützen diese vor einer Tröpfchen-Übertragung. Andersherum sind Zahnärzte jedoch den Aersolen, die aus den Mündern der Patienten strömen, stärker ausgesetzt.“

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Zahnärzte fühlen sich im Stich gelassen

Claudia Michl wandte sich mit ihrem Hilferuf an die OVB-Heimatzeitungen. Sie und zahlreiche Zahnärzte fühlen sich in der aktuellen Situation im Stich gelassen. Zunächst gab es keine finanziellen Hilfen für Zahnärzte, dann wurden sie auch bei der Verteilung der Schutzkleidung benachteiligt. Denn laut Bayerischem Gesundheitsministerium, verteilt die zuständige Kreisverwaltung – also das Landratsamt – die Schutzkleidung (FFP2-Mundschutz, Schutzkleidung, Handschuhe etc.) nach medizinischer Notwenigkeit an die Bedarfsträger. Vorrangig geht die Schutzausrüstung an Krankenhäuser, niedergelassene Hausärzte, den öffentlichen Gesundheitsdienst, Patientenfahrdienste, ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie Altenheime. Nachrangig beliefert werden Zahnärzte, Hebammen, Bestatter, Sanitätshäuser und Heilmittelerbringer, heißt es aus dem Ministerium.

Bayernweit äußern Zahnärzte Kritik

Landesweit haben Zahnärzte Kritik an der aktuellen Situation geäußert. Schließlich arbeiten Zahnärzte sehr nah am Patienten. Im Mund. Ein Mindestabstand von 1,5 Metern sei nicht einzuhalten. „Ich habe alle aufschiebbaren Behandlungen aufgeschoben“, berichtet Claudia Michl.

Überbrücken mit Urlaub

Auch Dr. Rolf-Jürgen Löffler öffnet seine Praxis am Schloßberg (Gemeinde Stephanskirchen) nur noch eine Stunde pro Tag für Notfallbehandlungen. „Wir Zahnärzte waren zunächst komplett außen vor. In der Tat leiden wir alle unter dem Mangel entsprechender Schutzkleidung“, berichtet der Zahnarzt. Sie seien von derKassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB) aufgefordert worden, sich auf Notfallbehandlungen zu beschränken, soweit eine Gefährdung ihres Personals ausgeschlossen werden kann.

Seitdem hätten sich zahlreiche Kollegen an die KZVB gewandt, berichtet Pressesprecher Leo Hofmeier. Allerdings gäbe es regional viele Unterschiede: Vor allem im ländlichen Raum hätten auch Zahnärzte Schutzkleidung erhalten. „In Nürnberg und München ist die Lage angespannter.“

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Sprechzeiten in Praxen stark reduziert

Damit auch Zahnärzte als Bedarfsträger berücksichtigt werden, hat die KVZB die Bayerischen Zahnärzte dazu angehalten, einen Notdienst unter der Woche einzurichten. 2000 der rund 8000 Praxen in Bayern sind dabei. Auch Claudia Michl nimmt mit ihrer Praxis am Notfall-Dienst unter der Woche teil. Allerdings habe auch sie ihre Sprechzeiten stark reduziert. Michl und Löffler berichten, dass sie vor Kurzem Schutzkleidung beim Landratsamt beantragt und dieses auch erhalten haben. „Allerdings habe ich nur eine geringe Menge für etwa drei Tage geordert“, so Löffler.

Aber auch finanziell trifft die Corona-Pandemie die Zahnärzte hart. Rund 300 der rund 8000 Zahnarztpraxen haben Angaben des KZVB in Bayern geschlossen. Andere überbrücken mit Urlaub.

Folgen erst im Herbst spürbar

So auch Dr. Helmut Hefele, Obmann und Vorsitzender der Bezirksstelle Oberbayern der KZVB, mit Praxis in Kolbermoor. „Wir hängen in der Luft und wissen nicht, wann es wieder normal weitergeht“, sagt er. Auch Claudia Michl macht sich Sorgen. „Die finanziellen Folgen werden erst in einigen Monaten spürbar“, sagt die Zahnärztin. Denn im März werde das Geld aus dem vierten Quartal des Jahres 2019 ausgezahlt.

In puncto finanzielle Hilfe hat Gesundheitsminister Spahn inzwischen nachgebessert und den Rettungsschirm für Zahnärzte und Therapeuten ausgeweitet. „Dieser Schritt war ein wichtiges Signal und zeigt, dass auch an diese Berufsgruppen gedacht werden muss“, sagt Claudia Michl.

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