41-Jähriger vor Gericht:

Traunstein: Wüste Drohungen und Zielübungen mit Pistole - trotzdem keine Klinikeinweisung

Mit einer ungeladenen Schreckschusspistole in der Hand hatte der Angeklagte (41) Zielübungen in einem Zug zwischen Rosenheim und Holzkirchen gemacht.
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Mit einer ungeladenen Schreckschusspistole in der Hand hatte der Angeklagte (41) Zielübungen in einem Zug zwischen Rosenheim und Holzkirchen gemacht.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Ein psychisch kranker Mann (41) ist 2019 im Raum Rosenheim mehrmals auffällig geworden. So hatte er beispielsweise den Hund einer Frau mit einem Messer bedroht und Zielübungen mit einer Pistole in einem Zug absolviert. Die Unterbringung des Mannes in einer Klinik lehnte ein Gericht jetzt aber ab.

Traunstein/Rosenheim Bedrohlich wirkende Situationen für Unbeteiligte im Salingarten in Rosenheim und in einem Zug von Rosenheim nach Holzkirchen löste im Juli 2019 ein mittlerweile in Erding lebender Handwerker aus. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs wies gestern den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Unterbringung des zu den Tatzeiten wegen einer psychischen Erkrankung nicht schuldfähigen 41-Jährigen in einer psychiatrischen Klinik zurück und hob darüber hinaus den bisherigen vorläufigen Unterbringungsbefehl auf. Das Urteil wurde rechtskräftig.

Die Krankheit des Beschuldigten begann etwa 2001. Ab dann wechselten sich Phasen von Arbeit mit Krankenhausaufenthalten ab. Zeitweise nahm er zusätzlich Alkohol und Drogen. Mehrfach begab er sich freiwillig in stationäre Behandlungen. In Folge familiärer Probleme tickte er im Sommer 2019 wieder aus, wie er gestern berichtete. Hinzu kam: Er hatte die notwendigen Medikamente abgesetzt. Gestern bedauerte der 41-Jährige alles: „Mir tut es leid, was da passiert ist, was die Leute erleben mussten.“

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Einer Frau hatte der Beschuldigte am 6. Juli 2019 mit einem Messer in der Hand gedroht, er werde ihren Hund töten und dessen Kopf in die Mülltonne werfen. Mehrere Passanten verständigten die Polizei. Drei Polizistinnen und drei männliche Kollegen rückten an. Auf deren Aufforderung hin holte der Täter das inzwischen wieder zugeklappte Messer aus der Hosentasche und warf es in die Wiese.

Wüste Drohungen ausgestoßen

Bei der Durchsuchung stieß der gebürtige Rosenheimer wüste Drohungen aus. „Scheiß Bullen“, „Nutte“, „Ich kastrier euch alle“, „Ich schneide euch die Köpfe ab“, „Ich bringe eure Familien um“ und „Ich verpass dir mit meiner Dienstwaffe gleich eine Kugel“ waren unter anderem zu hören.

Fünf Tage später fiel der 41-Jährige in einem Zug von Rosenheim Richtung Holzkirchen unangenehm auf. Er hatte eine Schreckschusspistole und zwei Küchenmesser mit zwölf und 13 Zentimeter langen Klingen dabei. Mit der ungeladenen Pistole ohne Magazin führte er im Waggon Zielübungen durch – ohne jedoch konkret jemand anzuvisieren. Kurz vor der Haltestelle Kolbermoor schlug er im Türbereich einen Mitreisenden, der bis heute nicht ermittelt werden konnte, mit voller Kraft auf den Hinterkopf.

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Das Gericht hörte angesichts des Geständnisses die Zeugen nur kurz an. Bei jedem entschuldigte sich der Täter persönlich. Eine der Polizeibeamtinnen schilderte, bei der Szene im Salingarten habe sich der 41-Jährige offenbar selbst mit dem Messer verletzt. Blut sei herumgespritzt und habe Polizeiuniformen beschmutzt. Die Zeugin erinnerte sich noch an einige der üblen Drohungen. Die ganze Situation sei schwierig gewesen: „Überall waren Leute, die einkaufen wollten. Mittendrin der Mann mit dem Messer und wir mit gezogenen Waffen.“

Der Vorfall im Zug war belegt durch Fotos und ein Video der Bahn. Nach dem Aussteigen in Kolbermoor hielt der 41-Jährige am Bahnsteig noch eines der Messer in der Hand, wie ein Beamter der Bundespolizei betonte. Der Beschuldigte habe sich danach ohne Schwierigkeiten vorläufig festnehmen lassen.

Eigenständiges Krankheitsbild

Der psychiatrische Sachverständige, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee, erläuterte zur Krankheitsgeschichte. Zwischendurch sei der 41-Jährige jahrelang stabil gewesen und habe seinem Beruf nachgehen können. Früher hätten Suchtmittel in Verbindung mit der Erkrankung eine größere Rolle gespielt. Mittlerweile habe sich ein eigenständiges Krankheitsbild entwickelt. Bei den Taten im Juli 2019 sei die Schuldfähigkeit des 41-Jährigen vollständig aufgehoben gewesen. Gänzlich unbehandelt sei die Wiederholungsgefahr für ähnliche Taten erheblich. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien erfüllt.

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Der 41-Jährige mache heute einen „sehr vernünftigen Eindruck“, betonte Oberstaatsanwalt Dr. Robert Schnabl. Für die Vorfälle könne der Täter nicht bestraft werden. Die Unterbringung sei anzuordnen. Einer erneuten Eskalation könne durch strenge Bewährungsauflagen vorgebeugt werden. Der Verteidiger, Dr. Marc Herzog aus Rosenheim, hatte „begründete Zweifel“ an der Rechtmäßigkeit einer Unterbringung, vor allem in Bezug auf die Gefahr für „erhebliche Straftaten“. Eine Unterbringung sei nicht anzuordnen.

Richter sieht „keine Gewalttaten“

Im Urteil unterstrich Vorsitzender Richter Erich Fuchs, für eine Unterbringung sei eine Prognose auf „erhebliche rechtswidrige Taten“ sowie eine „Wahrscheinlichkeit höheren Grades“ erforderlich. Die Bedrohungen gegenüber den Polizeibeamten seien sehr massiv gewesen. Der Mitreisende im Zug habe sicherlich Schmerzen erlitten. Jedoch handle es sich nicht um „Gewalttaten“. Die „Möglichkeit“ auf Gewalttaten reiche nicht aus.

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