Wolf für Almbetrieb ein Risiko

OVB
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Die touristische Nutzung der Region ist mit einem Lebensraum für den Wolf nicht vereinbar. Darin waren sich die Teilnehmer der Infoveranstaltung zum Thema "Der Wolf - Lebensraum, Erfahrungen und Erwartungen" einig.

Bad Feilnbach - Das Märchen vom bösen Wolf oder eine reelle Bedrohung? Besonders die Almbauern in der Region sind in großer Sorge wegen des Wolfs in den Bergen zwischen Jenbachtal und Bayrischzell. **Bilder und Video auf rosenheim24.de**

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Ein effizienter Schutz für Rinder und Schafe vor dem Raubtier ist in dem Gelände nur schwer umsetzbar, die Suche nach gerissenen Tieren zeitintensiv und kostspielig. Dem gegenüber freuen sich Tierschützer über den Rückkehrer "Wolf" in den heimischen Wäldern. Doch wie geht es weiter? Experten nahmen jetzt in Bad Feilnbach Stellung zu der aktuellen "Lebensraumgemeinschaft Wolf und Mensch".

Der Wolfsrüde, der seit einem Jahr durch die Bergwälder streift, ist drei Jahre alt und stammt von einem Rudel aus Italien ab. Zuletzt nachgewiesen wurde der Wolf Ende Dezember anhand gerissenem Rotwilds.

Dass das Thema den Bürgern unter den Nägeln brannte, bewiesen die rund 400 Besucher aus dem Raum Rosenheim, Berchtesgaden, Weilheim, Garmisch und den Nachbarlandkreisen. Manfred Wölfl vom Wildtiermanagement des Landesamts für Umwelt schilderte den zahlreichen Almbauern, Jägern, Waldbesitzern und Interessierten, die bis in den Flur des Gasthauses Kistlerwirt standen, den Managementplan der Regierung. Doch man sei hier erst bei Stufe 1 (Beobachtung), es würden Vergleiche fehlen. "Es gilt, gemeinsam Lösungen für ein Miteinander mit dem Wolf zu erarbeiten", appellierte Wölfl an die Almbauern und Jäger. Dafür sei mit Jochen Grab ein Regionalberater eingesetzt.

Zusammen mit ihm sollen in Gesprächsrunden Maßnahmen entwickelt und Probleme zügig angegangen werden. Einige Ideen seien Schutzzäune für Almen sowie Hüteschutzhunde für die Herden. Doch gerade diese beiden Varianten stießen auf heftige Kritik bei der Informationsversammlung des Kur- und Tourismusvereins Bad Feilnbach. Von "nicht umsetzbar" bis hin zu "hohen Kosten" reichte die Kommentar-Palette. So müsse man beispielsweise auf Ausgleichzahlungen bei gerissenen Tieren längere Zeit warten. Wölfl erklärte hierzu: "Es muss erst nachgewiesen werden, dass das tote Tier von einem Wolf erbeutet wurde." Bislang seien schon 3500 Euro an Schadensersatzzahlungen überwiesen worden. Überdies habe Minister Söder zugesichert, dass diese Zahlungen erhöht würden. Denn bis dato werde nur der Schlachtpreis des Tieres erstattet, nicht aber der Zeitaufwand des Almbauern für die Suche nach dem toten Tier und dessen Transport ins Tal. Da einige Landwirte die Almwirtschaft als Zweitberuf ausüben, musste für derlei Aktionen sogar Urlaub im Hauptberuf genommen werden.

Vitus Gasteiger, Jagdpächter und Zweiter Bürgermeister von Bad Feilnbach, sprach das "Gefühl des Alleingelassenseins" sowohl bei Almbauern als auch Jägern an: "Wenn Rotwild, versprengt durch den Wolf, Fütterungsstellen meidet und im Schutzwald Schaden anrichtet, bleibe ich auf den Kosten sitzen." Dieser Schaden sei schließlich vom Wolf ausgegangen, aber vom Rotwild verursacht. Hier müsse es klare Regelungen - im Zweifelsfall zugunsten des Geschädigten - geben.

Ein Jahr lebe der Wolf bereits in der Region, Maßnahmen gebe es aber noch kaum. "Die Mühlen mahlen hier langsam", so Gasteiger. Er betonte gegenüber dem Vertreter des Wildtiermanagements, dass die regionalen Jäger nicht für den Abschuss eines auffälligen Wolfes zur Verfügung stünden. "Diese Entscheidung ist im Jagdverband besprochen und eingedenk der Vorfälle um den Problembären Bruno beschlossen worden."

Für die Jagd stelle der Wolf kein allzu großes Problem dar. Die gerissenen Tiere seien als natürliche Auslese zu sehen. Kopfzerbrechen aber bereitet Gasteiger, Bad Feilnbachs Bürgermeister Hans Hofer sowie dessen Amtskollegen aus Fischbachau, Josef Lechner, die touristische Nutzung der Region: "Diese ist mit dem Wolf nicht vereinbar." Die Gemeinde Fischbachau habe deshalb per Gemeinderatsbeschluss festgelegt, dass in der Kommune kein ausreichender Lebensraum für das Raubtier bestünde. "Hier geht es nicht nur um den Schutz des Bürgers und der Urlauber, sondern auch um das Wohl des Tieres", betonte Lechner. Schließlich seien gerade das Jenbachtal und das Wendelsteingebiet dicht bevölkert.

Die Bedenken und Anregungen der Bürger wollte Landtagsabgeordnete Maria Noichl mit in den Landwirtschaftsausschuss nehmen. Für Noichl müssen entsprechende Rahmenbedingungen wie beim Biber oder beim Kormoran geschaffen werden. "Es darf nicht passieren, dass der Ausgleichsfond zu knapp bemessen ist", so die Abgeordnete. Politik und Betroffene müssten gemeinsam eine Lösung finden, "ein Patentrezept gibt es nicht".

Wie schwer es ist, einen Hund von einem Wolf zu unterscheiden, machte anschließend Experte Markus Bathen aus der Wolfsregion Lausitz deutlich. "Nur jeder vierte gesichtete Wolf ist bei uns tatsächlich einer." Ihm zufolge meidet der Wolf den Menschen, nicht aber dessen Strukturen. In der Nacht könne es durchaus sein, dass das Tier bei seiner Wanderung am Ortsrand vorbeilaufen, "um von A nach B zu gelangen". der Wolf an sich lebe im Rudel. Männliche Jungtiere würden aber, wenn sie geschlechtsreif werden sich ein eigenes Revier und eine Partnerin suchen. "Wanderungen von bis zu 1500 Kilometern sind dabei möglich", berichtete Bathen von einem Wolf, der per GPS verfolgt werden konnte. Das Revier eines achtköpfigen Rudels sei zirka 300 Quadratkilometer groß, was in etwa einem Viertel der Fläche des Landkreises Rosenheim entspricht. 2003 rissen Wölfe in der Lausitz 33 von 150 Schafen; 2010 nach Einführung der 90 bis 120 Zentimeter hohen Schutzzäune nur 16 Stück. Bathen legte eine Studie vor, nach der in den vergangenen 50 Jahren in Europa neun Menschen von Wölfen attackiert worden seien: "Fünf davon waren Tollwutfälle, die vier anderen Personen hatten versucht, den Wolf anzufüttern." Seit zehn Jahren lebten in der Lausitz Mensch und Wolf friedlich nebeneinander - auch dort hätte es zu Beginn große Bedenken gegeben.

Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Verbands Oberbayern, forderte alle Beteiligten auf, die Sachlage nicht mit der "rosaroten Brille" zu sehen. Für ihn sind der Wolf und die extensive Weidewirtschaftung nicht vereinbar. "Es wird hier immer zu Konflikten kommen!" Seit der Wolf in der Region weile, habe der Verband 40 Schafsrisse im Bereich Rotwand und Wendelstein verzeichnet. Die Rinder seien unruhig, sieben Kälber bereits abgestürzt. "Die normale Absturzrate liegt im Durchschnitt ansonsten bei 1,2 Tieren", schlüsselte der Vorstand auf. "Wir haben viel zu verlieren", betonte er im Hinblick auf die Almstruktur, welche seit Generationen von den Almbauern gepflegt werde.

Silvia Mischi (Oberbayerisches Volksblatt)

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