Drohungen per E-Mail vor Zwangsräumung - Sondereinsatzkommando evakuierte im Juni Rosenheimer Hochhaus

Wohnungsbrand mit einem Tässchen Benzin

Traunstein/Rosenheim - Der Gerichtsvollzieher klingelte am 10. Juni 2011 um 8 Uhr an der Wohnungstüre eines 43-Jährigen in einem Hochhaus in Rosenheim an der Äußeren Münchener Straße, um die vier Wochen vorher angekündigte Zwangsräumung vorzunehmen.

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Niemand öffnete. Dann erfuhr der Beamte über die Polizei von E-Mails und Anrufen bei verschiedenen Personen, wonach der 43-Jährige gedroht habe, die Wohnung anzuzünden und in die Luft zu sprengen. Ein Sondereinsatzkommando stürmte gegen 13 Uhr die Wohnung. Der Mieter landete in der Psychiatrie. Gestern stand er vor dem Landgericht Traunstein wegen besonders schwerer Nötigung sowie wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Eine Entscheidung fiel noch nicht, zusätzliche Unterlagen sind erforderlich.

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Der Beschuldigte räumte den Sachverhalt gestern ein. Der Verteidiger, Wolfgang Müller aus Rosenheim, betonte, sein Mandant habe darauf vertraut, die von ihm verkaufte Wohnung, an der sein "Herzblut" gehangen habe, per Rückübertragung zurückzubekommen. Mit der Zwangsräumung sei "eine Welt zusammen gebrochen. Der 43-Jährige erklärte: "Es tut mir wirklich Leid. Ich bereue alles." Am Landgericht Traunstein sei noch sein Widerspruch gegen die Räumung anhängig gewesen. Mit den Drohungen per Telefon und E-Mail, die Wohnung anzuzünden, an Anwälte, die Heimatzeitung und die Kirche, habe er Zeit gewinnen wollen.

Täter schon mehrmals in der Psychiatrie

Fünf Liter Benzin hatte der 43-Jährige zuvor an einer Tankstelle gekauft. Seine Drohung, das Benzin in Schalen und Töpfen in der Wohnung zu verteilen, machte der 43-Jährige nicht wahr. Nur eine Tasse voll stellte er auf - "um Benzingeruch zu verbreiten". Dann jedoch hörte er auf: "Es war mir zu riskant." Außerdem bekam er von einem Anwalt einen für ihn positiven Landgerichtsbeschluss über den Nachbarbalkon gereicht. Den Polizeizugriff konnte das nicht mehr stoppen. In dem Gebäude waren am Tattag 83 Personen, die teils evakuiert werden mussten.

Der Beschuldigte steht seit Jahren unter Betreuung. Häufig im Leben führte er Rechtsstreitigkeiten, mehrfach erlebte er Zwangsräumungen. Wegen der Drei-Zimmer-Wohnung im sechsten Stock lag der 43-Jährige im Vorfeld der Ereignisse am 10. Juni 2011 mit dem Eigentümer, dem er die Wohnung selbst verkauft hatte, schon lange im juristischen Clinch. In mehreren Zivilprozessen war der Mieter unterlegen. Wenige Tage nach der Tat stand eine weitere Berufungsverhandlung an, wovon der Gerichtsvollzieher sogar wusste. Warum er den Räumungstermin nicht abgesetzt habe, wollte das Gericht gestern wissen? Der Zeuge berief sich darauf, er benötige das Einverständnis des Gläubigers. Dieser habe stets auf Räumung bestanden. Besonders tragisch: Noch während die SEK-Aktion andauerte, ordnete das Landgericht an, dass die Wohnung nicht geräumt werden dürfe.

Der damalige Wohnungseigentümer schilderte, er habe dem 43-Jährigen im Jahr 2002 eine Firma und die Wohnung in Rosenheim abgekauft. Er habe die Räume renoviert und den Beschuldigten als Mieter akzeptiert. Dann habe er die Wohnung verkaufen wollen. Die Verhandlungen seit 2007 mit immer wieder neuen Anwälten des 43-Jährigen hätten sich ewig hingezogen. Irgendwann sei ihm die Geduld gerissen. "Nach dem vierten Rechtsanwalt" habe er parallel zu den Kaufverhandlungen die Räumung betrieben, so der 50-Jährige gestern. Inzwischen habe er die Wohnung verkaufen können, "Gott sei Dank".

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, bejahte eine Wiederholungsgefahr für ähnliche Straftaten und befürwortete die weitere Unterbringung in der Psychiatrie. Zur Tatzeit sei die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, wenn nicht gar aufgehoben gewesen. Der Beschuldigte weise eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit paranoid-querulatorisch-zwanghaften Zügen auf. Das Sicherungsverfahren geht am Dienstag, 14. Februar, um 14 Uhr weiter.

kd/Oberbayerisches Volksblatt

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