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Das Wörterbuch des Unmenschen

Prof. Werner Weidenfeld (Zweiter von rechts) erläutert Europas Perspektiven: Pater Eberhard von Gemmingen SJ, Gerhard Lux, Michael Elsen und Jürgen Hofmann (von links).  Foto pühler
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Prof. Werner Weidenfeld (Zweiter von rechts) erläutert Europas Perspektiven: Pater Eberhard von Gemmingen SJ, Gerhard Lux, Michael Elsen und Jürgen Hofmann (von links). Foto pühler

Zu den 14. Frauenwörther Gesprächen hatte der Wirtschaftsbeirat der Union gemeinsam mit dem Bund Katholischer Unternehmer (BKU) wieder einen hochkarätigen Referenten in die Aula des Klosters auf der Fraueninsel eingeladen: Prof. Werner Weidenfeld.

Chiemsee - Der Professor für Politische Wissenschaft an der LMU München und Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) wollte in die Verwirrungen, die im Laufe der Jahre rund um Europa entstanden waren, "orientierende Ordnung" bringen. An Aktualität ließ das Thema nichts zu wünschen übrig: Gerade erst haben die französischen Wähler mit dem hohen Stimmenanteil für Marie LePen die europäischen Beobachter irritiert, die griechischen Wahlergebnisse wirkten nicht gerade beruhigend, auf Ungarn schaut Europa mit Sorge. Auch der europäische Arbeitsmarkt entwickelt sind höchst uneinheitlich; anders als vor Jahren seien die Bedenken zu Europa nicht mehr abstrakt und theoretisch, sondern äußern sich sehr "konkret und individuell". Die meisten Menschen in Europa, so Weidenfeld, verstehen diese Entwicklung nicht mehr: Doch sie wollen nicht mit Zahlen und Statistiken überschüttet werden, sie wollen die Entwicklung verstehen und eine Perspektive erkennen. Das dürfte nicht immer leicht sein, wenn dort, wo die Bürger rationale Kriterien erwarten, ganz andere Kräfte wirken. An Beispielen mangelt es Weidenfeld nicht: Banker etwa gestanden ihm ganz ohne Scheu, dass in ihrer Branche das Handeln nicht durch Vernunft bestimmt sei, sondern nur durch "das letzte Gerücht".

Dennoch: Der Politikberater legte den analytischen Maßstab an. Nach den menschenverachtenden Diktaturen war der europäische Gedanke zunächst als echte Alternative in breitester Bürgerbewegung entstanden und hatte bald auch als Teil der Ost-West-Konfrontation sogar identitätsstiftend gewirkt.

Zuerst nur auf den Agrarmarkt und den Außenhandel bezogen, sei Europa heute zum "Schlüsselelement der Machtarchitektur" geworden: Alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens seien davon erfasst (einzige Ausnahmen: Finanzen und Sicherungssysteme). Selbst in die Schulpolitik wirke es hinein, und sei es nur durch die Herausgabe von Vergleichsdaten. Immer neu werde nationale Macht an Europa abgegeben, und jedes Mal entstünden Fragen der Legitimation, der Transparenz und der Führungsstruktur. Selbst weltpolitisch übernimmt Europa inzwischen Mitverantwortung. Auch in Zukunft werde Europa eine bedeutende Rolle spielen (neben USA, China, Russland, Indien und Japan). Doch machte Weidenfeld auf eine interessante Veränderung aufmerksam: Während Macht zunächst mit militärischen und ökonomischen Faktoren durchgesetzt wurde (hard power), traten später die diplomatische Kompetenz und Ausstrahlung des politischen Systems in den Vordergrund (soft power). Heute hingegen könne nur noch der auf Dauer Macht ausüben, wer "die Komplexität erklären und deuten" könne (smart power) - und da sei es in Europa schlecht bestellt.

Wie sieht nun eine Zukunftsperspektive aus? Für den Professor aus München ist klar: "Europa muss sich anders organisieren." Was über Jahrzehnte ohne Probleme funktioniert hat, wird in Krisenzeiten zum Lernprozess, was nun zu ändern sei. Weidenfeld stellt dabei besonders drei Ebenen heraus: die EU muss eigene Daten erheben können und darf nicht darauf angewiesen sein, ob die Mitgliedsstaaten ihr falsche oder ehrliche Daten übermitteln; die Staaten müssen früher ihre geplanten Budgets an Brüssel melden, damit dort noch darüber befunden werden kann; und drittens ist eine neue Vertragsgrundlage erforderlich, in der Sanktionen und schärfere Entscheidungen verankert werden. Im neuen Fiskalpakt solle dies über ein Netzwerk an bilateralen Verträgen abgesichert werden.

Unterm Strich sieht der "Dirigent der Denkfabrik in München", wie ihn manche nennen, die Herausforderungen eng mit den Besonderheiten Europas verbunden: die größtmögliche Vielfalt an Temperamenten und Mentalitäten in größtmöglicher räumlicher Dichte, das muss zu Spannungen führen - Spannungen, die sich entweder negativ entladen in imperialen Verwüstungen oder positiv durch zivilisatorische Großtaten. "Die Bergpredigt und das Wörterbuch des Unmenschen, beides ist möglich." Wohin das Pendel ausschlägt, das hängt auch davon ab, wie die vorhandene Macht in Europa geregelt wird.

Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft war sie zwar jahrzehntelang tabu, "doch die europäische Sicherheitspolitik wird das Thema der Zukunft", prognostizierte Weidenfeld den Teilnehmern bei den Frauenwörther Gesprächen. Vielleicht eine zivilisatorische Großtat. püh