Gerissene Schafe in der Region: War es ein Wolf oder ein Wolfshund?

  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
    schließen

Die Ergebnisse der Gen-Analyse von toten Schafen im Raum Traunstein sind da. Doch um welches Tier und sogar welche Tierart es sich bei dem Räuber handelt, steht noch nicht fest.

Embed Video BR

In Kürze

  • Im Raum Traunstein wurden in den vergangenen Wochen vier Schafe gerissen. Im benachbarten Tirol gab es seit Februar ebenfalls mehrere solcher Fälle.
  • Derzeit laufen Genanalysen, um herauszufinden, um welchen Typus es sich bei dem Räuber in der Region handelt. Erste Ergebnisse sind noch nicht eindeutig.
  • Fest steht aber, dass es sich um ein Tier handelt, das selbst oder dessen Artgenossen noch nie in der Region nachgewiesen wurden

Update 15. Juli, 13 Uhr

Ein neuer Räuber in der Region

Reit im Winkl - Ein Wolf? Ein Wolfshund? Was ist es, was in Tirol und in den Bergen und Wäldern von Reit im Winkl umherstreift? Tirol und Bayern arbeiten eng und fieberhaft zusammen, um das Raubtier endlich zu identifizieren.

Lesen Sie auch: Ein Wolf an der Priener Hütte?

So lange läuft die Identifizierung

Warum die Experten dennoch um Geduld bitten. „Es wird noch einige Wochen dauern“, sagt eine Sprecherin des Landesamtes für Umwelt in Augsburg. „Diese Angelegenheit wird uns noch den Sommer über beschäftigen.“ Dabei hatte die Landesveterinärdirektion von Tirol kürzlich bekanntgegeben, dass zwischen Februar und Juni vier verschiedene Wölfe in Tirol unterwegs gewesen waren.

Auch interessant: Ein Wolf an der Hochries?

Genmaterial des Tieres noch nicht bekannt

Warum dauert es dann in dem Fall von Reit im Winkl so lang? Es fehlt noch Vergleichsmaterial. Es liege daran, dass es sich dabei um einen Typus handelt, der in Deutschland oder Österreich noch nicht bekannt sei, heißt es aus Augsburg. Der nachgewiesene Genotyp des hundeartigen Wesens komme sowohl häufig bei Wölfen in Südosteuropa - wie Slowenien und Kroatien - als auch bei Hundezüchtungen wie dem Wolfshund vor.

Tier "pendelt" zwischen Tirol und Bayern

„Für eine abschließende Beurteilung sind aufwendige tiefergehende Analysen notwendig.“ Warum die Bayern so eng mit Tirol zusammenarbeiten: Sowohl in Reit im Winkl als auch in Kössen und Walchsee wurden Tiere gerissen. Die drei Ortschaften liegen in Luftlinie gerade mal fünf bis zehn Kilometer auseinander, ein Raubtier müsste nur eine Bundesstraße überqueren.

„Es ist nicht seine Gegend“: Der Wolf meidet Menschen eher. Auch die Wanderer an der Hochries, sagt Claus Kumutat, Chef des Landesamtes für Umwelt.

Identischer Räuber in Kössen und Walchsee ist auch der von Reit im Winkl

Die Untersuchungen weisen ebenfalls darauf hin: Der Räuber von Kössen und Walchsee ist der von Reit im Winkl.  „Ein erster Abgleich zwischen dem deutschen und dem österreichischen Referenzlabor zeigt, dass es sich bei den Schafsrissen in Kössen und Walchsee in Österreich und im südlichen Landkreis Traunstein in Bayern um den identischen Haplotypen und mit großer Wahrscheinlichkeit um dasselbe Individuum handelt“, erklärt das Landesamt.

Schafzüchter haben 11 Tiere verloren

„Beide Labore arbeiten mit Hochdruck an der Artbestimmung.“ Für die Almbauern steht seit längerem fest: ein Wolf. In Ötzleiten, Ortsteil Entfelden, haben die Schafzüchter Willi und Florian Gstatter nach eigenen Angaben bereits elf Tiere verloren. Dr. Klaus Thiele und Martin Stief aus Ruhpolding, die Beauftragten des Netzwerks Große Beutegreifer des Landesamtes, entnahmen Gewebeteile einiger getöteter Tiere für eine genauere Analyse – die ergab immerhin die hohe Übereinstimmung mit den Proben aus dem österreichischen Grenzgebiet. Es scheint das selbe Tier zu sein. Ob es ein Wolf ist, das ist weiterhin offen.

Vier verschiedene Wölfe in Tirol

Was feststeht: Zwischen 24. Februar und 2. Juni waren in Tirol vier verschiedene Wölfe unterwegs. Das hat die vertiefende genetische Analyse – die so genannte Genotypisierung – von DNA-Proben von Wild- und Nutztierrissen aus den Bezirken Landeck, Lienz und Schwaz ergeben. Bei ihnen wurde jeweils ein Wolf nachgewiesen. Im Zuge der Genotypisierung wird nicht nur die Tierart, sondern sogar das einzelne Tier bestimmt, das „konkrete Individuum“, wie die Experten der Tiroler Landesregierung sagen.

Genetisch bestimmt wird nicht nur die Tierart, sondern auch das einzelne Tier

Diese genetischen Fingerabdrücke ermöglichten es, die Bewegung einzelner großer Beutegreifer besser nachvollziehen zu können.

Die einzelnen Fälle in Tirol

  • Am Sonnenplateau im oberen Gericht (Bezirk Landeck) wurden in Februar und März dieses Jahres sowohl ein männlicher als auch ein weiblicher Wolf nachgewiesen. „Aufgrund dieses beinahe zeitgleichen Nachweises kann eine Paarbildung nicht ausgeschlossen werden“, erklärt Martin Janovsky, Beauftragter des Landes für große Beutegreifer. Seit den letzten Rissen Anfang Juni in Serfaus sind den Behörden keine weiteren konkreten Hinweise aus diesem Gebiet bekannt worden. Es ist wahrscheinlich, dass sich diese Wölfin den Winter über in der Region aufgehalten hat.
  • In Gerlos hielt sich ein Wolf auf, der bereits im vergangenen Jahr in Salzburger Pongau mehrere Schafe gerissen hatte.
  • Bei den drei am 18. Mai im Gemeindegebiet von Matrei in Osttirol gerissenen Schafen wurde wiederum ein weiblicher Wolf als Verursacher nachgewiesen. Dieses Individuum wurde in Österreich bisher noch nie festgestellt. Noch keine eindeutigen Ergebnisse erbrachten die DNA-Analysen zur Bestimmung der Tierart für die Ziegenrisse vom 4. Juni im Gemeindegebiet von Kirchdorf, ebenso wie für die Schafsrisse vom 21. Juni in Walchsee und vom 29. Juni in Kössen.

Update 13. Juli, 13.20 Uhr

Traunstein - Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat in einer Pressemitteilung über das Ergebnis der ersten Genanalyse von toten Schafen im Kreis Traunstein informiert.

Genprofil nicht eindeutig

Der nachgewiesene sogenannte haploide Genotyp (Haplotyp) des Caniden kommt demnach sowohl häufig bei Wölfen in Südosteuropa wie Slowenien und Kroatien als auch bei Hundezüchtungen wie dem Wolfshund vor. Für eine abschließende Beurteilung sind aufwendige tiefergehende Analysen notwendig, weshalb ein endgültiges Ergebnis erst in mehreren Wochen erwartet wird. 

Nutztierhalter, deren Weiden innerhalb der Kulisse liegen, können sich Herdenschutzmaßnahmen fördern lassen. 

In den letzten Wochen waren im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet zwischen Traunstein und Kitzbühel insgesamt zehn Schafe tot aufgefunden worden. 

Das befeuert die Frage nach einem Zusammenleben von Wolf, Mensch und Nutztier. 

+++

Update 12. Juli, 15 Uhr: 

Almgespräch auf dem Samerberg – vom Bauernherbst zum Wolf

Feichteck/Samerberg (hö) – Beim "Almgespräch" auf der Feichteckalm im Samerberger Almengebiet hat sich Sebastian Friesinger als Landesvorsitzender des Bayernbundes und als Vorsitzender des Vereins für regionale Vermarktung im Raum Rosenheim (RegRo) zum Thema Wolf so geäußert: „Der Wolf passt nicht in die Kultur- und Weide-Region, er braucht seine Ruhe und wir auch“

Max Bertl, selbst aktiver Jäger ergänzt dazu: „Eine besondere Gefahr entsteht in der Paarungszeit, da reagieren Wölfe genauso anders wie es bei Kühen mit Kälbern geschieht und da ist echte Vorsicht auch für die Menschen geboten.“ 

"Den Garaus machen!"

Zum Argument, dass bei Vieh-Schäden durch den Wolf ein Ausfall vom Staat übernommen wird, heißt es gemeinsam: „Eine Entschädigung gibt keinen Sinn, wenn das Leben von Tieren grausam beendet wird und der Almfrieden gestört ist“. 

Hans Auer, Ehrenvorsitzenden des Tourismusvereins Samerberg, meinte zur Forderung, dass Wölfe aus Weideregionen entnommen werden dürfen: „Eine Duldung und das Warten auf den nächsten Schrecken sind nicht angebracht, dem Wolf muss man bei uns den Garaus machen, halb-Wolf gibt es ebensowenig wie halb-schwanger oder halb-verheiratet“. 

+++

Meldung 12. Juli, 14.30 Uhr: 

"Der Wolf macht es sich nicht extra schwer"

Samerberg/Reit im Winkl – Wir sprechen dem Chef des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU), Claus Kumutat.

Der Wolf ist in Reit im Winkl und an der Hochries Gesprächsthema. Haben Sie Verständnis für die Sorgen der Almbauern?

Claus Kumutat: Almbauern haben die Pflicht, für die Gesundheit ihrer Tiere zu sorgen. Deswegen kann ich die Sorgen selbstverständlich verstehen. Wir werden jede Möglichkeit nutzen, darüber ins Gespräch zu kommen und zu bleiben.

Muss man auch um Rinder oder gar Pferde fürchten?

Kumutat:Ich kenne solche Erzählungen, aber ich kann den Wahrheitsgehalt nicht prüfen. Wölfe ernähren sich normalerweise von wild lebenden Tieren, vom Kleinsäuger bis zum Huftier. Nutztiere jagt er nur dort, wo eine geringe Dichte an wild lebenden Tieren herrscht und die Nutztiere leicht zu erbeuten sind. Der Wolf macht es sich nicht extra schwer.

Claus Kumutat

Das hat er mit dem Menschen gemeinsam, wie auch den Umstand, dass er nicht genug bekommt. Warum hören Wölfe nicht auf zu töten, wenn sie ein Nutztier erlegt haben?

Kumutat: Der Wolf jagt normalerweise fliehende Tiere. Wenn er in Gehege eindringt, in denen die Tiere am Fliehen gehindert sind, dann kann sein Jagdinstinkt allein durch die Bewegungen der in Panik geratenen Tiere ausgelöst werden.

Auch das könnte Sie interessieren: Ein Wolf an der Priener Hütte?

Sollte sich ein Schaf also totstellen, dann…

Kumutat: Ich habe noch nicht gehört, dass das ein Schaf probiert hätte. (lacht) Normalerweise ist es so: Wenn der Wolf Beute sieht, dann hetzt er sie und tötet sie, den anderen Tieren einer Herde läuft er nicht mehr nach. Das würde unnötig Energie kosten. Dabei ist das Verhalten im Gehege nicht einmal energieeffizient. Aber auf Bewegung reagiert der Wolf instinktiv.

Wie weit kann sich ein Wolf bewegen?

Kumutat:Der Wolf kann in einer Nacht 50 bis 70 Kilometer zurücklegen, im Extremfall sogar 100 Kilometer.

Es wäre möglich, dass er in Reit im Winkl gesichtet wird und am nächsten Morgen Bergwanderer an der Hochries erschreckt?

Kumutat:Theoretisch ja. Es ist nur so, dass der Wolf das gar nicht vorhat. Er ist vorsichtig und weicht Menschen aus. Was nicht heißt, dass er Siedlungen generell meidet. Wenn er dort gerade keine Menschen wahrnimmt, zum Beispiel nachts, kann er auch einmal direkt an bewohnten Häusern vorbeilaufen.

Weil der Mensch nicht in sein Beuteschema passt, oder weil er Angst hat?

Kumutat:Beides. Er hat kein Interesse daran, und er meidet den Menschen, das werden uralte Erfahrungen sein. Sagen wir‘s so: Das ist nicht seine Gegend.

Lesen Sie auch: Wolfssichtung an der Hochries 

Wie groß ist die Chance oder – aus der Sicht der Almbauern – Gefahr, dass ein Wolf etwa in Reit im Winkl oder an der Hochries eine Wölfin findet und am Ende ein Rudel bildet? 

Kumutat: Das ist dem Zufall überlassen. Ein ziehender Wolf, wenn es denn ein Wolf ist, sucht nach einem Revier und lässt sich nieder, wenn er oder sie eine Partnerin beziehungsweise einen Partner findet und wenn das Gebiet groß genug ist und Rückzugsräume bietet. Aber wie gesagt: Das hängt vom Zufall ab. 

Welche nicht tödlichen Möglichkeiten gibt es, einen Wolf zu vertreiben?

Kumutat: Man kann seine Tiere zum Beispiel mit Litzen-Elektrozäunen schützen oder mit Elektro-Netzzäunen, wenn sie mindestens 90 Zentimeter hoch sind. Bei Litzenzäunen darf die unterste Litze nicht höher als 20 Zentimeter über dem Boden geführt werden. 

90 Zentimeter? Da springt er doch drüber, oder? 

Kumutat: Wölfe springen ungern. Sie gehen mit der Schnauze dicht über den Boden und versuchen es lieber unten durch. Wenn sie da einen ordentlichen Schlag bekommen, dann merken sie sich das. 

Nun weisen aber die Almbauern darauf hin, dass es im Gebirge Gelände gibt, das zu steil oder zu felsig ist, um Zäune aufzustellen. 

Kumutat: Das ist eine Situation, die wir direkt mit den Bauern diskutieren müssen. Wir sind dabei zu definieren, wo die Grenzen der Zumutbarkeit sind. Wir sind keine professionellen Almbauern, die Klärung erfolgt in der Diskussion mit der Landwirtschaftsverwaltung. 

Die Almbauern nicht nur in Reit im Winkl fordern Abschüsse von Wölfen. Ist der Schutzstatus des Wolfes zu hoch? 

Kumutat: Nein, er ist nicht zu hoch. Um den Schutz abzusenken, bräuchten wir eine stabile Population. Die Beurteilung dazu liegt unter anderem bei den Experten am Bundesamt für Naturschutz. Und es gibt länderübergreifende Gremien, die entscheiden, wann eine Art wie der Wolf vom Aussterben bedroht ist und wann nicht mehr. Nach meiner Erkenntnis sind wir davon aber weit entfernt. 

Vielen Menschen wäre wohler, wenn er einfach weiterzöge… 

Kumutat: Unter Umständen hilft das nicht, weil es immer wieder durchziehende Wölfe geben wird. Das Thema Herdenschutz wird bleiben, schon weil wir Nachbarn mit großen Wolfspopulationen haben. Herdenschutz ist daher ein Thema, dessen wir uns offensiv annehmen.

Rubriklistenbild: © DPA

Kommentare