„Wir gehen auch krank in den Stall“: Wie Rosenheimer Landwirte mit der Corona-Krise umgehen

Nebenerwerbslandwirt Josef Steingraber bei seinen Kühen im Stall.Die Tiere müssen versorgt werden – auch wenn derLandwirt krank sein sollte. re
+
Nebenerwerbslandwirt Josef Steingraber bei seinen Bullen im Stall. Die Tiere müssen versorgt werden – auch wenn der Landwirt krank sein sollte.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
    schließen

Viele Bauern fragen sich, wie sie ihren Hof versorgen sollen und wie sie abgesichert sind, wenn sie an Corona erkranken. Als Selbstständige sind viele schon jetzt betroffen. Und das kann weitreichende Folgen haben: Denn die Landwirte sichern die Versorgung mit Lebensmitteln.

Rosenheim – Josef Steingraber (35) ist Landwirt im Nebenerwerb. Sein Hof steht im Rosenheimer Stadtteil Aising. Jüngst befand er sich in freiwilliger Quarantäne. Freunde von ihm hatten sich im Winterurlaub in Ischgl mit dem Coronavirus infiziert. Weil er mit ihnen Kontakt hatte, zog er die Notbremse. Mittlerweile ist sein Testergebnis dar: Er hat sich nicht mit dem Virus infiziert.

120 Mastbullen werden versorgt

Im Hauptberuf leitet Josef Steingraber die Geschäftsstelle Rosenheim des bayerischen Bauernverbandes, derzeit aber ist er in Elternzeit. Die Landwirtschaft betreibt er mit seiner Familie, mehrere Generationen leben auf dem Hof. Gemeinsam versorgen sie mehrmals täglich 120 Mastbullen. Der Tag beginnt morgens um 7 Uhr: zufüttern, misten, einstreuen, die Tiere kontrollieren. Einiges wird maschinell erledigt, aber vieles müssen Steingraber und seine Helfer selbst machen. Vor allem zu Erntezeiten endet der Tag spät, oft erst gegen 21 Uhr.

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Alle Infos aus dem Raum Rosenheim zu COVID-19

Nur im Fall einer tatsächlichen Erkrankung, auch einer Infektion mit dem Corona-Virus, haben Landwirte Anspruch auf eine Betriebs- und Haushaltshilfe durch die Sozialversicherung.

Bei den Steingrabers auf dem Hof in Aising haben sie sich jetzt die Arbeit und das Alltagsleben auf dem Hof aufgeteilt. Vater und Sohn arbeiten im Schichtmodell. Beide streifen sich Handschuhe über und benutzen nicht das gleiche Werkzeug. Schließlich seien auch Oberflächen ein Übertragungsweg, sagt Steingraber. Im Mastbetrieb könne man sich aus dem Weg gehen. In den Milchbetrieben ist dies seiner Einschätzung nach weitaus schwieriger umzusetzen, weil die Arbeit dort deutlich intensiver sei und mehr Personal erfordere.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Ausgerechnet dieser Zweig aber ist mit 2100 Betrieben nach Angaben des staatlichen Landwirtschaftsamtes der größte im Landkreis Rosenheim. Den Einsatz von Betriebshelfern hält Steingraber grundsätzlich für sinnvoll, sieht ihn aber auch kritisch: „Bis man jemandem die Abläufe und die Eigenheiten eines Betriebs erklärt hat und sich eine Zusammenarbeit eingespielt hat – das dauert einfach oft zu lang. Wir gehen auch krank in den Stall, wenn es sein muss.“

Lesen Sie auch: Ausgangsbeschränkungen durch das Coronavirus in der Region Rosenheim – Bußgeldkatalog kommt

Was aber, wenn ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist? Die Katholische Dorfhelferinnen & Betriebshelfer in Bayern GmbH (KDBH) ist Arbeitgeber von rund 100 Dorfhelferinnen und die LBHD von rund 180 Betriebshelfern, die im Notfall bei Landwirten vor Ort eingesetzt werden. „Derzeit war noch kein Einsatz eines Betriebshelfers notwendig, weil ein Landwirt sich mit dem Corona-Virus infiziert hat. Aber es ist damit zu rechnen, dass das bald geschieht. Wir fahren auf Sicht“, sagt Stefan Kürschner, Geschäftsführer der KDBH. Für Kürschner stellt sich aber noch eine andere Frage: „Wie schützen wir unsere Einsatzkräfte?“ Dies sei nicht zu unterschätzen, weil es sich um systemrelevante Berufsgruppen handle – ähnlich wie Krankenpfleger. Niemandem könne schließlich zugemutet werden, schutzlos auf einem Hof arbeite, auf dem Corona-Infizierte seien: "Wir entscheiden immer von Fall zu Fall vor Ort in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden."

Viele Generationen unter einem Dach

Er hofft darauf, dass Bauern aufgrund der sozialen Strukturen eine relativ gering gefährdete Gruppe sind. Schließlich lebten viele außerhalb der Zentren mit relativ geringem nicht den umfangreichen Fremdkontakten zu anderen wie z.B. bei Leuten in der Stadt, sagt er. Der Landwirt als Mensch mit wenig sozialen Kontakten? Josef Steingraber, der das Infektionsrisiko durch den eigenen Freundeskreis gerade selbst erlebt, sieht das anders. Und er weist zudem darauf hin, dass bei vielen landwirtschaftlichen Betrieben meist mehrere Generationen und somit auch Risikogruppen unter einem Dach wohnen – wie auf seinem Hof.

Lesen Sie auch: Aktuelle Informationen des Bayerischen Bauernverbands in Rosenheim

Nach Auskunft des Bayerischen Bauernvebandes stehen in der bayerischen Dorf- und Betriebshilfe rund 800 hauptberufliche und zusätzlich knapp 700 nebenberufliche Einsatzkräfte bereit.

Rund 2800 landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Stadt und Landkreis Rosenheim nach Auskunft des staatlichen Landwirtschaftsamtes. Reicht die Zahl der Betriebshelfer bayernweit aus, um landwirtschaftliche Betriebe am Laufen zu halten und die Versorgung sicherzustellen? Werden diese auch eingesetzt, wenn ein Infektionsrisiko besteht?

Staatsministerium: „Keine besonders gefährdete Berufsgruppe“

Die Auskunft des bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft dazu ist knapp gehalten. Grundsätzlich stellten Landwirte keine besonders gefährdete Berufsgruppe dar, sagt Sprecher Martin Hecht. Derzeit seien keine speziellen Regelungen oder Unterstützungen für Landwirte geplant. Bekannt sei, dass man sich nicht durch Lebensmittel mit dem Coronavirus infizieren könne und eine Übertragung von Tieren auf Menschen oder umgekehrt ausgeschlossen sei. Für Landwirte gelte daher wie für andere Berufsgruppen: Überflüssige Kontakte meiden. Trotzdem werde derzeit an einem Notfallplan zur Unterstützung der Landwirte gearbeitet, meldet Hecht. Man versuche über diverse Organisationen freiwillige Betriebshelfer zu gewinnen.

Erste Preisstürze für Erzeugnisse

Als Selbstständige kann die Coronakrise viele Bauern vor allem finanziell schwer treffen. In Rosenheim sind nach Auskunft des Landwirtschaftsamtes 55 Prozent der Landwirte im Haupterwerb tätig, der Rest im Nebenerwerb. Erste Preisstürze gab es infolge der Ausbreitung des Coronairus bereits für Erzeugnisse aus der Landwirtschaft. Laut Bauernverband hat der Discounter Aldi bereits versucht, Preisverhandlungen vorzuziehen und so den derzeit günstigen Milchpreis für die Zukunft festzulegen. Josef Steingraber hofft auf einen vernünftigen Handel, der die Situation nicht ausnutzt. Ein Eingriff in den Markt von staatlicher Seite ist Angaben des Ministeriums zufolge nicht geplant. Offen sei auch, wie eine wirtschaftliche Unterstützung konkret aussehen könnte. Dafür sei das Wirtschaftsministerium zuständig, genaue Informationen gebe es noch nicht.

Entschädigung für Verdienstausfall

Sollte das Gesundheitsamt tatsächlich auf einem Hof die Berufsausübung untersagen müssen, werden die Bauern auf Antrag für ihren Verdienstausfall entschädigt, so die Auskunft von Markus Drexler, Sprecher des bayerischen Bauernverbandes. Sollte der Betrieb tatsächlich ruhen, sei es auch möglich, sich Betriebsausgaben erstatten zu lassen. Für beides komme die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau nach den Regeln des Infektionsschutzgesetztes auf. Ein entsprechender Antrag könne bei der Regierung von Oberbayern gestellt werden.

Keine Engpässe befürchtet

Josef Bodmaier, Kreisobmann der Landwirte in Rosenheim, sagt angesichts Corona: „Ich sehe das relativ entspannt.“ Ein Preisrückgang sei zwar spürbar, gerade die Mastkälber seien im Moment deutlich niedriger bewertet auf dem Markt. Er gehe aber davon aus, dass sich die Preise langfristig wieder einpendeln und rechne nicht mit Produktionsengpässen. Auch nach Aussage von Martin Hecht, dem Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, sind die Landwirte gut aufgestellt, es könne langfristig genügend produziert werden.

Josef Steingraber hofft, dass die Corona-Krise den Effekt hat, dass die Menschen die Landwirte wieder mehr schätzen. Wie wichtig die Versorgung mit Lebensmittel ist, erfahre jetzt jeder. Erste positive Erfahrungen hat er bereits gemacht: „Ich bin noch nie so oft gegrüßt worden auf dem Traktor, wie in den vergangenen Tagen. Es g’freit einen richtig.“

Mehr zum Thema

Kommentare