Wintergatter wird zum Zankapfel

Der Forstbetrieb Ruhpolding will das Fütterungsangebot für Hirsche im Winter im Revier Hohenaschau-Sachrang Ost reduzieren und ein Wintergatter auflösen. Foto dpa
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Der Forstbetrieb Ruhpolding will das Fütterungsangebot für Hirsche im Winter im Revier Hohenaschau-Sachrang Ost reduzieren und ein Wintergatter auflösen. Foto dpa

Die Absicht des Forstbetriebs Ruhpolding, im Revier Hohenaschau-Sachrang Ost im nächsten Jahr eines von zwei bestehenden Wintergattern zur Rotwild-Fütterung aufzulösen, und der darüber hinaus beantragte Abschuss von 50 Hirschen sorgt für Empörung bei der Kreisvereinigung Rosenheim der Jäger. Sie befürchtet unter anderem eine Reduzierung der Rotwild-dichte in dem Bergwald-Gebiet, die aus wildbiologischer Sicht nicht mehr vertretbar ist.

Aschau - Knapp 4000 Hektar ist das Revier groß, nach dem Kenntnisstand der Jäger ergab eine aktuelle Zählung einen Bestand von 70 Hirschen. "Wenn davon 50 erlegt werden, kommen wir auf eine Dichte von deutlich unter einem Stück pro 100 Hektar. Das ist wildbiologisch unverantwortlich", schimpft Werner Zwingmann, der Kreisvorsitzende der Jägervereinigung, der es wegen der Lebensweise der Tiere im Familienverband für notwendig erachtet, pro 100 Hektar statistisch 1,5 bis zwei Hirsche zu belassen. Werde ein Gatter aufgelöst, drohe ihnen außerdem ein qualvoller Hungertod. Der "hohe Jagddruck" führe auch dazu, dass Rotwild aus dem Revier auf andere Reviere ausweiche und dort die Verbissschäden steigen würden. Wenn Zwingmann dem Forstbetrieb ein "kontraproduktives Handeln" vorwirft, bezieht er auch die Verbreitung von TBC bei Rotwild in diese Überlegungen mit ein. Je weniger Futterstellen das Rotwild habe, desto größer ist aus seiner Sicht wegen des dichter werdenden Gedränges an den verbleibenden die Übertragungsgefahr der Seuchenkrankheit.

Zwingmann hat Verständnis für das Bestreben des Forstbetriebes, einen gesunden Bergwald aufzubauen, hält aber die ins Auge gefassten Maßnahmen dennoch für übertrieben und inakzeptabel. "Wir sind für einen gesunden Wald, aber auch für einen vernünftig angepassten Wildbestand", so der Kreisvorsitzende. Mit den Überlegungen des Forstbetriebs befasst sich auch der Jagdbeirat des Landkreises Rosenheim bei seiner nächsten Sitzung am kommenden Montag.

Wie der Position bezieht, weiß Pressesprecher Michael Fischer vom Landratsamt nicht, die Aufregung der Jäger will die Untere Jagdbehörde allerdings nicht teilen. "Wir hatten auch in den vergangenen Jahren immer einen Abschuss von 45 bis 50 Stück."

Für 35000 Hektar

Wald zuständig

Paul Höglmüller, der Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding - er ist für etwa 35000 Hektar Wald zuständig, von denen der Großteil im Landkreis Traunstein liegt - kann die Aufregung nicht verstehen. Er verweist zunächst darauf, dass das Landratsamt Traunstein als zuständige Behörde seinen Abschussplan diese Woche gebilligt habe. Der Jagdbeirat in Rosenheim könne lediglich eine Stellungnahme abgeben, eine bindende Wirkung habe die für ihn aber nicht. Grund: Von den 35000 Hektar Wald in seinem Zuständigkeitsbereich lägen nur 5000 im Landkreis Rosenheim, knapp 4000 davon umfasse das Revier in Aschau. "Deshalb ist das Landratsamt Traunstein die federführende Behörde", erläutert Höglmüller. Die Notwendigkeit einer konsequenten Rotwild-Bejagung begründet er mit dem Schutz des Bergwaldes. Das Revier Hohenaschau-Sachrang Ost weise in seinem Zuständigkeitsbereich die größten Vebissschäden bei der Tanne auf. "Wir haben hier nur ein bis zwei Prozent gesunde Jungpflanzen, in den restlichen Waldflächen etwa sechs bis zehn Prozent", sagt Höglmüller. Ideal wären zwölf Prozent. Die Sorge der Jäger nennt er "absurd", weil im Bergwald bei Aschau nach wie vor eine zu hohe Rotwild-Dichte anzutreffen sei.

Seine Rechnung sieht anders aus. Im Einklang mit der Jägervereinigung Rosenheim geht er von 70 gezählten Hirschen im Revier des Forstbetriebs aus, sein Blick schweift aber auch auf das benachbarte Revier, das Theodor Rasso Freiherr von Cramer Klett gehört. Auf 1700 Hektar befänden sich hier etwa 120 Hirsche, dazu biete Cramer Klett hier drei Futterstellen an. Wenn der Forstbetrieb ein Wintergatter auflöse, stünden den Tieren deshalb auf relativ engem Raum trotzdem noch vier Fütterungen zur Verfügung. Beide Wintergatter seien im Übrigen baufällig. Wenn eines aufgelöst werde, werde das zweite neu errichtet.

"Ich lege ein klares Bekenntnis zum Rotwild ab und sehe uns auch nicht im Konflikt mit der Alpenkonvention und deren Bekenntnis zum Rotwild", stellt der Betriebsleiter klar. Nicht teilen will er die Befürchtung der Jäger, die Auflösung eines Wintergatters und die geplante Abschussquote förderten die Verbreitung von Seuchen bei den Tieren. "Eine Reduktion von TBC erreiche ich am besten durch niedrigere Bestände", so Höglmüller. Vorwürfe aus den Reihen der Jäger, die Verbissschäden wären nicht so hoch, wenn der Forstbetrieb sein Augenmerk stärker auf die Bejagung von Rehen richten würde, weist er zurück. "Wir haben den Reh-Abschuss bereits stark erhöht. Diese Maßnahme allein bringt aber nicht die erhoffte Wirkung." Seine Überlegungen habe er im Übrigen mit Freiherr Cramer Klett und Dr. Georg Kasberger, dem Leiter des Forstbereichs beim Landwirtschaftsamt Rosenheim, besprochen.

Das Gespräch mit Höglmüller bestätigt Cramer Klett, der nicht nur Waldbesitzer und Jäger, sondern auch Leiter des 12000 Hektar umfassenden Hegerings Kampenwand ist. Auch ihm liegt an einem gesunden Wald mit einem angepassten Wildbestand. Deshalb habe er die Abschusszahlen in seinem Revier erhöht. Für die aktuellen Planungen des Forstbetriebs Ruhpolding hat er jedoch kein Verständnis. "Ich halte die angestrebte Reduktion für übertrieben und kann nicht nachvollziehen, dass dem größten wild lebenden Tier in unserer Heimat eine derart niedrige Toleranz entgegengebracht wird", sagt der Freiherr.

Kasberger: Bestand nicht gefährdet

Auch Dr. Georg Kasberger bestätigt den Kontakt mit Höglmüller, verweist aber darauf, dass der Forstbetrieb Ruhpolding seine jagdlichen Entscheidungen ebenso in Eigenverantwortung treffe wie beispielsweise Cramer Klett als Revierbesitzer. Seine Behörde habe jedenfalls aufgrund der festgestellten Verbissschäden bereits auf der Basis des Vegetationsgutachtens des Jahres 2012 eine Erhöhung der Abschusszahlen empfohlen. Kasberger versteht, dass die Jäger die jüngsten Pläne des Forstbetriebs nicht für gut empfinden, gibt sich aber nicht so pessimistisch wie der Kreisvorsitzende. "Ich glaube nicht, dass die Maßnahmen die Quote unter eine Populationsdichte drücken, die den Bestand gefährden dürfte." Und noch ein Hinweis scheint dem Behördenvertreter im Hinblick auf die Kritik an Höglmüller wichtig. "Der Forstbetrieb ist gesetzlich zu Vorbildlichkeit verpflichtet."

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