Die Wildschweine kommen

Bisher ist die bayernweit flächenmäßig auftretende Schwarzwildplage im Landkreis Rosenheim nur punktuell aufgeflackert. Doch jetzt hat das Problem auch die Region erreicht. Im Bereich Rohrdorfer Filze scheinen sich die Wildschweine zum Standwild zu entwickeln, das heuer erstmals große Schäden an Wiesen und Äckern angerichtet hat. Groß war deshalb das Interesse an einer gemeinsamen Tagung von Jagdgenossenschaften, Bauernverband und Jägern zum Thema "Schwarzwildbekämpfung".

Rosenheim/Landkreis - Wehret den Anfängen, dachten sich die über 300 Landwirte, Jagdgenossen (Grundeigentümer), Jagdpächter und Jäger, die auf Einladung von Max Lochner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften im Landkreis, im Gasthaus Höhensteiger in Westerndorf St. Peter den großen Saal füllten. Sie zeigten mit ihrer Anwesenheit, dass sie bereit sind, den wichtigsten Lösungsansatz in die Tat umzusetzen: das gemeinsame Handeln. "Das Team muss funktionieren", appellierte Andreas Tyroller vom Oberbayerischen Bauernverband an die Jagdgenossenschaften, Jäger und Landwirte, in einem schlagkräftigen Dreieck eng zusammenzuarbeiten. Will heißen: Entdeckt der Bauer in seinem Maisfeld eine Sau, muss er sofort Meldung machen und innerhalb kürzester Zeit eine "Eingreiftruppe" zur Stelle sein. Dieses Vorgehen hat in der Kreisgruppe Wasserburg, wo vor Jahren die ersten Wildschweine von Eiselfing aus hereindrückten, funktioniert.

Dass sich die Wildart auch im Raum Rosenheim breit machen wird, ist wohl trotzdem nicht mehr zu verhindern. Anhand von Kartenmaterial zeigten Tyroller sowie der Schwarzwildberater und Jäger Klaus Schmidt, wie sich die Welle auf den Landkreis zu bewegt. "Kein Schwarzwild ohne Wildschäden", so Schmidts Erfahrung. Aber muss es so weit kommen, dass sich die Sauen derart massiv vermehren, dass umgegrabenes Ackerland, aufgebrochene Wiesen und zerstörte Maisfelder an der Tagesordnung sind?

Tyroller und Schmidt sehen durchaus Chancen, die Situation in den Griff zu bekommen. Sie beschworen ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten und ein radikales Umdenken bei den Jagdstrategien - durch Sammelansitze bei Nacht, Bewegungsjagden, Alarmpläne, die in Stundenfrist auf Zufallsfunde reagieren, revierübergreifende Drückjagden und Ablenkmaßnahmen.

Außerdem dürfe sich der Jäger nicht allein auf Leittiere konzentrieren, er müsse sich überwinden, auch Frischlinge zu schießen: "Werden vom Frischlingszuwachs in einem Jahr weniger als 60 Prozent erlegt, wächst der Bestand selbst dann, wenn alle Bachen geschossen werden", so Schmidt. Innerhalb von sieben Monaten werde der Nachwuchs geschlechtsreif, ganzjährig müsse er deshalb außerhalb großer Waldungen ohne Rücksicht auf Verwertungsmöglichkeiten geschossen werden.

"Es geht nur miteinander"

Doch auch die Landwirte müssen sich umstellen, forderte Tyroller. Sie sollten ihre Maisfelder mit Schussschneisen ausstatten, im Alarmfall bereit sein, die Erntekette zu unterbrechen, Erntereste vom Acker entfernen und die Jäger bei der Jagd durch Bereitstellung von Treibern unterstützen. Tyroller appellierte auch an die Jagdgenossen, bei ihren Pachtverträgen nicht nur auf eine möglichst hohe Jagdpacht zu setzen, sondern zum Schutz des bewirtschafteten Grund und Bodens eher auf das Jagdkönnen und die Bereitschaft zum konzeptionellen Handeln zu achten. Notwendig sei es auch, die Jäger bei der Ausbildung von schwarzwildgeeigneten Hunden und bei der Trichinenbeschau finanziell zu unterstützen.

Tyroller und Schmidt warnten Jagdgenossen, Landwirte und Jäger unisono davor, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben: "Es geht nur miteinander, sonst sind alle die Verlierer." Gerhard Prentl, Leiter der Unteren Jagdbehörde beim Landratsamt und Mitveranstalter der Tagung, sicherte den Betroffenen die Unterstützung der Behörde zu. Alle Beteiligten ständen vor einer neuen, vor allem organisatorischen Herausforderung.

Die Diskussion zeigte weiteren Handlungsbedarf auf: Es fehlt an schnell einsatzbereitem, gut trainiertem Personal für die Bejagung einer plötzlich auftauchenden Rotte, an Jagdhunden, die sich an die wehrhaften Säue herantrauen, an Ausbildungsmöglichkeiten für Jäger, die in Bayern bisher noch kein Übungsgatter für Schwarzwild vorfinden, an Waffen mit Nachtsichtgeräten. Und an Erfahrung mit der neuen Wildart, von der sich viele regelrecht überrollt fühlen.

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