"Wie ein Hohn"

Freunde der Familie haben eine Gedenkstätte für den tödlich verunglückten Mikka errichtet. In Sichtweite steht ein Verkehrsschild, das ein Tempolimit von 60 Kilometern pro Stunde vorschreibt. Fotos red/Salzeder
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Freunde der Familie haben eine Gedenkstätte für den tödlich verunglückten Mikka errichtet. In Sichtweite steht ein Verkehrsschild, das ein Tempolimit von 60 Kilometern pro Stunde vorschreibt. Fotos red/Salzeder

Im November starb der neunjährige Mikka an einer Bushaltestelle an der Staatsstraße 2092 bei Schonstett, als er die Straße überqueren wollte (wie berichtet). Eine Anfrage, an Bushaltestellen an Landstraßen eine generelle Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde einzuführen, wurde von der Regierung von Oberbayern abgewiesen - mit der Begründung: Es handele sich nicht um einen Unfallschwerpunkt.

Seit kurzem ist - just gegenüber der Gedenkstelle für den toten Buben - ein Schild aufgestellt. Darauf ein Warnhinweis für Autofahrer wegen Krötenwanderung, darunter: die Tempobeschränkung auf 60.

Schonstett - "Für uns Eltern ist es wie ein Hohn", erklärte Sibylle Hübbe, die Mutter des getöteten Buben. Sie und ihr Mann hatten sich vehement für eine Tempobeschränkung an der Bushaltestelle eingesetzt.

Schon vor dem tragischen Unfall hätten sie das Gespräch mit dem Landratsamt gesucht. Dort konnte sich in der zuständigen Abteilung allerdings niemand an ein Telefongespräch erinnern. Gesprächsprotokolle von eingehenden Anrufen würden nicht angefertigt, teilte Pressesprecher Michael Fischer damals mit.

"Wir haben die Behörden über die gefährliche Situation informiert", betont hingegen Sibylle Hübbe, die nicht verstehen kann, "warum jetzt so ein Schild für Tiere aufgestellt werden kann, für Kinder aber nicht". Für Hübbe steht dabei nicht unbedingt die rechtliche Seite im Mittelpunkt, vielmehr die moralische. "Es gibt Personen, die für das Aufstellen solcher Schilder die Verantwortung tragen - das muss diesen Leuten auch bewusst sein oder bewusst gemacht werden".

"Jahrzehntealte Entscheidung"

Frank Ruckdäschl, Abteilungsleiter in der Abteilung Straßenbau des Staatlichen Bauamtes Rosenheim, trägt die Verantwortung nicht, ihm ist die Situation hörbar unangenehm. Er erklärt, dass das Staatliche Bauamt nicht für die Entscheidung zuständig sei. Es habe die Schilder auf Anforderung hingestellt. Es gebe eine jahrzehntealte Grundsatzentscheidung - so alt, dass er noch nicht einmal wisse, wer sie traf - nach der an bekannten Krötenwanderungsstellen für einige Wochen eine Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde aufgestellt werde. Denn dort sammelten Freiwillige von Umweltorganisationen die Tiere ein, bewegten sich dabei auch auf der Straße.

Dass bei Schonstett die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 wegen der Helfer, nicht wegen der Tiere aufgestellt worden sei, sagt auch Michael Fischer, Sprecher des Landratsamtes Rosenheim. Er bestätigt, dass sich die Gemeinden Schonstett, Griesstätt und Eiselfing an das Landratsamt gewandt hätten mit der Anfrage, rund um alle Bushaltestellen generell eine Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde einzuführen. Da auf Landkreisebene nur Einzelfallentscheidungen möglich seien, sei diese Anfrage an die Regierung von Oberbayern weitergeleitet worden. Von dort kam Anfang Januar eine Ablehnung.

Keine gesetzliche Grundlage

Nicht nur, weil eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung rund um Bushaltestelle an Landstraßen eine Änderung der Straßenverkehrsordnung, also eines Bundesgesetzes, sei. Die Regierung von Oberbayern verwies in ihrem Schreiben an das Landratsamt laut Fischer auf die bestehenden Regelungen wie die besonderen Vor- und Rücksichtnahmegebote für Autofahrer gegenüber Kindern und Schülern, auf die Sorgfaltspflicht des Fußgängers und auf die Aufsichtspflicht der Eltern.

Diese Regelungen gewährleisteten die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer, auch der Fußgänger, ausreichend, schrieb die Regierung von Oberbayern dem Landratsamt. Es gebe folglich keine gesetzliche Grundlage für eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 an Bushaltestellen an Landstraßen. "Und damit fehlt uns, dem Landratsamt, auch für eine Einzelfallentscheidung die Handhabe", so Fischer.

Für Sibylle Hübbe nur schwer nachzuvollziehen. "Es ist schon hart, wenn man überlegt, dass eine Kröte langfristig mehr Sicherheit verdient als die Kinder". Hübbe steht mit dieser Meinung offenbar nicht alleine da. Wie von Seiten der Gemeinde Schonstett bestätigt, wurde das Kröten-Schild schon aus dem Boden herausgerissen - mittlerweile steht es wieder. "An dieser Stelle ist es natürlich unglücklich platziert", sagt Zweiter Bürgermeister Paul Dirnecker.

Die Familie von Mikka hat indes weiter mit den Folgen des tragischen Novembertages zu kämpfen. Der Bruder müsse immer noch mit dem Auto in die Schule gefahren werden, erklärte Sibylle Hübbe. Auch die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücksfalls dauert an.

Auf ein Stück mehr Sicherheit auf dem Schulweg können sich immerhin die Kinder verlassen. Wenige Tage nach dem tödlichen Unfall wurde die Haltestelle von der Staatsstraße in ein Wohngebiet in den Ortsteil Au verlegt. Die Rosenheimer Verkehrsgesellschaft ROVG hatte diesem Vorschlag zugestimmt und auch der Grundeigentümer hatte sein Einverständnis gegeben. Jetzt hält der Bus in einem Wohngebiet, wo Tempo 30 gilt.

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