Des Mordversuchs schuldig: Rosenheimer muss in Maßregelvollzug

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Die Johanniter betreuten die Patienten des Klinikumtrakts, der aufgrund des Feuers evakuiert werden musste.
  • Michael Weiser
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Er hörte Engelsstimmen, meinte auf Befehl Gottes zu handeln: Der 50-jährige Rosenheimer, der 2019 Feuer im Inn-Salzach-Klinikum Gabersee legte, musste sich nun in Traunstein verantworten: wegen versuchten Mordes in 28 Fällen, Brandstiftung und Körperverletzung, begangen im Zustand der Schuldunfähigkeit.

Rosenheim/Traunstein – Der Brandanschlag in einer Station des Inn-Salzach-Klinikums Wasserburg vom 17. November vergangenen Jahres hatte eine lange Vorgeschichte. Jürgen Maximilian E. fühlte sich verfolgt, hielt sich irgendwann für Jesus.

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Für einige Wochen war in einer geschlossenen Station im Inn-Salzach-Klinikum untergebracht. Wenige Wochen nach seiner Entlassung griff er dort eine Schwesternschülerin an und verteilte Benzin im Raum, das er aber nicht anzündete. Eine Tat, für die man ihn anschließend sieben Jahre lang in der Forensik unterbrachte.

Täter wusste, was auf ihn zukommt

Wie seine Geschichte nach dem erneuten Anschlag weitergehen würde, war dem Täter offenbar schon zu Beginn der Verhandlung klar. Er sei davon ausgegangen, erwischt und inhaftiert zu werden und in der geschlossenen Abteilung zu bleiben. "Sie gehen davon aus, dass Sie in Gabersee sterben werden?", fragte dann der Vorsitzende Erich Fuchs. "Ja", sagt der Beschuldigte, und zwar mit "fremder Hilfe". Er meinte damit, dass ihn jemand töten werde. Aber, so sagte er es, er fühle sich zufrieden. "Jetzt habe ich endlich meine Ruhe."

Eine lange Leidensgeschichte

Entspannt ruhte er in seinem gepolsterten Stuhl, die Unterarme auf die Lehne gelegt. Es fiel schwer, sich in dem Mann vor Gericht den Täter vorzustellen, der ein halbes Jahr zuvor an der Tür der Station geklingelt und den Pfleger überrumpelt hatte. Mit Benzin hatte er sein Opfer übergossen, ihm angekündigt: „Jetzt seid ihr dran.“ Auf die Frage von Pfleger Robert Hitzke, ob die Flüssigkeit Benzin sei, soll der 50-Jährige geantwortet haben: „Natürlich ist das Benzin, ich zünde euch alle an.“

Dem Gewaltakt war eine 25 Jahre währende lange Leidensgeschichte vorangegangen. Der 50-Jährige leidet unter paranoider Schizophrenie, sagen die Ärzte. Sein Leiden sei jener Auftrag gewesen, den ihm Gott erteilt habe, behauptet hingegen der Täter. Der Rosenheimer, ein kräftiger Mann mit kurzem Haar, in Jeans und olivgrünem Pullover, schilderte mit ruhiger Stimme, wie ihn vier Engel heimsuchten und ihm den „Auftrag des Herrn“ übermittelten: Er müsse die Station anzünden.

Der „Herr“ drohte ihm mit der Hölle

Er habe gezögert, sich gar gefürchtet, den Auftrag auszuführen, die Wesen aber hätten keine Ruhe gegeben. Wenn er nicht gehorche, gehe es „runter“, hätten die Engel gedroht. „Runter“, damit meint der 50-Jährige die Hölle. Seine Vision davon: "Staubig, sandig, keine Getränke, keine Nahrungsmittel, die Männer haben keine Penisse." 

Eines Nachts sei er aufgewacht, von einem Schlag an seinem Kopf. Er habe gespürt, wie innen im Kopf „das Blut ausgelaufen“ sei, sagte er, es habe sich angefühlt wie ein Schlaganfall. Für ihn war es eine überzeugende Drohung „des Herrn“. Einige Wochen vor dem Anschlag stellte er seinen Alkoholkonsum ein, er habe das Bier nicht mehr vertragen, sagte er.

Höllenfeuer in der geschlossenen Station

Schon 2008 habe er nur auf Weisung von oben gehandelt, dabei aber so Angst gehabt, dass er nicht einmal ein Feuerzeug mitgenommen habe. Elf Jahre später kam er wieder, diesmal ausgerüstet mit einem Fünf-Liter-Kanister mit Benzin und zwei Feuerzeugen. Mir war klar, dass das gefährlich ist, dass da auch Leute sterben können." Aber er fürchtete, wieder in die Hölle geschickt zu werden. Es gebe da einen schönen Platz, sagten ihm die Engel, und es gebe einen weniger schönen Platz. "Und ich sei ein Kandidat für den weniger schönen Platz."

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Also entfachte er in der ihm bereits bestens bekannten Station ein Höllenfeuer, das einen solchen Rauch entwickelte, dass der von ihm attackierte Pfleger und ein Kollege eine Taschenlampe benötigte, um sich zu orientieren. Der Pfleger hatte Benzin in die Augen bekommen, er musste für drei Tage ins Krankenhaus, verlor für zwei Wochen sein Augenlicht weitgehend. 26 Patienten aus der betroffenen Station und der Nachbarstation mussten evakuiert werden und wurden wegen Rauchgasvergiftung behandelt. Der Sachschaden soll 100.000 Euro betragen haben.

Was den Angriff ausgelöst haben könnte? Der Beschuldigte hatte vor der Tat die Einnahme der Medikamente beendet, weil die sich mit Alkohol nicht vertragen hätten. Diese Absetzung habe einen neuen Schub ausgelöst, vermutet der Gutachter Klaus Neudecker.

Anschlag mit Insiderwissen

Der 50-jährige Rosenheimer war kurz nach der Tat offenbar durch einen Hinweis der Jahre zuvor betroffenen Frau ins Visier der Polizei geraten. Gegen ihn führte die Antragsschrift einiges an. Wie er, mit Ortskenntnis und Erfahrung ausgestattet, vorgegangen war, beispielsweise mit dem Brand versucht hatte, den Bewohnern der Station des Fluchtweg abzuschneiden, wurde ihm angelastet. Der Rosenheimer sei heimtückisch und gemeingefährlich vorgegangen, er habe vorgehabt, 28 Menschen zu töten. Dabei blieb Staatsanwalt Oliver Mößmer.

Zähneknirschend, nicht billigend gezündelt

Gegen die Menschen habe er nichts gehabt, die Station sei sein Auftrag gewesen. Er habe die Gefährdung der Bewohner „zähneknirschend“ und nicht etwa „billigend“ in Kauf genommen, sagt der Rosenheimer. Vor fünf Jahren war er nach einer günstigen Prognose aus dem Maßregelvollzug entlassen worden. Dazu kommt es nun so schnell nicht mehr. Auch weil nach Auskunft des Gutachters ohne Medikation jederzeit wieder neue Schübe auftreten könnte, entschied der Vorsitzende Richter auf Einweisung des Rosenheimer in ein psychatrisches Krankenhaus. Es handelt sich dabei nach Paragraph 63, dem „Mollath-Paragraph“, um eine unbefristete Einweisung.

Harald Baron von Koskull, Verteidiger des Mannes, konnte da nichts mehr ausrichten. „Mein Mandant weiß, was auf ihn zukommt“, sagte er und beließ es dabei.

Versöhnliche Worte des Pflegers

In Wasserburg dürfte dem Täter Robert Hitzke begegnen. Der Pfleger hat dem Rosenheimer die Tat verziehen, nach eigenen Worten auch sonst keine „Panikattacken oder ähnliches“ erlitten. Den Job zu wechseln kam für ihn nicht in Frage: „Mir geht's um die Menschen.“

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