Wasserburg: Von Drogen zerstört: 36-Jähriger erhält zwölf Monate auf Bewährung

Ein 36-Jähriger aus dem nördlichen Landkreis ist bereits seit acht Jahren arbeitslos und inzwischen zu 75 Prozent schwerbehindert. Seit vier Jahren wird er mit Methadon substituiert, weil er ohne diese chemische Unterstützung unberechenbar würde.

Wasserburg– Zugleich aber, ergänzt er die ärztlich angeordneten Ersatzdrogen mit echtem Heroin oder Kokain. Selbst wenn er damit Gefahr läuft, aus dem Drogenersatzprogramm hinaus geworfen zu werden. So stellte sich die Sachlage am Schöffengericht Rosenheim nun dar.

Im Mai 2018 hatte der 36-Jährige dreimal versucht, über das sogenannte Darknet solch harte Drogen zu kaufen um sie an die „unverfängliche Adresse“ von Mutter beziehungsweise Großmutter senden zu lassen. Jedoch wurden die Drogen aus Holland bereits auf dem Postweg abgefangen und über die Empfänger-Adressen ihm zugeordnet. Denn weder Mama noch Oma hatten jemals etwas mit Drogen zu tun.

Mehrere Streifenbesatzungen müssen anrücken

Als er im Juni 2019 wieder einmal zuhause unter einem schweren Entzug Terror machte, wurde die Polizei hinzu gerufen. Da dabei von einem Messer die Rede war, kamen wegen Eigen- und Fremdsicherung drei Streifenbesatzungen angerückt, welche diese kritische Problematik entschärfen sollten.

Der Angeklagte wurde wie in solchen Gefährdungssituationen üblich ruhig gestellt, gefesselt und zur Polizeiinspektion Wasserburg verbracht. Von dort schließlich weiter zum InnSalzach Klinikum weil er sich auch in der Haftzelle nicht beruhigen wollte. Im Zuge der Maßnahme beleidigte und bedrohte er die Beamten aufs Gröbste und widersetzte sich heftig.

Vor Gericht wurden der Vorfall und das Fehlverhalten des Angeklagten durch Aufzeichnungen der „Body-Cam“ an den Beamten per Video belegt. Insofern war der Angeklagte durchaus geständig und bedauerte seine Ausraster glaubhaft. Das ganze Ausmaß der Sucht bei dem Angeklagten wurde aus dem Gutachten des forensischen Psychiaters Professor. Michael Soyka deutlich: Der gebürtige Wasserburger war als junger Mann zu einer erheblichen ererbten Geldsumme gekommen. Dadurch geriet er in die Fänge russischer Drogendealer, die ihn heroinabhängig gemacht hatten. Damit war eines Tages nicht nur sein Geld weg, sondern auch seine Gesundheit zerstört.Auch nützte auch eine sechsmonatige Therapie nicht mehr. Die vom Heroin zerstörten Blutgefäße verursachten 2016 eine septische Pneumonie, welche nicht nur eine monatelange Dialyse erforderlich machte, sondern ihn tatsächlich in Lebensgefahr brachte. Nach wie vor seien seine Blutgefäße derart zerstört.

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Selbstverständlich wies – bei einer so langjährigen „Drogenkarriere“ – das Bundeszentralregister etliche Einträge wegen einer Vielzahl von Drogenvergehen auf. Auch wenn der Angeklagte sich zu den abgefangenen Drogenbestellungen nicht äußern wollte, so hielt ihn das Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Christian Merkel für schuldig. Weit schwieriger schien es ein richtiges Strafmaß zu finden. Glaubhaft hatte der Angeklagte flehentlich gebeten ihm eine Strafe zu erteilen, bei der ihm die Möglichkeit der Methadon-Behandlung nicht verschlossen wurde.

Verminderte Schuldfähigkeit wird anerkannt

Das empfand auch der Staatsanwalt so. Wie vom Gutachter bestätigt ließ er eine verminderte Schuldfähigkeit gelten. Bestätigte dem Angeklagten auch, dass der sich in einem bemitleidenswerten Zustand befände. Er beantragte in seinem Schlussvortrag eine Strafe von 24 Monaten Haft, die er aber angesichts der Umstände zur Bewährung aussetzen wollte. Desgleichen einen möglichen Maßregelvollzug nach § 64 StGB.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull hielt den versuchten Erwerb von Drogen für nicht bewiesen und die Widerstandshandlungen seien der Gesamtsituation geschuldet, und darüber hinaus keineswegs „gezielt“ gewesen. Auch die angesprochene Zwangstherapie sei hier kontraproduktiv. Sein Antrag lautete, das Strafmaß solle unter einem Jahr bleiben und wie vom Staatsanwalt beantragt zur Bewährung ausgesetzt werden.

Das Gericht befand zwölf Monate Haft für angemessen, setzte die Strafe aber wie beantragt zur Bewährung aus. Gleichzeitig erlegte es dem Verurteilten aber strenge Maßregeln auf. Bei ständiger Überprüfung durch einem Bewährungshelfer soll ihm jeglicher „Beikonsum“ von Drogen zu seinem Methadonprogramm unterbunden werden, so dass er zu einem zumindest halbwegs geregeltem Leben zurück finden könne. au

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