Vorerst kein Prosit: Schlussakkord für Blaskapellen im Landkreis Rosenheim kam mit Corona

Blasmusik übers Internet: Mitglieder der Hochstätter Musi haben gemeinsam ein Online-Video aufgenommen. Dazu spielten die Musiker ihren Part über die Leitstimme des 1. Trompeters und schickten es weiter. Hochstätter musi
  • vonTina Blum
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Volksfeste sowie sämtliche Veranstaltungen sind aufgrund der Corona-Pandemie bis auf Weiteres abgesagt. Das trifft viele Blaskappellen in der Region hart. Noch auf unbestimmte Zeit liegen Auftritte und alle Proben auf Eis. Viele Musiker stehen vor dem Absturz.

Rosenheim/Landkreis – „Wir setzen derzeit bis einschließlich September aus“, sagt Georg Machl, Vorsitzender der Stadtkapelle Wasserburg. Die Gesamtproben für das Orchester ruhen derweil. Besonders heikel sei die Lage des Vereins in finanzieller Hinsicht. „Da der Verein momentan keine Einnahmen hat, können wir ab sofort unseren hauptberuflichen Dirigenten nicht bezahlen“, sagt der Vorsitzende.

Nicht alle Künstler bekommen Soforthilfe

Zwar hatte Ministerpräsident Markus Söder einen Rettungsschirm für Künstler von 1000 Euro für drei Monate aufgespannt, doch davon profitieren nicht alle freiberuflichen Künstler. „Allerdings nur für Musiker, die in der Künstlerkasse Mitglied sind, was beileibe nur einen geringen Prozentsatz betrifft“, sagt Michael Kummer.

Mitgliedschaft in Künstlerkasse nicht immer die passende Option

Er ist Dirigent bei der Stadtkapelle in Wasserburg und dem Sinfonischen Blasorchester Grünwald. Kummer lebt seit etwa 35 Jahren „relativ ausschließlich“ von den Einnahmen als Dirigent und musikalischer Leiter beider Vereine. „Da mein freiberuflicher Status immer aus gemischten Tätigkeiten zusätzlich finanziert wurde, wie beispielsweise Dozententätigkeiten für verschiedene Verbände, journalistisches Arbeiten für Fachmagazine oder noteneditorische Tätigkeiten für Verlage, hat sich für mich eine Mitgliedschaft in der Künstlerkasse als weniger passende Option gezeigt.“ Während der Corona-Krise sind praktisch alle seine Einnahmen weggebrochen.

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Altersvorsorge aufbrauchen: Keine verlockende Option

Kummer blickt auch nicht besonders optimistisch in die Zukunft. „Da alle laufenden Einnahmen der Stadtkapelle Wasserburg zunächst ausfallen, wird sich zeigen müssen, ob mein Honorar noch ins Budget passt“, sagt Kummer. Die einzige Möglichkeit, diese „Flaute“ zu überstehen, sei, die die Altersvorsorge aufzubrauchen. Keine allzu verlockende Option, denn am Ende stehe dann nur mehr der völlige soziale Abstieg mit Grundsicherung, sagt Michael Kummer. Der Dirigent findet es schade, dass besonders Vereine bei Finanzhilfen ganz unten auf der Liste stehen.

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Blasmusiker üben zu Hause

„Eigentlich können wir derzeit gar nichts machen“, sagt Michael Stadler, Vorsitzender der Willinger Musi aus Bad Aibling. Solange Versammlungen verboten bleiben, muss auch die etwa 30-köpfige Truppe der Bad Aiblinger Blasmusiker zu Hause bleiben. „Volksfeste, Bierfestl, Hochzeiten – eigentlich wäre der Terminkalender rappelvoll gewesen. Leider ist alles abgesagt“, sagt Stadler. Geprobt wird nur für sich zu Hause. „Bei manchen funktioniert das gut, bei anderen weniger.“

Kontrollieren könne man das ja nicht. Eigentlich wäre jetzt die Hochzeit für die Proben bei vielen Blaskapellen in der Region. Ab Mitte März, als die Zahlen der nachgewiesenen Corona-Infektionen in die Höhe schossen, dämmerte es vielen bereits: 2020 wird alles anders. Die Ausgangsbeschränkungen und das Versammlungsverbot legten zunächst die Proben der Musikkapellen lahm. Als dann alle Großveranstaltungen bis 31. August und schließlich auch das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde, war klar: Das war‘s erst mal.

Musizieren im Video-Chat technisch nicht machbar

Auch für die Blaskapelle Prien bedeuten diese Maßnahmen: vorerst keine Proben, keine Treffen mit den Musikfreunden und keine Auftritte. „Wie und wann es genau weitergeht, wissen wir nicht“, sagt der Vorsitzende, Stefan Hackenberg. Derzeit diskutiere der Vorstand, ob bald wieder Proben in kleinen Gruppen möglich werden.

Musizieren per Videochat sei mit einer 40-köpfigen Mannschaft technisch aufgrund der leichten Zeitversetzung während der Internetübertragung nicht umsetzbar. Deswegen sind alle Mitglieder angehalten, alleine zu üben. Regelmäßiges Spielen sei für Blasmusiker ebenso wichtig wie das Training für einen Leistungssportler. „Wenn man von Null auf Hundert wieder losgeht, kann es schon sein, dass die Kondition fehlt“, sagt Hackenberg.

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Proberaum der Gemeinde bis auf Weiteres gesperrt

„Tote Hose“ herrsche derzeit auch bei der Musikkapelle Flintsbach, wie der Vorsitzende Johann Stocker berichtet. „Unser Proberaum der Gemeinde ist bis auf Weiteres gesperrt.“ Wann er wieder freigegeben wird, sei derzeit nicht abzusehen. Stocker befürchtet, dass durch die lange Zeit ohne Proben viele die Blaskapelle verlassen könnten.

Er hofft, dass durch die Lockerungen bei den Gottesdiensten zumindest die Proben für kleinere Gruppen von vier bis sechs Mitgliedern seiner Musikapelle in der Kirche möglich werden. „Wir spielen zwar zu Hause, aber das macht nicht so viel Spaß. Die ganze Sache ist sehr traurig“, sagt Stocker. Vor allem die Absage des alljährlichen großen Osterkonzerts habe die Musiker schwer getroffen. „Ende Februar haben wir noch geprobt. Niemals hätten wir gedacht, dass wir unser Osterkonzert und weitere absagen müssen.“

Online-Video statt Trübsalblasen

Von der Corona-Krise unterkriegen lassen? Daran wollen die Musiker der Hochstätter Musi gar nicht denken. „Unser Dirigent Marinus Häusler hatte die Idee, ein Video zu machen“, sagt der Vorsitzende der Musikkapelle, Josef Weber. Dazu nahm der Erster Trompeter in seinem Keller mit dem Metronom und seiner Handykamera seinen Part auf.

„Damit hatten wir die Leitstimme. Ich habe dann das Video bekommen und mit der Tuba meinen Part darüber gespielt“, sagt Weber. Mit Kopfhörern habe er sich die Leitstimme auf seinem Handy angehört, während er sich selbst mit dem Handy seiner Frau aufnahm. Und so wurde das Video immer weiter geschickt.Die Musikkapelle postete das Video auf Facebook.

Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen hat Weber vier Wochen nicht mehr gespielt. Daher sei die Video-Aktion eine tolle Möglichkeit, sich musikalisch aktiv zu werden. Durch das Video sei der Kontakt zu den Musikfreunden wieder stärker geworden. „Das Ergebnis ist wirklich schön“, sagt Josef Weber.

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