Im Viehwaggon in die neue Heimat

Erwin Licht (76) erlebte als Sechsjähriger die Flucht aus dem Sudetenland. Nach einer dramatischen Fahrt im Viehwaggon erreichte die Familie kurz vor Kriegsende Rosenheim. In Haidholzen fand der Bub eine neue Heimat  Fotos: repro amf
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Erwin Licht (76) erlebte als Sechsjähriger die Flucht aus dem Sudetenland. Nach einer dramatischen Fahrt im Viehwaggon erreichte die Familie kurz vor Kriegsende Rosenheim. In Haidholzen fand der Bub eine neue Heimat Fotos: repro amf

Die Erwachsenen hatten es schon länger befürchtet, doch als der Augenblick der Vertreibung dann da war, ging alles drunter und drüber. "Es war ein einziges Chaos", erinnert sich Erwin Licht (76), der damals, im Januar 1945, sechs Jahre alt war.

Zusammen mit seiner Mutter und den Geschwistern musste er innerhalb weniger Stunden das Haus räumen und die Heimat verlassen. Alle deutschen Einwohner des kleinen Ortes bei Kattowitz im Sudetenland sollten sich am Bahnhof einfinden. Nur zwei Koffer waren erlaubt.

Stephanskirchen/Sudetenland - Schon eine ganze Zeit lang wären Polen in Häuser von Deutschen eingedrungen und hätten die Familien überfallen, besonders nachts", erinnert sich Licht. "Wir lebten ständig in Angst, denn unsere Väter waren ja nicht da. Es war eine ungute Zeit." Unter Panik habe die Mutter beim Aufbruch dann das versteckte Geld gesucht - aber es war nicht mehr da. "Ihre Fassungslosigkeit, gepaart mit lautem Geschrei, war furchtbar für uns Kinder."

Dann musste sich die zwölfköpfige Großfamilie im Eiltempo zum Bahnhof begeben. Jeder hatte etwas zum Tragen in die Hand bekommen. Mit dabei waren neben den Geschwistern auch die Großeltern sowie eine Tante, die die "Wassersucht" hatte. Und eine Oma hatte sich zu allem Unglück noch den Knöchel gebrochen und konnte nicht mehr auftreten.

Ziemlich verloren muss der Sechsjährige damals seiner Familie hinterher getrottet sein. "Die blanke Angst regierte im ganzen Dorf und überall war das Gekreische zu hören, das dann am Bahnhof erst so richtig losging." Denn nun hätten die Flüchtlinge realisiert, was gespielt wurde: Sie mussten in bereitstehende Viehwaggons hineinklettern, in denen die Menschen zusammengepfercht wurden. "Da war kein Platz mehr für die Koffer, viele unserer Habseligkeiten mussten wir am Bahnsteig zurücklassen", berichtet Erwin Licht, der heutige Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Haidholzen. "Dieses Gedränge und Geschiebe der Menschen. Es war furchtbar, denn keiner wollte zurückbleiben."

Unterwegs habe der Zug immer mal wieder angehalten: "Da sind die Leute rausgesprungen und haben die dortige Bevölkerung um Essen angebettelt." Dabei habe man schnell sein müssen, denn plötzlich sei die Lokomotive wieder angefahren.

Dramatisch sei ein Vorfall gewesen, als während der Fahrt plötzlich eine Waggontüre aufging und Erwins Bruder hinausstürzte. "Keiner konnte ihn halten, unsere Mutter ist schier verzweifelt." Erst Mitte der 1950er-Jahre hätten sie ihn dank des Suchdienstes des Roten Kreuzes gefunden. Er war inzwischen bei einer Pflegefamilie in Erfurt untergekommen. Doch dann sei der 18-Jährige bei einem Verkehrsunfall bei Bruckmühl ums Leben gekommen. Sein Bruder Erwin saß am Steuer. "Ich hatte gerade den Führerschein und einfach keine Fahrpraxis. Und die schlechten Reifen auf regenglatter Fahrbahn!" Bei der Erinnerung kommen ihm heute noch die Tränen.

Manchmal habe es währedn der Fahrt durchs Sudetenland bei einem Halt etwas Suppe und Brot gegeben - das war die schöne Seite. Dramatischer waren die Fliegerangriffe auf die Züge - "ein Alptraum". Deshalb sei meist nachts gefahren worden. "Bei manchen Halts wurden unterwegs Verwundete von den Bahnsteigen eingeladen. Diese grausigen Bilder gingen mir lange nicht aus dem Kopf."

Dann endlich kam die Familie in Rosenheim am Bahnhof an. Und bald danach war der Krieg aus.

Zunächst wurde den Flüchtlingen im Gasthaus Mühltaler in Westerndorf bei Stephanskirchen ein halbes Nebenzimmer zugewiesen: "Diese rund 20 Quadratmeter, nur mit Tüchern abgeteilt, haben wir mit zwölf Leuten bewohnt. Ich schlief am Boden." Dort lebten die Lichts fast drei Jahre, bevor sie schließlich ins Lager, eine Barackensiedlung in Haidholzen, kamen. "Da hatten wir schon zwei Zimmer. Eines bewohnten wir, das andere die Großeltern. Ein echter Luxus!" Dass die Toilette außerhalb und nur ein Wasserhahn für alle im Gang war, störte niemanden. "Es war ein deutlicher Fortschritt zu vorher", erzählt der heute 76-Jährige.

Und schließlich baute sich die Familie ein Haus. "Das wollte meine Mutter unbedingt." Doch trotz großer Anstrengungen seien sie, die Flüchtlinge, für die hiesige Bevölkerung die "Lagergrattler" geblieben.

Es sei sehr schwer gewesen, Kontakte zu einheimischen Kindern und Jugendlichen herzustellen. "Wir mussten halt arbeiten, um etwas zu beißen zu haben. Denn mein Vater blieb im Krieg, er gilt bis heute als vermisst." Nach der Schule sei er immer zu Bauern gegangen und habe auf dem Feld geholfen - in der Hoffnung, dass etwas Essbares abfällt. "Die Söhne eines Landwirts sind im Krieg geblieben. Das war mein Glück, da kam ich zum Anpacken gerade recht."

Alles drehte sich

nur ums Essen

Wie so viele andere Kinder aus dem Sudetenland war es deshalb mit der Schulbildung nicht weit her. Doch Erwin Licht, der eher aus Zufall als aus Neigung eine Lehre als Weber machen konnte, arbeitete sich hoch. Er erwarb die schulischen Voraussetzungen, machte seinen Meister und eröffnete schließlich die Simssee-Handweberei Erwin Licht in Stephanskirchen. Heute hat er sein Geschäft an seinen Sohn übergeben.

Zurück in die alte Heimat will er nicht mehr, denn "ich habe hier Wurzeln geschlagen", sagt er und fügt dann doch wehmütig an: "Haidholzen sollte eigentlich den Namen Neureichenberg tragen. Das wäre schön gewesen, doch es war nicht gewünscht."

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zum Kriegsende auf

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