Urteil am Landgericht

Verdeckten Ermittlern Drogen angeboten: Dealer (36) aus Bad Aibling muss lange in Haft

Weil er an verdeckte Ermittler Drogen verkaufen wollte, ist ein 36-jähriger Dealer aus Bad Aibling aufgeflogen.
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Weil er an verdeckte Ermittler Drogen verkaufen wollte, ist ein 36-jähriger Dealer aus Bad Aibling aufgeflogen.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Er hatte nicht nur einem verdeckten Ermittler Drogen angeboten, sondern auch einen Polizeibeamten bei der Festnahme verletzt: Dafür und für weitere Vergehen verurteilte ein Traunsteiner Gericht einen Bad Aiblinger (36) jetzt zu einer Haftstrafe und zur Unterbringung in einer Entzugsanstalt.

Traunstein/Bad Aibling – Einem verdeckten Ermittler bot ein 36-jähriger Dealer am Bahnhof in Bad Aibling zwei Kilogramm Amphetamin im Wert von 12.000 Euro zum Kauf an. Eine kleine Menge übergab er dem „Interessenten“ als Kostprobe in Kommission.

Als Zivilbeamte den Mann festnehmen wollten, wehrte er sich und verletzte einen der Polizisten. Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler verhängte jetzt wegen einer Reihe von Straftaten eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten. Weiter ordnete das Gericht unter Vorwegvollzug von zehn Monaten im Gefängnis die Unterbringung in einer Entzugsanstalt an.

Angeklagter legt Geständnis ab

Der Angeklagte räumte den Inhalt der Anklage von Staatsanwalt Josef Haiker ein. Demnach betrieb er von der Wohnung seiner Freundin in Bad Aibling aus ab Anfang Februar 2019 ein Jahr lang einen schwunghaften Handel mit Betäubungsmitteln. Das Ende der Drogengeschäfte läutete der Versuch ein, am Abend des 7. März am Bahnhof in Bad Aibling einem Unbekannten die 2000 Gramm Amphetamin zum Grammpreis von sechs Euro zu verkaufen. Knapp 168 Gramm überließ er dem potenziellen Käufer als Kostprobe in Kommission.

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Zwei Tage später kam der verdeckte Ermittler mit einem Kollegen, um vom Angeklagten den Rest des Amphetamins zu übernehmen. Der 36-Jährige trug gut 600 Gramm dieser Droge bei sich und händigte es den Polizisten in deren Fahrzeug aus. Dabei hatte er ein circa 85 Zentimeter langes Fahrradgliederschloss um den Hals gehängt.

Tritt gegen den Oberkörper

Unmittelbar darauf erklärten vier Beamte in Zivil dem Dealer die vorläufige Festnahme. Der 36-Jährige leistete Widerstand. Mit einem Tritt traf er einen der Polizisten am Oberkörper. Dieser prallte dabei gegen die Fahrzeugtür und zog sich eine Schürfwunde am Kopf zu. Nur unter erheblichem Kraftaufwand konnte der um sich tretende Bad Aiblinger aus dem Wagen gezogen, zu Boden gebracht und gefesselt werden.

In der Wohnung der Lebensgefährtin stießen die Ermittler bei der Durchsuchung laut Zeugen auf eine offen herumliegende „goldene Pistole“, eine zweite Waffe in einer Kommode und eine dritte Schreckschusspistole in einem Wäschefach im Schlafzimmer. Dazu gab es passende Munition. Die voll funktionsfähigen Waffen lagen in unmittelbarer Nähe von Betäubungsmitteln. Knapp 24 Gramm Amphetamin und gut vier Gramm Kokain wurden noch im Gefrierfach des Kühlschranks gefunden. Zusätzlich enthielt die Anklage die Abgabe von zweimal zwei Gramm Marihuana an einen Konsumenten.

Verschlüsselter „Einkaufszettel“

Angesichts des Geständnisses verzichteten die Prozessbeteiligten auf mehrere Zeugen. Unter den angehörten Beamten war einer, der von einem angeblichen „Einkaufszettel“ berichtete. Darauf waren „zehn Cola“ zu lesen – die verschlüsselt wohl für „zehn Gramm Kokain“ standen. In der Wohnung fanden sich Utensilien, um eine „Line Kokain“ zu konsumieren.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem drogengewöhnten Angeklagten volle Schuldfähigkeit zur Tatzeit. Ohne Behandlung müsse mit ähnlichen Verhaltungsmustern gerechnet werden. Die Voraussetzungen für eine Unterbringung zum Drogenentzug seien erfüllt, konstatierte der Gutachter.

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Die Tatvorwürfe hätten sich in vollem Umfang durch das Geständnis und die Zeugenaussagen bestätigt, betonte Staatsanwalt Josef Haiker im Plädoyer auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren. Die Betäubungsmittel seien nicht in Umlauf gelangt. Auch eine gewisse Aufklärungshilfe sei dem 36-Jährigen positiv anzurechnen.

Andererseits sei die Menge Amphetamin zu sehen – auch wenn sie getrocknet deutlich unter zwei Kilogramm gelegen habe. Bei dem leicht verletzten Polizisten habe sich der Täter entschuldigt. Weiterhin sei die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anzuordnen, vor Antritt der Therapie eine Haftstrafe von einem Jahr zu verbüßen.

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Verteidiger Marc Wederhake aus München hob die strafmindernden Aspekte heraus, insbesondere die Aufklärungshilfe seines Mandanten. In Corona-Zeiten habe der seit mehr als acht Monaten inhaftierte 36-Jährige kein einziges Mal seine Familie sehen dürfen und zudem einen „kalten Entzug“ im Gefängnis hinter sich. Statt einer stationären Unterbringung seien ambulante Maßnahmen in einer geeigneten Einrichtung angebracht.

Griffbereite Schusswaffen

Im Urteil begründete die Vorsitzende Richterin, der Widerstand gegen die Zivilbeamten sei „echt heftig“ gewesen. Die Drogen seien alle nicht in den Verkehr gekommen. Bei Amphetamin handle es sich um sehr gefährliche Betäubungsmittel. Die Schreckschusspistolen seien griffbereit gelegen. Zum Fahrradschloss um den Hals existiere eine eindeutige Rechtsprechung. Es reiche, dass Waffen „geeignet“ seien zur Verwendung. Sie müssten nicht mal eingesetzt werden. Zum Thema Unterbringung erklärte Jacqueline Aßbichler: „Sie wollen eine gelockerte Form der Therapie. Momentan ist noch kein Weg dorthin.“

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