Vater gesucht, 5 Geschwister gefunden: Die unglaubliche Geschichte eines Bad AIblingers

Erinnerungen im Fotoalbum: Seit seinem 16. Lebensjahr wuchs bei Ira Hager aus Bad Aibling der Wunsch, mehr über seinen Vater herauszufinden.
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Erinnerungen im Fotoalbum: Seit seinem 16. Lebensjahr wuchs bei Ira Hager aus Bad Aibling der Wunsch, mehr über seinen Vater herauszufinden.

Ira Hager (67) aus Bad Aibling hat seinen Vater, einen amerikanischen Soldaten, viele Jahre gesucht. Bis er ihn endlich fand, musste er einige Hürden überwinden – und machte dabei erstaunliche Entdeckungen.

Von Leyla Yildiz

Bad Aibling – Es ist eine Geschichte wie aus einem Film. Ein amerikanischer Soldat verliebt sich in eine Deutsche und bekommt mit ihr drei Kinder. Die beiden wollen heiraten. Doch am Hochzeitstag taucht der Bräutigam nicht auf und lässt die Familie zurück. Die Geschichte ist aber nicht erfunden. Es ist die wahre Geschichte von Ira Hager aus Bad Aibling.

Anstellung im Offizierscasino

Ira Hagers Mutter, Anna Maria Hager, verliebte sich 1948 in den amerikanischen Soldaten Ira Johnson Roberts. Sie arbeite in einem Offizierscasino. Roberts war an vielen Standorten in Deutschland stationiert, unter anderem in Heidelberg und Stuttgart, wo er vermutlich Anna Maria Hager kennenlernte. „Ich kann nicht sicher sagen, wo sie sich tatsächlich kennengelernt haben“, sagt Ira Hager.

Aus der Beziehung entstanden er und zwei ältere Schwestern. Alles schien gut zu sein, bis zu jenem Tag im Jahr 1953, an dem Ira Johnson Roberts für immer aus ihrem Leben verschwand. Der Trauzeuge sagte damals zu Anna Maria Hager: „Er ist ein schlechter Kerl.“ Ira Hager hat nur eine Erinnerung an seinen Vater. „Als kleines Kind musste ich ins Krankenhaus und da war mein Vater dabei“, sagt er.

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Mit 16 Jahren wuchs sein Wunsch, den Vater endlich zu finden. „Ich hatte das Glück, dass ich den Namen meines Vaters wusste“, sagt Hager. Bei Fragen nach Roberts war seine Mutter nicht besonders auskunftsfreudig. Das einzige, das sie ihrem Sohn gab, war eine alte Keksdose, in der sie Fotos aufbewahrte. Darin waren zwei Adressen – eine in Großbritannien und eine in den USA.

An beide schrieb seine älteste Schwester einen Brief. Nur aus Großbritannien kam eine Antwort. „Darin stand, dass mein Vater pleite und tot sei“, sagt Hager. „Doch das habe ich nicht auf mir sitzen lassen.“ Wie sich herausstellte, war Roberts in erster Ehe mit einer Frau aus Nottingham verheiratet gewesen.

Initialzündung durch ein Führungszeugnis

Als Ira Hager im Alter von 18 Jahren ein Führungszeugnis beantragte, bekam die Frage nach dem Verbleib des Vaters einen neuen Antrieb. „Da stand drin, dass ich die deutsch-amerikanische Staatsbürgerschaft habe“, sagt er. „Das war der Auslöser, intensiver nach meinem Vater zu suchen.“

Doch die Möglichkeiten waren begrenzt. Beim Suchdienst des Roten Kreuzes und der US-Botschaft kam er nicht weiter, und so konnte er 13 Jahre lang nur sporadisch nach seinem Vater suchen. Als er und seine Frau 1983 auf dem Rückflug einer Reise von Trinidad-Tobago in Miami zwischenlandeten, beschloss Ira Hager, eine Postkarte an die Adresse aus der Keksdose zu schicken.

Auf gut Glück zum Haus gefahren

Auf gut Glück sind sie trotz fehlender Rückmeldung zu dem Haus gefahren. Als sie dort ankamen, sahen sie eine Frau im Garten stehen. „Sie hat ausgeschaut wie meine älteste Schwester“, sagt er. Hager erfuhr, dass die Frau im Garten seine Schwester Gail war. Sie erzählte ihm viel von seinen Vater. „Er war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon tot“, sagt Hager. „Mein Vater starb mit 48 Jahren an Leberzirrhose und Lungenkrebs in einem Veterans Home in den USA.“

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Dafür stellte sich heraus, dass er noch eine weitere Schwester hatte – Yvonne. Ira Hager begann mit ihr nach dem Grab des Vaters zu suchen. Da seine Schwestern noch jung waren, als ihr Vater starb, konnten sich beide nicht mehr genau erinnern, wo das Grab war. „Wir haben etwa 30 Friedhöfe abgeklappert“, sagt er.

Schließlich fanden sie das Grab, und der Bad Aiblinger konnte 1993 seine Mutter dorthin bringen. „Sie hat ihn richtig geliebt, und damit konnte sie ein für alle mal mit der Geschichte abschließen“, sagt Hager. Er selbst war auch froh, einen Abschluss gefunden zu haben. „Jetzt habe ich endlich eine Geschichte.“

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Insgesamt hat Ira Hager zwölf Geschwister. Fünf Halbgeschwister stammen aus Beziehungen seines Vaters. „Zu zwei Schwestern, die ich durch die Suche gefunden habe, stehe ich in engem Kontakt“, sagt er. „Das alles war auf jeden Fall ein Gewinn für mich.“

Seitdem nicht mehr am Grab des Vaters

Vor drei Jahren erfuhr Ira Hager, dass er eine weitere Halbschwester in Deutschland hat. Sie entstand aus der Beziehung seines Vaters mit einer Frau aus Traunstein. Dort lebte er, nachdem er die Familie Hager verlassen hatte. „Ich habe immer gedacht, dass er in die USA zurück ist“, sagt er. „Als ich das erfahren habe, hat sich bei mir ein Schalter umgelegt, und seitdem bin ich nicht mehr zu seinem Grab gefahren.“

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