Hochstraßer See: Seil reißt Bub Arm ab – Chirurgen nähen ihn in 10-stündiger OP wieder an 

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Dramatische Szenen spielten sich am Donnerstag am "Sprungbaum" am Hochstraßer See ab. Wie unser Reporter vor Ort berichtet, war die schnelle Hilfe der Freunde des Opfers und von weiteren Badegästen beispiellos. 
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  • Janina Sgodda
    Janina Sgodda
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Es war der heißeste Tag des Jahres, der Badeplatz war voll, als das Unglück geschah: Beim Sprung ins Wasser über ein Seil in den Bäumen wurde ein Kind schwer verletzt. Ein Ärzteteam des Klinikums der LMU München hat den abgerissenen Arm wieder angenäht. 

Raubling – Ein schrecklicher Badeunfall ereignete sich am späten Donnerstagnachmittag am Hochstraßer See (Gemeinde Raubling). Dort hat sich ein 13-jähriger Bub beim Sprung von einem der „Seil-Bäume“ einen Arm regelrecht abgerissen. Sein Arm hatte sich offenbar im Sprungseil verheddert. 

Schwer verletzt wurde er mit dem Hubschrauber in die Haunersche Kinderklinik nach München (LMU Klinikum) geflogen. Dort wird nun alles versucht, um den Arm des Buben zu retten. Den Anfang machte eine fast zehnstündige OP.

Lesen Sie hier: Nach Unfall am Hochstraßer See: Experten können den Arm des Buben annähen

Wirtin am See war unter Ersthelfern 

Am Hochstraßer See steht man unter Schock. So auch Wirtin Petra Labus, die unweit der Unglücksstelle die Seegaststätte betreibt, war wie eine ganze Reihe weiterer Badegäste sogleich zur Stelle: „Wir waren als Ersthelfer dort“, sagt die Wirtin noch merklich geschockt. „Mehr will ich nicht sagen.“ 

Video zeigt den Sprungbaum am Hochstraßer See

Der Bub war an diesem heißen Nachmittag auf einen der „Sprungbäume“, die sogar mit Holztritten ausgestattet sind, geklettert. Beim Sprung mit dem dort angebrachten Seil ins Wasser aus gut fünf Metern Höhe geschah dann das tragische Unglück: Sein Arm hatte sich beim Absprung offenbar im Strick verheddert. "Der Junge hat sich wohl mit einem um den Arm geschlungenen Seil auf den See geschwungen, wollte loslassen, aber das Seil hat sich nicht gelöst und durch sein eigenes Körpergewicht ist der Unterarm ausgerissen“, erklärt Prof. Dr. Riccardo Giunta, Leiter des Hand-Trauma-Zentrums der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der LMU München den Unfallhergang. 

Der Bub stürzte laut Zeugen schwer verletzt ins Wasser. Zwei seiner Freunde waren nach Informationen unserer Zeitung sofort zur Stelle, zogen den Schwerverletzten aus dem Wasser. Ein dritter Bub hat den abgetrennten Unterarm geborgen. Mit vereinten Kräften schufen sie dann den schwer verletzten 13-Jährigen den langen Fußweg entlang bis zum Badeplatz.

Dort erfolgte die Erstversorgung bis zum Eintreffen von Rettungsdienst und Notarzt. Angesichts der schnellen Hilfeleistung, die die Buben an den Tag gelegt hatten, zeigte sich die Einsatzleiterin (Malteser Hilfsdienst) schwer beeindruckt: „Das war eine Klasseleistung der Kameraden des Buben.“

Auch ein Kriseninterventionsteam zur Betreuung der Helfer waren am See, berichtet unser Reporter vor Ort.

Der schwer verletzte 13-Jährige wurde schließlich mit dem Hubschrauber in das „Dr. von Haunersche Kinderspital“ nach München geflogen.

„Ein interdisziplinäres Spezialistenteam, bestehend aus Ärztinnen und Ärzten der Hand- und Plastischen Chirurgie, der Unfallchirurgie und der Kinderchirurgie, nähten dem Jungen in einer fast zehnstündigen Operation den abgerissenen Unterarm wieder an“, schildern die Kinderärzte den weiteren Verlauf. 

„Derzeit haben wir eine sehr gute Durchblutung des replantierten Arms. Die Rekonstruktive Mikrochirurgie hat eine Wiederherstellung von Nerven- und Gefäßen möglich gemacht“, sagt Prof. Giunta.

Tragischer Badeunfall bei Raubling: Das ist der Unglücksort

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Polizei schützt das Opfer 

Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern bestätigte auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen zunächst nur das tragische Unglück. 

Schwungvoll ins kühle Nass: Auch in der Region gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich mit einem Seil ins Wasser zu schwingen. (Symbolbild) 

Aus Gründen des Opferschutzes will sich die Polizei aber nicht zu weiteren Details äußern: „Wir können nur bestätigen, dass es sich gestern Nachmittag um einen Badeunfall am Hochstraßer See gehandelt hat, bei dem sich ein Bub schwere Verletzungen zugezogen hat“, so Sprecher Jürgen Thalmeier.

Die Freunde des verunglückten Jungen und weitere Ersthelfer wurden noch vor Ort von einem Kriseninterventionsteam betreut. „Auch dieser Teil eines Einsatzes ist sehr wichtig“, erklärte dazu die Einsatzleiterin. „Für uns ist mit dem Abtransport des Verletzten der Einsatz noch lange nicht zu Ende.“

Die Ermittlungen zum Unfallhergang übernimmt nun die Kripo Rosenheim.

Seebäder müssen für Unfälle haften

Das schreckliche Unglück überschattet das Badevergnügen in der Region – und es stellt sich die Frage nach der Haftung. Denn an unzähligen Badeseen auch in der Region sind Sprungseile an Bäumen angebracht, die zumeist rege genutzt werden. Und das teils schon seit Jahren und Jahrzehnten.

Die rechtlichen Vorgaben dazu sind uneindeutig. 

So mussten sich Gemeinden zum Start in die diesjährige Badesaison mit einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofs beschäftigen. Sie können demnach für Unfälle in „Seebädern“, die mit "künstlich aufgestellten Einrichtungen" ausgestattet sind und auch Eintritt verlangen, haftbar gemacht werden. 

Auch, weil es zu wenige Bademeister gibt, die Gefahrenquellen jederzeit überblicken können, entschieden sich einige Gemeinden daraufhin, mögliche Gefahrenquellen wie Rutschen oder Sprungtürme abzubauen. 

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Hintergrund war die Klage eines Elternpaars, deren Tochter 2010 beim Baden in einem See in Rheinland-Rheinland-Pfalz nur knapp überlebte. Das Kind hatte sich in einem Seil verfangen, das an einer Boje im Schwimmbereich angebracht war. Erst nach Minuten unter Wasser konnte es von einer Badeaufsicht gerettet werden. Das Mädchen ist seitdem schwerbehindert und pflegebedürftig. 

Rein rechtlich halten sich Badegäste also nur noch an reinen „öffentlichen Badestellen“ auf eigene Verantwortung auf. Ob diese Definition auf den Hochstrasser See zutrifft? Hier wird zumindest kein Eintritt fürs Baden verlangt. 

Allerdings handelt es sich weder bei der Liegewiese noch bei den weiteren See- und Uferflächen um Gemeindegrund.

Das Polizeifoto zeigt den Unglücksort eines ganz ähnlichen Unfalls vor genau einem Monat in Paderborn, Nordrhein-Westfalen: Beim Sprung in einen See hatte sich ein britischer Soldat den Unterarm abgerissen. Zusammen mit anderen Soldaten war der 24-Jährige einen Baum hochgeklettert, um sich mit einem Seil über den See zu schwingen. Aus etwa zehn Metern Höhe habe er so am Dienstagabend in den See springen wollen. Beim Sprung wickelte sich laut Zeugenaussagen das Seil um den Unterarm des 24-Jährigen und trennte diesen ab. Seine Begleiter zogen den schwer verletzten Mann aus dem Wasser. 

Erschüttert über das Unglück zeigt sich Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger, auf dessen Gemeindegebiet der Hochstraßer See liegt.

„Der gesamte See ist in Privateigentum“, erklärte Kalsperger im Gespräch mit unserer Zeitung. Beim Hochstraßer See handle es sich um einen ehemaligen Baggersee mit nun verschiedenen Eigentümern. 

Dennoch hat Kalsperger das Thema Haftung auf dem Schirm und will die Rechtslage aus Sicht der Gemeinde klären lassen. Auch in Hinblick auf die weiteren Raublinger Badeseen und -bereiche am Happinger See (Pfraundorf) und am Reischenharter See. 

„Bis dato bin ich allerdings der Meinung, dass in diesem Fall nicht die Gemeinde für die Sicherheit der Badegäste verantwortlich ist.“

Handchirurgen warnen vor Schwingseilen an Flüssen und Seen

Prof. Giunta warnt auch angesichts der Hoch-Badesaison deutlich: „Als Handchirurgen warnen wir davor, Schwingseile um Hände oder Arme zu wickeln.“ 

Denn auch am LMU-Klinikum weiß man, dass Seile an Bäumen, an denen man sich schwungvoll ins kühle Nass schwingen kann, überall gerne genutzt werden.

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