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Prozess am Landgericht Traunstein

Über 200 sexuelle Übergriffe: Mann aus der Region nutzte Schwächen von Kindern aus

Der angeklagte Erzieher und seine Verteidigerin Eva Krötz.
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Der angeklagte Erzieher und seine Verteidigerin Eva Krötz.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Drei Jahre und sechs Monate Gefängnis: So lautet das Urteil gegen einen Erzieher aus dem Landkreis Rosenheim. Dem Mann war unter anderem sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen und Kindern in über 200 Fällen vorgeworfen worden.

Traunstein - Bereits am ersten Verhandlungstag hatte der Mann die Vorwürfe eingeräumt. Die Vorsitzende Richterin Heike Will rechnete das Geständnis denn auch „massiv“ zugunsten des Angeklagten an.

Was das Gericht nach dem Geständnis vom Dienstag noch zu klären hatte, war dies: Ist das Bekenntnis in den einzelnen Punkten zutreffend? Dazu kamen am Mittwoch unter anderem ein Beamter der Rosenheimer Kripo und der Gutachter Prof. Dr. Michael Soyka zu Wort. Der nunmehr 31-jährige Angeklagte folgte den Ausführungen äußerlich unbewegt, mit gefalteten Händen.

Unbedarft und doch durchtrieben

Aus vielen Details ergibt sich bei dem Mann aus dem Landkreis Rosenheim das Bild eines Menschen, der in sich Unbedarftheit und Durchtriebenheit vereint. Mit Anfang 30 wohnt der Mann immer noch bei seinen Eltern.

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Der Mann habe ihm mitgeteilt, dass er sich sexuelle Kontakte nur mit Frauen vorstellen könne, sagte Gutachter Soyka. Allerdings sei der Angeklagte aber auch nie über die Vorstellung hinausgekommen.

Allein schon wegen der Ahnungslosigkeit auf diesem Gebiet, wegen des Mangels an Lebenserfahrung überhaupt sei eine aufwändige und langwierige Therapie zu erwarten. Dass diese Mühe nötig sei, daran ließ Soyka keinen Zweifel. Er sprach von einer „pädophilen Störung“ bei dem Angeklagten.

Abtasten und Anschreien

Der pädagogische Mitarbeiter hatte die Kinder nach Polizeiart abgetastet, sie aufgefordert, sich hinzuknien oder hinzulegen. Sie hätten sich mitunter bis auf die Unterhosen ausziehen müssen. Manche Kinder habe er angeschrien. Ein Kind soll er durch die Kleidung hindurch an den Genitalien berührt haben. Die Handlungen an den Kindern hätten den Erzieher „sexuell erregt“, sagte Soyka, angesprochen habe ihn der Aspekt der Macht.

Dies sei ein wichtiger Aspekt bei pädophilen Neigungen, führte der Gutachter aus. Der Erzieher habe ihm mitgeteilt, er habe nie die Kinder bestrafen wollen, vielmehr habe er ihnen helfen wollen. „Menschliches Verhalten ist schwer zu erklären, pathologisches Verhalten noch viel mehr“, fasste Soyka zusammen.

Erzieher war beliebt und galt als vertrauenswürdig

Es dauerte, bis man dem Mann auf die Schliche kam. Kinder spielten die Bestrafungsszenen nach, die Eltern wurden hellhörig und wandten sich schließlich an die Leitung des Integrationshortes. Die Einsicht, mit einem Straftäter zusammengearbeitet zu haben, hat sich offenbar nur langsam eingestellt. Der Mann sei beliebt gewesen, so hörte man auch am Mittwoch immer wieder, er habe das Vertrauen der Kinder und der Eltern genossen.

Soyka schilderte den Mann aber auch als unfähig zu tieferen Bindungen, unsicher und schüchtern, aber geltungssüchtig. „Er hat immer wieder auch Geschichten erfunden, um im Mittelpunkt zu stehen“, sagte Soyka.

Rollen mit großem Aufwand gespielt

Was das betrifft, legte sich der Mann besonders ins Zeug. Einmal gab er sich als Polizist aus, um Kinder in seinen Wagen zu locken. Ein anderes Mal war er vorgeblich im Auftrag des DFB unterwegs, ein anderes Mal näherte er sich zwei Buben als angeblicher Talent-Scout des FC Bayern mit dem Versprechen, den beiden den Weg zu einer möglichen Bundesliga-Karriere zu ebnen. 

Seine Fußball-Karrieren dokumentierte der Erzieher mit gefälschten Dokumenten des DFB und des FC Bayern München. Deswegen war er am Amtsgericht Rosenheim auch schon zu Geldstrafen verurteilt worden.

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Auch seine berufliche Qualifikation als pädagogischer Mitarbeiter blies er gewaltig auf. Er fälschte sich Zertifikationen über so viele absolvierte Lehrgänge herbei, dass er schließlich als pädagogischer Allround-Krisenmanager hätte durchgehen können.

Alles zusammen dokumentiert, mit wie viel Umsicht der Mann die Übergriffe vorbereitete.

Täter ging planmäßig vor

Der Beamte der Rosenheimer Kripo sagte, der Erzieher sei planmäßig vorgegangen, ein „roter Faden“ sei erkennbar gewesen. Staatsanwalt Jan Salomon sprach sogar von hoher krimineller Energie.

Auch Opfervertreter Peter Dürr äußerte keinen Zweifel an der Überlegtheit des Täters: „Sie haben gezielt die Schwächen der Kinder ausgenutzt.“ Wie gezielt, unterstrich der Polizeibeamte. Im Spind des Angeklagten im Integrationshort habe man eine Liste mit den Namen der Kinder gefunden, und die meisten der Opfer waren markiert. Verteidiger Florian Zenger betonte aber, dass sich die meisten Taten an der Erheblichkeitsschwelle befunden hätten, einige sogar darunter.

Geständnis sprach massiv zugunsten des Mannes

Dass es zwischen drei und vier Jahren Freiheitsstrafe werden würden, war klar: Dieser Zeitrahmen war Teil der Einigung vom Dienstag gewesen. Schließlich verkündete die Vorsitzende Richterin Heike Will eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren. Die Planmäßigkeit, den langen Zeitraum und die hohe Zahl der Übergriffe zählte Will zu Ungunsten des Angeklagten auf, ebenso wie die Tatsache, dass er das Vertrauen von Eltern und Kindern ausnutzte.

Zu seinen Gunsten schlug das Geständnis zu Buche, dies sogar „massiv“. Auch der Eindruck, den das Gericht von der Reue des Angeklagten gewonnen hatte, sprach für ihn. Er bat gestern nochmals um Entschuldigung für seine Taten, seine Verteidigerin Eva Krötz trug außerdem ein Entschuldigungsschreiben vor, als Beispiel für die Schreiben an alle betroffenen Kinder. 2000 Euro hatte der Mann bereits an eine wohltätige Einrichtung gespendet.

Eltern und Kinder sind verletzt und wütend

Nach Ablauf der Frist für Rechtsmittel kann der Fall zu den Akten gelegt werden. Abgeschlossen ist er nicht. Wie sehr Eltern und Kinder getroffen wurden, machte ein Brief deutlich, den Opfervertreter Dürr vorlas.

Geschrieben hatten ihn Eltern, die die Ermittlungen mit angestoßen hatten. „Wie konntest du unseren Sohn so schamlos für deine Neigungen missbrauchen?“, heißt es darin.

Die Eltern sprachen weiter davon, dass ihr Sohn einst zu dem Erzieher „aufgeblickt“ habe. „Du warst sein Held.“ Jetzt seien da nur noch Aggression, Wut und Enttäuschung.

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