Traunstein: Nigerianerin versorgt Minderjährige mit Drogen - Haft und Unterbringung zum Entzug

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  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Eine 30-jährige Nigerianerin war unter jungen Leuten bekannt als Lieferantin für Marihuana, das sie in ihrem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in der Karlsbader Straße in Rosenheim in Kleinmengen verkaufte

Traunstein/Rosenheim –. Das Schöffengericht Traunstein mit Vorsitzendem Thilo Schmidt verurteilte die geständige Angeklagte, selbst drogenabhängig, wegen Abgabe von Betäubungsmitteln in 72 Fällen an Minderjährige und anderer Delikte zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und fünf Monaten. Außerdem ordnete das Gericht die Unterbringung der Dealerin in einer Entziehungsanstalt an.

Fünf Anklagekomplexe

In dem Prozess ging es in fünf Anklagekomplexen um verschiedene Mädchen und Buben im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, die die Asylbewerberin in der Zeit zwischen Mitte März und November 2019 mit Marihuana erst guter, später schlechterer Qualität versorgt hatte. Der sechste Tatvorwurf von Staatsanwältin Andrea Litzlbauer galt 109,7 Gramm Marihuana, verpackt in zwölf verkaufsfertigen Plomben, die von der Polizei am 26. November 2019 im Zimmer der Nigerianerin gefunden worden waren.

Verteidiger: Alle Vorwürfe treffen zu

Der Verteidiger, Joachim Schwarzenau aus Dachau, erklärte namens seiner Mandantin nach einem Rechtsgespräch mit Gericht und Staatsanwältin alle Vorwürfe für zutreffend. Die Angeklagte habe selbst Betäubungsmittel konsumiert. Das Marihuana habe sie für neun Euro je Gramm eingekauft und für zehn Euro weiterveräußert. Der erzielte kleine Gewinn sei in ihren eigenen Drogenkonsum eingeflossen.

Die laut Ausweis 30-Jährige – sie behauptete, sieben Jahre jünger zu sein – bejahte, vom Alter der minderjährigen Kunden gewusst zu haben. Wie die jungen Leute auf sie als Marihuanaquelle gekommen seien, wisse sie nicht. Das Gericht hörte lediglich einen der Abnehmer als Zeugen an.

Marihuana „macht dumm“

Der 15-jährige Jugendliche, gegen den noch ein Strafverfahren wegen des Marihuanas läuft und der mit Anwalt Peter Dürr als rechtlichem Beistand erschien, konnte – oder wollte – nicht sagen, woher er den Tipp gehabt hatte. Er sei in ihr Zimmer in der Unterkunft gegangen, habe die gewünschte Menge genannt und zehn Euro pro Gramm bezahlt. In etwa einem halben Jahr habe er circa 15-mal bei ihr Marihuana gekauft. Richter Thilo Schmidt fragte: „Wissen Sie, was Marihuana bei Ihnen anrichtet?“ Der Schüler antwortete: „Es macht dumm.“ Auf die restlichen minderjährigen Zeugen verzichtete das Schöffengericht angesichts des Geständnisses der Täterin kurzfristig.

Heimatland mit 14 Jahren verlassen

Die im Jahr 2015 nach Deutschland gekommene Nigerianerin hatte in ihrem Heimatland im Alter von 14 Jahren mit Marihuana begonnen, war vier Jahre clean und fing nach familiären Problemen im Jahr 2017 wieder an. „Wie erklären Sie sich den Nachweis von Ecstasy in Ihren Haaren“, fragte der Richter. Die Angeklagte erwiderte, sie habe die Droge einmal als Bezahlung von einem Mädchen erhalten, das kein Geld für das Marihuana gehabt habe. Die Angeklagte behauptete, während der Tatzeit zwölf bis 13 Joints pro Tag geraucht zu haben – „vom Aufstehen am Morgen bis zum zu Bett gehen am Abend“.

Woher sie die Betäubungsmittel hatte, dazu schwieg die 30-Jährige. Ohne Therapie sei mit weiteren Straftaten zu rechnen, lautete das Fazit des psychiatrischen Sachverständigen, Landgerichtsarzt Fredi Watzlawik. Die Erfolgsaussichten für die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt seien gut. Staatsanwältin Andrea Litzlbauer plädierte auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten. Die Strafen für die Abgabe von Drogen an Minderjährige seien hoch.

Angeklagte selbst drogenabhängig

Ausnahmsweise könne ein „minderschwerer Fall“ angenommen werden. Die 30-Jährige sei nicht ihrerseits auf Jugendliche zugegangen und sei selbst von Marihuana abhängig. Neben der Strafe sei die Unterbringung anzuordnen. Der Verteidiger schloss sich an, hielt aber eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und fünf Monaten für ausreichend. Das Schöffengericht sprach die 30-Jährige auf Basis der Anklage der gewerbsmäßigen unerlaubten Abgabe von Drogen an Minderjährige in 72 Fällen schuldig, dazu des illegalen Besitzes von und Handels mit Betäubungsmitteln.

Auf Klopfzeichen hin, erfolgte der Verkauf

Der Eigenkonsum beziehungsweise dessen Finanzierung erweckten Zweifel, merkte Richter Thilo Schmidt an. Für einen „minderschweren Fall“ spreche einiges. Zum Beispiel hätten die Konsumenten nahezu alle schon Drogenerfahrung gehabt. Dass man aber 14-Jährigen Betäubungsmittel niederschwellig zur Verfügung stelle – das schließe einen minderschweren Fall aus: „Es kann nicht sein, dass 14-Jährige nach Klopfen an der Zimmertür Marihuana bekommen. Es ist schwieriger für sie, Bier oder Schnaps zu kaufen.“ kd

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