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In der Schön-Klinik

Traktor macht mehr Spaß als Pezzi-Ball: Einzigartige Therapie in Vogtareuth

Das Team der Traktortherapie: Leitender Arzt Prof. Dr. Gerhard Josef Kluger, Silberstreifen-Vorsitzende Sabine Kuhn und die Physiotherapeuten Harald Leerkamp, Luisa Klich und Henny Strattner (von links).Cater
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Das Team der Traktortherapie: Leitender Arzt Prof. Dr. Gerhard Josef Kluger, Silberstreifen-Vorsitzende Sabine Kuhn und die Physiotherapeuten Harald Leerkamp, Luisa Klich und Henny Strattner (von links).
  • Sylvia Hampel
    VonSylvia Hampel
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Wer sagt, Therapie darf keinen Spaß machen? In der Schön-Klinik in Vogtareuth sicher niemand mehr. Denn die weltweit einzigartige Traktortherapie bringt die kleinen Patienten der Neuropädiatrie zum Juchzen. Und hilft, die Kontrolle über ihre Körper zu verbessern. Dahinter steht ein engagiertes Team.

Vogtareuth – Jan-Marius strahlt. „Das war supercool!“ Gerade hat er eine Runde mit dem Traktor gedreht. Eine therapeutische Runde. Denn der Teenager, bei der Geburt sauerstoffunterversorgt, leidet unter anderem unter schweren Spastiken. Dagegen soll die weltweit bisher einzigartige Traktortherapie an der Schön-Klinik in Vogtareuth helfen.

Tiergestützte Therapien – ob mit Hund, Delfin oder Pferd – sind hinlänglich bekannt.

In Vogtareuth, gut 3100 Einwohner, mitten in der bayerischen Provinz, sind eben auch Traktoren im Einsatz. Genauer gesagt: ein Traktor, ein kleiner blauer Eicher, Baujahr 1960. Er knattert und rumpelt, die Hupe quäkt. Zu dem Traktor-Oldtimer gibt es auch einen Hänger, kunterbunt bemalt von jungen Patienten der Neuropädiatrie. Der Hänger rumpelt genauso wie der Traktor.

Therapie für Kinder mit Hirnverletzungen

Darf er auch, das gehört zur Therapie. Die soll sich positiv auf den Rehabilitationsprozess von Kindern mit Hirnverletzungen auswirken. Das ist jedenfalls die Absicht des leitenden Arztes der Neuropädiatrie, Prof. Dr. Gerhard Josef Kluger, und des Physiotherapeuten Harald Leerkamp. Kluger betreut im Haus die Traktortherapie wissenschaftlich, eine externe Auswertung läuft über die Psychologie-Fakultät der Universität Basel.

Der Nachbar als Initialzündung

Wie kommt man auf die Idee, einen Traktor für die Therapie hirnverletzter Kinder zu nutzen? Kluger holt ein wenig aus: In der Schön-Klinik Vogtreuth sei es durchaus üblich, dass Ärzte, Pflegekräfte oder Physiotherapeuten die kleinen Langzeitpatienten übers Wochenende mit nach Hause nehmen, wenn die Familie keine Möglichkeit habe, bei ihrem Kind zu sein. Kugler hatte ein Kind mit nach Hause genommen. Sein Nachbar hat mehrere Traktoren – der kleine Patient war begeistert und reagierte intensiver als auf andere Reize zuvor. Das erzählte Kluger Leerkamp – und schon war die Idee geboren.

Traktor ist Leihgabe auf Lebenszeit

Dann ging es relativ schnell: Ulrich Zeitler, Bulldog-Oldtimer-Fan aus Hemhof bei Bad Endorf, stellte den Eicher auf Lebenszeit zur Verfügung, übernimmt TÜV und Reparaturen. Die Versicherung zahlt die Klinik. Und die Therapeutenstunden, die trägt der Verein Silberstreifen. „Wir haben erstmal gedacht, dass sie jetzt endgültig am Radl drehen“, sagt dessen Vorsitzende Sabine Kuhn und lacht, „aber warum nicht ausprobieren?“ Es gebe ja auch Kinder und Jugendliche, die Angst vor Hunden haben.

Freude ist gut für die Seele

Ja, die Traktortherapie ist eine Therapie mit Spaßfaktor. „Es geht auch darum, dass die Kinder und Jugendlichen, die oft monatelang bei uns sind, Freude haben“, sagt Kugler. Denn das ist gut für die Seele und motiviert.

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Der Weg der jungen Patienten zur Besserung – „längst nicht alle können genesen“, so Leerkamp – ist oft lang. Sie sind, ob von Geburt an oder nach einem Unfall, in ihrer Motorik eingeschränkt. Das Rumpeln des alten Eichers und seines Hängers entkrampft einerseits die Muskeln, durch Ausgleichsbewegungen werden sie andererseits trainiert.

Der eine strahlt, die andere ist skeptisch

Elena ist vier Jahre alt. Das kleine Mädchen aus dem Raum Frankfurt trug bei einem Unfall schwere Gehirnverletzungen davon, lag monatelang im Koma und Wachkoma, konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen. Jetzt wird sie an Leerkamps Seite in den Kindersitz geschnallt. Jan-Marius sitzt in seinem Rollstuhl auf dem Hänger, neben ihm die Physiotherapeutinnen Henny Strattner und Luisa Klich. Während Jan-Marius schon strahlt, ist Elena noch mehr als skeptisch. Das ganze kleine Körperchen ist angespannt.

„Anschnallen bitte, die Fahrt beginnt“: Elena schaut skeptisch, als Henny Strattner sie im Kindersitz sichert.

Ein ungelenker Schritt rührt zu Tränen

Harald Leerkampf, ein netter Riese mit vergnügten Augen, schwingt sich in den Fahrersitz, drückt auf die Hupe und los geht‘s. Schon nach ein paar Metern winkt Elena zaghaft. Noch ein Stück weiter und die Kleine lacht lauthals. Am Ende der Fahrt steht Elena wackelig neben dem Traktor. Und macht dann einen ungelenken Schritt in die ausgestreckten Arme ihrer Mutter.

Der stehen die Tränen in den Augen. „Schon beim Rücktransport aus dem Urlaub haben alle gesagt, ich soll Elena unbedingt hierher, in die Schön-Klinik, bringen. Hier seien die besten Ärzte und Therapeuten – sie hatten Recht!“ Da schluckt der leitende Arzt.

Möglichst fit machen für den Alltag

Bei Elena ist das vorrangige Ziel, dass sie sich und ihre Bewegungen besser koordinieren kann, ihren Rumpf besser halten. „Das geht auch mit einem Pezzi-Ball, aber bei uns sitzt sie eben auf dem Traktor“, sagt Kluger. Bei allen Patienten ist das Ziel, sie möglichst fit zu machen zur Teilnahme am gewohnten Alltagsleben.

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Es muss ja nicht immer so weit gehen, wie bei einem jungen Mann, der nach einem Unfall in der Schön-Klinik gelandet war. Er, „ein begeisterter Schrauber“, wie sich Sabine Kuhn erinnert, war so motiviert, dass er schließlich Harald Leerkamp half, den Traktor zu reparieren. Ein großer Erfolg.

Eine echte Therapie, die Spaß macht

Zumeist sind die Fortschritte winzig klein, oft nur für das geschulte Auge zu erkennen. Da geht es um Reaktionen, um die Entspannung der Muskulatur, um Koordination und gezielte Bewegung – wie Elenas vorsichtiger Schritt. All das wird dokumentiert und ausgewertet. Denn so viel Spaß die Traktortherapie auch macht: Es ist eine echte Therapie. Die es weltweit nur einmal gibt. An der Schön-Klinik. In Vogtareuth, 3100 Einwohner, mitten im ländlichen Oberbayern.

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