Braucht's die Panik vor dem Wolf? Nach den Angriffen in Reit im Winkl streitet die Region

Eine Aufnahme aus dem jüngsten Video: Ein wolfsähnliches Tier (hinten Mitte) zerrt seine Beute Richtung Wald.
  • Mathias Weinzierl
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Immer wahrscheinlicher wird, dass ein oder gar mehrere Wölfe in der Region unterwegs sind, wieder sollen Schafe in Reit im Winkl gerissen worden sein. Wer verdient nun mehr Schutz: Der Beutegreifer und die Menschen und Tiere auf den Almen? 

Update 29. Juni:

Wieder Schafe gerissen? – Video veraltet 

Das Video, das den OVB Heimatzeitungen vorliegt, und einen Wolf bei Reit im Wnkl zeigen soll, ist nach Aussage des Landesamts für Umweltschutz mindestens ein Jahr alt. Ob es in Reit im Winkel aufgenommen wurde, sei unbekannt, sagt eine Sprecherin. "Es liegt jedenfalls bei uns im Archiv."

Dennoch sprechen mittlerweile viele Indizien dafür, dass der Wolf in der Region unterwegs ist. Nach Informationen der OVB Heimatzeitungen sind seit Sonntag erneut vier Schafe in Reit im Winkl gerissen worden. 

Almbauern fordern Schutz

Und je wahrscheinlicher es ist, dass der Wolf in unserer Region unterwegs ist, umso mehr wächst nicht nur die Sorge – sondern auch der Streit. Wie sehr müssen Almbauern geschützt werden, wie viel Verantwortung zum Schutz von Schafen, Ziegen und Kälbern kann man ihnen trotz Wolf übertragen?

Die Leser der OVB Heimatzeitungen setzen sich damit bereits auf Facebook auseinander. Vor allem das Thema Herdenschutzhunde erhitzt die Gemüter. So schreibt Petra S. "Dann legt euch endlich Herdenschutzhunde zu und euer Problem ist gelöst". Sabine J. entgegnet: "Das Problem sind dann aber wieder die vielen Wanderer auf den Almen. Auch vor ihnen wird der Herdenschutzhund beschützen" und weiter: "Das ist (...) auf Almen unmöglich überall Zäune zu ziehen und trotzdem wird es genügend Idioten geben, die trotzdem durch gehen".

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28 Juni: 

Reit im Winkl/Kössen – Das 25-sekündige Video, das am Samstag in Reit im Winkl aufgenommen worden sein soll, zeigt Szenen, die sonst nur bei Tierdokumentationen im TV zu sehen sind: Ein wolfsähnliches Tier zerrt auf einer Wiese ruckartig an den Beinen eines offensichtlich toten Rehs – bis es, nach einiger Anstrengung, mit seiner Beute in einem Waldstück verschwindet.

Jäger ist sich ziemlich sicher

Engelbert Fuchs, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Kiefersfelden, hat das Video von einem Bekannten zugeschickt bekommen. Er ist sich ziemlich sicher, dass die Aufnahme einen Wolf zeigt, der seine Beute in Sicherheit bringt. „Natürlich könnte es von der Statur her auch ein großer Hund sein“, sagt Fuchs, „doch ein Hund würde schneller von dem toten Tier ablassen.“

Screenshot aus einem Video: Nachdem es zuerst hieß, die Aufnahme sei aktuell (Juni 2020) bei Reit im Winkl entstanden, dementiert das Landesamt für Umwelt dieses Gerücht mittlerweile. Dennoch soll mindestens ein Wolf ind er Region unterwegs sein.

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Warum die Almbauern in der Region dem Wolf skeptisch gegenüber stehen

Mehr Aufschluss über das Wesen könnte vielleicht der Urheber des Videos liefern – doch der ist derzeit noch unbekannt. So ist weder sicher, dass die Sequenz in Reit im Winkl aufgenommen worden ist, noch, dass das Video wirklich am Samstag aufgenommen worden ist.

Und dennoch gibt es immer mehr Indizien dafür, dass zumindest ein Wolf durch die Wälder des Chiemgau streift. Denn in Kössen, das nur wenige Kilometer von Reit im Winkl entfernt im österreichischen Bundesland Tirol liegt, sind am Freitag drei gerissene Schafe an der Naringalm entdeckt worden. „Die Schafe weisen eindeutige Kehlbisse und Blutergüsse im Bissbereich auf. Aufgrund des Rissbildes ergibt sich ein konkreter Wolfsverdacht“, teilte Martin Janovsky, Beauftragter des Landes Tirol für große Beutegreifer, nach dem Fund der Kadaver mit. Eine DNA-Analyse aus den Bissspuren sollen nun endlich Gewissheit bringen.

In Kössen hat das Tier mehrere sogenannte Schwarznasenschafe getötet.

Beobachtungen aus 80 Metern Entfernung

Gewissheit, die Arno Egger aus Kössen seiner Meinung nach eigentlich gar nicht mehr benötigt. Er hatte die drei toten Schafe am Freitagmorgen in der Nähe der Kössener Naringalm entdeckt – und in einer Entfernung von rund 80 Metern auch das wolfsähnliche Tier beobachtet, das sich wenig später in ein angrenzendes Waldstück zurückgezogen hatte. Egger, Obmannstellvertreter des Waliser Schwarznasenzuchtvereins Tirol und selbst Züchter von Schafen, ist sich sicher: „Das war ein Wolf.“

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Er will seine Tiere, die gemeinsam mit Schafen von fünf anderen Züchtern an der Naringalm weiden, so schnell wie möglich zurück ins Tal holen. Denn würden die Tiere auf der Alm bleiben, rechnet Egger nach eigenen Angaben damit, dass „es dort bald 50 bis 60 tote Tiere gibt“. Denn der Kössener vermutet, dass nicht nur ein Wolf in der Region sein Unwesen treibt, sondern mindestens zwei, wenn nicht gar noch mehr dieser Raubtiere durch die Wälder streifen. Seine Vermutung stützt er auf mögliche Wolfssichtungen, die in kurzen Zeitabständen an mehreren Orten in im bayerisch-tirolerischen Grenzgebiet erfolgt sein sollen.

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Die Einschätzung, dass mittlerweile gleich mehrere Wölfe durchs Chiemgau streifen, hält auch Fuchs aus Kiefersfelden für nicht ganz abwegig. So habe das Wild in der Region in den vergangenen Wochen mehrfach auffälliges Verhalten gezeigt, was allerdings von verschiedenen Einflüssen herrühren könne. Zudem sei die lange Aufenthaltsdauer laut Fuchs für einen einsamen Wolf eher ungewöhnlich. Daher sei es durchaus denkbar, dass bereits ein Pärchen oder gar ein ganzes Rudel in der Region angekommen sei.

Ein ganzes Rudel unterwegs?

Ein ganzes Rudel Wölfe – für den Schafzüchter Egger eine schreckliche Vorstellung. „Durch den Wolf wird unsere jahrelange Arbeit kaputt gemacht“, findet der Kössener, der zudem darauf verweist, dass die Gegend rund um Kössen letztlich ja „eine Ausflugsregion“ sei: „Für Familien, die mit ihrenKindern hier beim Wandern unterwegs sind, ist so ein totes Tier wie jetzt die Schafe kein schöner Anblick.“ Daher hofft Egger, dass die Tiroler Landesregierung, so bald die DNA-Analyse den Wolfverdacht bestätigt, Maßnahmen ergreift. Egger: „Ich hoffe, dass die Politik sich dann durchringt und eine Abschusserlaubnis erteilt.“ 

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