Mehr Erkrankungen mit Borna-Virus als angenommen: Rosenheim und Mühldorf im Risikogebiet

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Mäuse sind Träger des Borna-Virus.
  • Rosi Gantner
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Es löst schwere Gehirnentzündungen aus, die zumeist tödlich enden – und die Medizin ist bislang machtlos: das Borna-Virus. Der Erreger: höchst selten, übertragen wird er durch Tiere. Katzenhalter könnten besonders gefährdet sein. Die Region liegt im Risikogebiet für das Borna-Virus.

Rosenheim – Lange war die Borna-Krankheit nur von Nutztieren bekannt. Nun bestätigen neue Nachweise: Auch beim Menschen sorgt das Virus in Deutschland für Todesfälle. Besonders hoch könnte das Risiko für Katzenhalter sein – wobei sich die Landkreise Rosenheim und Mühldorf laut Robert-Koch-Institut im Risikogebiet (Kerngebiet) befinden.

Weit mehr Sterbefälle durch Borna-Virus als bislang bekannt

An einer Infektion mit sogenannten Borna-Viren sind in Deutschland in den vergangenen Jahren weit mehr Menschen gestorben als bisher bekannt. Der Erreger sei in Bayern in aufbewahrten Hirnproben verstorbener Patienten nachgewiesen worden, berichten Forscher des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und der Universität Regensburg im Fachmagazin „The Lancet Infectious Diseases“. Insgesamt starben demnach seit 1995 mindestens 14 Menschen nachweislich an der Gehirnentzündung.

Jüngster Todesfall durch Borna-Virus Ende 2019

Den jüngsten bekannten Borna-Fall datieren die Wissenschaftler auf Ende 2019. Dabei starb ein elfjähriges Mädchen – aus der Region. Wie berichtet, war das Mädchen ins Koma gefallen und schließlich vom Klinikum Rosenheim in eine Spezialklinik nach München verlegt worden. Doch auch dort konnten die Ärzte die Elfjährige nicht mehr retten.

In welchem Ausmaß das Virus insgesamt hinter Hirnentzündungen mit unbekannter Ursache stecken könnte, ist bislang unklar.

Das Risikogebiet für das Borna-Virus in Süddeutschland

Das Risikogebiet für den Borna-Virus: Landkreise Rosenheim, Mühldorf und Traunstein liegen den Experten zufolge inmitten des Kerngebiets. Grafik Eberl

Die Wissenschaftler der Uni Regensburg hatten Hirnproben von 56 Patienten aus Bayern untersucht, bei denen zwischen 1999 und 2019 eine Hirnentzündung diagnostiziert worden war. Bei 28 war kein Grund für die Erkrankung gefunden worden, neun von diesen Betroffenen waren gestorben. Bei sieben dieser neun Menschen wurde das „Borna Disease Virus 1“ (BoDV-1) nachgewiesen.

Unabhängig davon gab es zwei weitere bestätigte Infektionen. Alle Fälle kamen in Bayern vor und wurden an der Uniklinik Regensburg, in Erlangen oder im Raum München diagnostiziert, wie Martin Beer, Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am FLI, der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Ansteckung mit Borna-Virus auch über Organspenden möglich

Zuvor waren bereits fünf weitere Nachweis-Berichte aus den Jahren 2018 und 2019 bekannt. Unter anderem hatten sich drei Menschen über eine Organspende mit der tödlichen Krankheit angesteckt, weil sie eine Niere beziehungsweise die Leber eines Infizierten aus Bayern bekommen hatten.

Nur einer von ihnen überlebte die Krankheit, allerdings mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen.

Dass sich Nutztiere wie Pferde und Schafe mit der Borna-Krankheit anstecken und daran sterben können, ist schon wesentlich länger bekannt. Der Erreger „BoDV-1“ kommt in Deutschland in Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und angrenzenden Teilen benachbarter Bundesländer vor.

Fälle bei Pferden, Schafen und anderen Nutztieren

Fälle von Borna-Krankheit bei Pferden, Schafen und anderen Nutztieren gibt es zudem auch in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein regelmäßig. „Das ist eine alte Krankheit, aber man hat immer falsch geguckt“, sagt Beer.

+++ Das renommierte Robert-Koch-Institut gibt in einem Merkblatt Tipps zur Vermeidung einer Ansteckung mit dem Borna-Virus. +++

Einziges bekanntes Reservoir des Erregers ist die Feldspitzmaus, bei der die Infektion keine schweren Symptome verursacht. Die Mäuse scheiden das Virus in Urin, Kot und Speichel aus – darüber können sich dann andere Tiere und in seltenen Fällen auch der Mensch anstecken. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch oder auch von Pferd zu Mensch sei auf natürlichem Wege ausgeschlossen, erklärt Beer. Er spricht von sogenannten Sackgassenwirten, die das Virus in sich tragen, aber nicht weiter verbreiten. Sowohl bei Nutztieren als auch beim Menschen verläuft die Infektion wahrscheinlich sehr oft tödlich.

Übertragung des Borna-Virus durch Kontakt zu Katzen möglich

Wie genau sich die Patienten in Bayern, die unabhängig von einer Organspende erkrankten, mit dem Virus infizierten, ist nach Angaben Beers unklar. Viele hätten engen Kontakt zu Katzen gehabt – die möglicherweise eine Spitzmaus gefangen und mit nach Hause gebracht haben könnten. Das sei aber nur eine Hypothese.

Die undatierte Aufnahme zeigt einen Anitkörpernachweis zum Borna-Virus im Gewebe.

Dem Bericht im Fachjournal zufolge hatten die meisten der 14 Betroffenen Kontakt zu Tieren, lebten in ländlichen Regionen, arbeiteten in der Landwirtschaft oder waren Outdoor-Aktivitäten nachgegangen.

Beer und seine Kollegen rufen Ärzte in Borna-Gebieten dazu auf, Patienten mit schwerer Gehirnentzündung bei unklarer Erkrankungsursache auf das Virus testen zu lassen.

Gesundheitsamt mahnt Ärzte: An Borna-Virus denken

Dazu rät auch der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, Dr. Wolfgang Hierl. „Die Erkrankung ist höchst selten, aber man muss sicherlich die Ärzte vermehrt dazu anhalten, bei schweren Gehirnentzündungen das Borna-Virus bei der Diagnostik zu berücksichtigen“, so der Leitende Medizinaldirektor im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Im Landkreis Rosenheim ist seines Wissens nach der Borna-Virus noch nicht aufgetreten.

Einzig bekannter Fall in der Region ist nach Informationen unserer Zeitung eine Erkrankung im Landkreis Mühldorf. Vom dortigen Gesundheitsamt war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.

Eine offizielle Meldepflicht gibt es für die Infektion mit dem Borna-Virus im Übrigen bisher nicht – das soll sich nach Angaben Martin Beer im März ändern. Doch: Grund zu Panik bestehe nicht, betont er gegenüber dpa. „Ich rechne nach wie vor mit Einzelfällen. Das Risiko für den Einzelnen – auch in Bayern – ist sehr gering.“ Eine spezielle Therapie gegen die Krankheit gibt es bisher allerdings nicht.

Alle Altersgruppen betroffen

Laut „Ärzteblatt“ sind bei den wenigen bislang bekannten Infektionen – mit Ausnahme jüngerer Kinder – alle Altersgruppen und beide Geschlechter betroffen. Viele der bekannten Patienten litten laut Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin zu Beginn an Kopfschmerzen, Fieber und allgemeinem Krankheitsgefühl.

Es folgen neurologische Symptome wie Verwirrtheit, Verhaltensauffälligkeiten und Sprach- und Gangstörungen, im weiteren Verlauf innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen oft Koma und Tod.

Borna-Erreger bei Bunthörnchen nachgewiesen

Neben BoDV-1 gibt es auch das Variegated Squirrel Bornavirus 1 (VSBV-1). Auch dieser bei Bunthörnchen auftretende Erreger ist auf den Menschen übertragbar, wie man seit einigen Jahren weiß. Es war erstmals bei drei Hobbyzüchtern aus Sachsen-Anhalt nachgewiesen worden, die in den Jahren 2011 bis 2013 mit Symptomen einer Gehirnentzündung in Kliniken behandelt und gestorben waren.

Damit sei gezeigt worden, dass Vertreter aus der Familie der Borna-Viren auch Menschen infizieren können, hieß es bei der Veröffentlichung der Ergebnisse im Jahr 2015.

Gesundheitsamt Rosenheim sensibilisiert

Rosenheims Gesundheitsamts-Chef Hierl sieht sich und seine Behörde durch die jüngsten Erkenntnisse der Uni Regensburg sensibilisiert. „Das Thema gerät gerade erst in Wallung“, ist er überzeugt. „Wir werden die Augen offen halten.“ Fänden die Erkenntnisse in Sachen Borna-Virus erst Einzug in die medizinische Praxis, rechnet Hierl künftig mit mehr diagnostizierten Fällen. Möglicherweise dann auch aus der Region.

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