Therapie mit Methadon: Eine Betroffene aus dem Landkreis Rosenheim berichtet

Ganz normal, so wie es aussieht: Wie diese Familie auch möchten Nadine B., ihr Partner und ihre Tochter ein ganz alltägliches Leben führen. Archiv dpa
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Ganz normal, so wie es aussieht: Wie diese Familie auch möchten Nadine B., ihr Partner und ihre Tochter ein ganz alltägliches Leben führen. Archiv dpa
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Für die einen letzte Hoffnung, für die anderen nur eine Droge anstelle einer anderen: Methadon. Zumindest kann es Suchtkranken ein halbwegs normales Leben ermöglichen, sagen auch Mediziner im Landkreis Rosenheim. Wir sprachen mit einer Betroffenen. „Wir bekommen alles auf die Reihe“, sagt sie.

Wasserburg –Es gab eine Zeit, da war ihr vieles egal, wenn nicht alles. Leben, eigene Wohnung, Perspektive, Job. Sie schwindelte sich noch nicht einmal vor, dass sie alles unter Kontrolle habe, ihr Leben, den Konsum des Gifts. „Ich dachte eigentlich gar nicht mehr nach“, sagt Nadine B. über ihre Zeit im Schatten des Heroins. Nach einer Vergewaltigung habe sie zu Drogen gegriffen, sagt sie. „Ich wollte meinen Körper nicht mehr spüren.“

Dann kam der Tag, an dem sich das änderte. Es war der Geburtstag ihres Partners, und sie erfuhr, dass sie guter Hoffnung war, auch wenn Nadine B. das in diesem Augenblick so nicht gesagt hätte. Sie sagte: „Wir kriegen das Kind nicht.“ Doch ihr Partner sagte: „Nein, das ist ein Zeichen.“

Vor gut sechs Jahren war das, das Leben der Nadine B. hat sich geändert. Sie ist jetzt Mutter, Partnerin des Vaters ihres Kindes. Die drei sind eine kleine Familie, offenbar wie viele andere auch. Und sie haben Menschen, die sie unterstützen. Dr. Raimund Arnold und Claudia Eisenhut in ihrer Praxis in Wasserburg zum Beispiel. „Wir führen ein normales Leben“, sagt Nadine Baumann und schaut sich dankbar um in den Räumen der Praxis Arnold und Eisenhut.

In ihrem Dorf soll niemand ihre Vorgeschichte kennen

Von der Vorgeschichte von Nadine B. und ihrem Partner soll niemand etwas wissen, auch nicht ihr Umfeld in einem Dorf in der Region. Die Arbeitgeber, sie macht Wohnungen und Büros sauber, er ist Elektriker, wissen ebenfalls nichts von der Drogenkarriere, und weil das so bleiben soll, sind die Namen von Mutter und Kind frei erfunden.

Ein Rückfall macht klar, wie weit der Weg ist

Das Kind: Als Nadine Baumann die frohe Kunde erhalten hatte, entschieden sich die werdenden Eltern zum Ausstieg. Sie entgifteten, absolvierten eine Therapie. Dann war Leonie auf der Welt, und es ging alles gut, erst mal, die Kleine hatte keine Entzugserscheinungen gehabt.

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Die Eltern erlebten kurze Zeit nach der Geburt einen Rückfall, zwei Wochen lang, sagt Baumann, 14 Tage mit schlechtem Gewissen und Panikattacken. Danach war klar, wie schwierig der Weg zurück ins Leben sein würde. Nadine B. und ihr Partner suchten nach Hilfe. Erst beim Jugendamt, die aber wollten das Kind an eine Pflegefamilie geben. „Die hätten fast alles zerstört“, sagt sie. Ihre Mutter aber schaltete einen Anwalt ein. Mit Erfolg. Ebenso wichtig: Das Jugendamt wies den jungen Eltern den Weg in die Praxis von Arnold und Eisenhut.

Eine Krücke fürs Überleben

Sie trägt einfache, aber nicht nachlässige Kleidung, ist etwas aufgekratzt, guter Dinge. Vor dem Treffen mit dem Reporter war sie bei Dr. Arnold und hat sich ihre Dosis geholt, nach ihrer Auskunft handelt es sich dabei um Polamidon, verabreicht mit Apfelsaft, um den bitteren Geschmack zu überdecken. Polamidon ist ein komplett synthetisch hergestelltes Opioid, das eng mit Methadon verwandt ist, dem bekanntesten Ersatzstoff für Heroin. Fühlt sie sich früh am Morgen abgeschlagen, matt, so bringt sie der Ersatzstoff auf Touren, wie sie sagt: „Der Motor läuft jetzt wieder“, sagt sie beim Gespräch mit dem Reporter des OVB in der Wasserburger Praxis.

Es ist eine Krücke. Man überwindet – hoffentlich – die eine Sucht, indem man sich in eine andere Abhängigkeit begibt. Dass das Nachteile mit sich bringt, dass ein Leben ganz ohne Drogen vorzuziehen wäre – daran zweifelt vermutlich niemand.

Es geht darum, erst einmal zu überleben

Aber Nadine B. führt immerhin wieder ein eigenes Leben, so normal, wie es für sie nur sein kann, „Früher war das Ziel der Ausstieg aus der Sucht“, sagt Raimund Arnold. „Doch davon hat man sich verabschiedet. Mittlerweile ist das Ziel: Überleben.“ Substitutionstherapie bedeutet auch, die schlimmsten Folgen der Sucht etwa durch schmutziges Besteck oder unreines Rauschgift zu vermeiden.

Allerdings sind viele Abhängige polytoxisch unterwegs, konsumieren unterschiedliche Rauschmittel, oftmals kombiniert mit Medikamenten. Da ist Methadon nur ein Stoff neben anderen. Raimund Arnold will das nicht zulassen. Seine Patienten müssen daher regelmäßig Urinproben abgeben. Einmal die Woche besuchen sie und ihr Partner die Praxis. Die ersten sechs Monate hatten sie täglich vorbeigeschaut.

Nur wenige Ärzte bieten Therapie an

Nadine B. und ihr Partner legen hin und zurück über 100 Kilometer zurück, mit Zug und Bus. Das alles dafür, dass sie wieder alles auf die Reihe bringen: Job, Kind, Hobbys wie Wandern und Schwimmen. Ein weiter Weg, aber es könnte schlimmer sein. „Was ist, wenn die beiden das nicht mehr machen“, fragt Nadine B. bang. In der Form wie in Wasserburg, mit Extraterminen für Suchtkranke, bieten wie berichtet nur wenige Ärzte die Therapie an. Es sind nur zwei in Stadt und Landkreis Rosenheim. Zu schlecht bezahlt, zu problematisch die Klientel - so sehen das viele Ärzte. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) will für dieses Angebot werben. Die Gesundheitspolitiker sehen das Problem, beteuert Ludwig, die der Union genauso wie die Kollegen von der SPD. „Wir wissen auch, dass die wirtschaftliche Situation der Hausärzte nicht so herausragend ist, wie sie in der Öffentlichkeit oft gesehen wird“, sagt sie.

„Ich kann für uns und andere nur hoffen, dass es mehr Ärzte gibt, die uns nicht abschreiben“. sagt derweil Nadine B.. „Wir sind doch eigentlich auch nur Kranke, die dringend ein Medikament benötigen.“

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