Studie zur hausärztlichen Versorgung in Rosenheim fertig: „Kein Konzept für die Schublade“

Besuch beim Hausarzt: Noch haben die Patienten in der Region genügend Möglichkeiten, eine Praxis aufzusuchen. Dass dies so bleibt, darum will sich die Gesundheitsregion plus bemühen.
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Besuch beim Hausarzt: Noch haben die Patienten in der Region genügend Möglichkeiten, eine Praxis aufzusuchen. Dass dies so bleibt, darum will sich die Gesundheitsregion plus bemühen.
  • Norbert Kotter
    vonNorbert Kotter
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Noch ist die hausärztliche Versorgung in der Stadt und im Landkreis Rosenheim gut. Dass das so bleibt, dazu soll auch eine Studie beitragen, die der Kreisausschuss im Mai 2018 in Auftrag gegeben hat und die jetzt fertiggestellt wurde.

Rosenheim – Dr. Gitte Händel, die Leiterin der Geschäftsstelle der Gesundheitsregion plus im Landkreis Rosenheim, wird in nächster Zeit viele Gespräche führen. Kommunikation und der Aufbau von Netzwerken sind wichtige Säulen, die sich in der gut 100 Seiten umfassenden Expertise finden, die auf Untersuchungen von Dr. Christine Hutterer aus München, einem Marketingkonzept von Susanne Rohr aus Straßlach und den Ergebnissen einer Bürgerbefragung basiert, die die Gesundheitsregion durchgeführt hat.

Hausärzte kurz vor dem Ruhestand im Fokus

Knapp 20 000 Euro an Mitteln aus dem Leader-Förderprogramm der Europäischen Union flossen in das Projekt, den Rest der rund 39 000 Euro an Gesamtkosten teilen sich der Landkreis und die Gemeinden Kienberg, Obing und Pittenhart aus dem Nachbarlandkreis Traunstein, die sich an dem Projekt beteiligten.

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Ein wichtiger Schritt ist laut Händel, Hausärzte, deren Ruhestand näherrückt, rechtzeitig für Fragen im Zusammenhang mit der Weiterführung ihrer Praxis zu sensibiliseren. „Wir müssen früh genug medizinischen Nachwuchs an die Region binden“, sagt die Diplompsychologin. Geeignete Instrumente hierfür seien Famulaturen (Praktika für Medizinstudenten; Anmerkung der Redaktion) in Hausarztpraxen oder die Beschäftigung sogenannter Weiterbildungsassistenten. Dabei handelt es sich um Mediziner auf dem Weg zum Facharzt.

Was Gemeinden tun können, um Hausärzte zu finden

Hilfe kann dabei auch die Politik leisten. Das könne damit beginnen, dass eine Gemeinde bezahlbaren Wohnraum oder geeignete Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder von jungen Ärzten zur Verfügung stelle, nennt Händel ein Beispiel. Auch möglichst günstige Übernachtungsmöglichkeiten für Famulanden wären ein Ansatzpunkt. Freie Famulaturplätze sollten aktiv beworben werden.

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Händel will bei der Umsetzung des Projekts mehrgleisig fahren. Das heißt, auf der Basis der Studie einen bereits begonnenen Dialogprozess mit den Ärzten intensiv weiterführen. Gleichzeitig will sie ein besonderes Augenmerk auf die Gemeindeebene richten. Da brauche es individuelle Lösungen, wie man die hausärztliche Versorgung in den Orten sichern kann, sagt Händel. „Wir kümmern uns um das Signal.“

Wichtig sei ein regelmäßiger Austausch zwischen Ärzten und den politisch Verantwortlichen vor Ort. Wie Netzwerke entstehen können, auch bei der Klärung solcher Fragen will die Gesundheitsregion behilflich sein. Zudem sollen Patienten behutsam in die Kommunikation eingebunden werden.

Gesucht: Attraktive Praxismodelle

Wichtig ist nach Händels Ansicht, attraktive Praxismodelle zu entwickeln. Bei jungen Ärzten stünde im Gegensatz zur derzeitigen Mediziner-Generation die Einzelpraxis nicht mehr so hoch im Kurs. Frauen im Arztberuf legten vor allem Wert auf Teilzeitmodelle und gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichten.

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Wenn die Corona-Krise derzeit auch ein Bremsklotz bei der Umsetzung der Maßnahmen ist, einer Befürchtung, die einst im Kreisausschuss aufgekommen war, tritt Händel entschlossen entgegen. „Das ist kein Konzept für die Schublade.“

Für Gwendolin Dettweiler, Managerin der Leader-Arbeitsgemeinschaft (LAG) Mangfalltal-Inntal, hat die Studie gezeigt, „dass durch eine rechtzeitige Koordination und Kommunikation die Hausarztsitze in den Gemeinden der Region oft gehalten werden können“. Neben dieser LAG hat sich auch die Leader-Arbeitsgemeinschaft Chiemseer Seenplatte an dem Projekt beteiligt. Da es mit der Gesundheitsregion plus „einen so aktiven Partner“ gebe, zeigt sich Dettweiler optimistisch, die hausärztliche Versorgung in der Region auf einem guten Niveau sicherstellen zu können. Dettweiler betonte, die LAG Mangfalltal-Inntal wolle das Projekt weiter aktiv unterstützen.

Passende Rahmenbedigungen für junge Medziner schaffen

Für Dr. Nikolaus Klecker, Bezirksvorsitzender der Hausärzte in Oberbayern, ist die Studie „sehr allgemein gehalten“. Dennoch findet er sie hilfreich für die langfristige Sicherung der hausärztlichen Versorgung auf dem Land. Voraussetzung: passende Rahmenbedingungen für junge Mediziner. Wünschenswert wäre laut Klecker neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beispielsweise auch gemeindliches Engagement. Als eine Möglichkeit nennt er die Errichtung von Ärzte- und Apothekenhäusern durch die Kommune, die die Räumlichkeiten Medizinern dann günstig zur Verfügung stellt. Im Idealfall wären solche Zentren auch gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. „Den Bau solcher Häuser darf man nicht Investoren überlassen, die vor allem die Rendite sehen“, warnt der Mediziner.

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Als besonders wichtig stuft Klecker die Frage der Vergütung hausärztlicher Leistungen ein. „Ein Arzt muss seine Praxis betriebswirtschaftlich führen. Da geht es nicht, wenn er für einen Hausbesuch, der zwischen einer halben und einer Stunde dauert, 25 Euro bekommt.“ Er fordert deshalb neben einer besseren Vergütung von Hausbesuchen eine Erhöhung der Wegepauschale. Die jetzige Regelung sei „despektierlich gegenüber einem hochqualifizierten Berufsstand“. Für Klecker ist klar. „Das ist eine Diskussion, die wir in der Gesellschaft führen müssen. Gefordert sind hier natürlich auch die Krankenkassen.“

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