So reagieren Unternehmen aus dem Landkreis und die IHK

„Kurzum: eine Katastrophe“ - so leiden örtliche Unternehmen durch die Grenzschließungen

Polizisten kontrollieren an der Grenze bei Kiefersfelden die neuen Einreisebestimmungen.
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Polizisten kontrollieren auf der A93 an der Grenze bei Kiefersfelden die neuen Einreisebestimmungen.
  • Jennifer Bretz
    vonJennifer Bretz
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Im Alleingang hat die Bundesregierung Kontrollen an den Grenzen zu Tschechien und Tirol beschlossen. Die Folge: LKW stehen im Stau. Ökonomen warnen vor schweren Konjunkturschäden, Spediteure sind entsetzt. Unsere Redaktion hat mit örtlichen Unternehmen und der IHK über die neuen Maßnahmen gesprochen.

„Das Schlimme ist, dass es zu kurzfristig war, es gab null Vorlaufzeit“, erzählt Ilka Lederer, die die Personalmanagementfirma „4-Jobs“ in Rosenheim betreibt. Bei ihr sind unter anderem viele Mitarbeiter aus Tschechien als Maler und Gas-Wasser-Installateure angestellt. „Die konnten am Sonntag alle nicht einreisen. Sie wurden an der Grenze abgewiesen, obwohl sie alle Dokumente dabei hatten. Aber sie zählen nicht zur systemrelevanten Berufsgruppe.“

„Gefühlt alle zwei Stunden ändert sich was“

Neben der Kurzfristigkeit macht Lederer auch der schlechte Informationsfluss zu schaffen. „Man wurde komplett im Regen stehen gelassen. Alle Informationen über die neuen Regelungen habe ich mir selber über die Medien zusammengesucht. Es gibt keine zentrale Stelle an die man sich bei Fragen wenden kann.“ Auch die Kurzlebigkeit bereitet der Unternehmerin Schwierigkeiten. „Gefühlt alle zwei Stunden ändert sich was. So kann man nicht arbeiten.“

Neben dem logistischen Aufwand entsteht Lederer auch ein immenser finanzieller Schaden durch die Einreisebeschränkungen. „Meine Mitarbeiter müssen eh schon ein Mal pro Woche einen Coronatest machen. Der kostet die Firma jedes Mal 70 Euro. Sie haben teilweise einen Anfahrtsweg von 1.000 Kilometern. Dann stehen sie an der Grenze und dürfen nicht einreisen, um zu arbeiten. Diese Fahrt muss dann natürlich auch die Firma zahlen. Auch die Arbeiterunterkünfte sind schon gebucht und bezahlt. Sozialleistungen für die Mitarbeiter laufen weiter und wegen bürokratischer Hürden kann ich sie nicht in Kurzarbeit schicken, was bedeutet, dass ich die Gehälter natürlich auch weiter ausbezahlen muss. Dieser totale Arbeitsausfall wird mir vom Staat nicht erstattet.“ Dass ihre Tschechischen Mitarbeiter Urlaub oder sogar unbezahlten Urlaub nehmen, kommt für die Personalmanagerin nicht in Frage. „Meine Mitarbeiter können doch auch nichts dafür, dass sie jetzt nicht mehr arbeiten können“, sagt sie.

„Katastrophe“ auch für Logistikfirma aus Kiefersfelden

Kurzum: Eine Katastrophe“, sagt auch Thomas Steinmetz, Geschäftsführer von  TST Logistik aus Kiefersfelden gegenüber rosenheim24.de. Er selbst ist Kufsteiner und rund ein Drittel seiner Belegschaft sind Grenzpendler. Nach langem Hin und Her hat er für sich und seine Mitarbeiter in Kiefersfelden beim Landratsamt Rosenheim die Bescheinigung bekommen, dass sie einen systemrelevanten Beruf ausüben und somit über die Grenze dürfen. Dennoch ist alles mit enormem Aufwand verbunden.

„Ich kann mich kaum noch auf meine wesentlichen Geschäftsführertätigkeiten konzentrieren, da es ständig neue Regelungen gibt, für die ich irgendetwas organisieren muss. Mittlerweile ist es ja schon so, dass sich die Vorgaben fast täglich ändern. Das ist extrem aufreibend für mich und die Mitarbeiter und zehrt mittlerweile an den Nerven. Die Grenzschließungen waren viel zu überstürzt und ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist überhaupt nichts planbar“, sagt der Geschäftsführer.

Keine Entschädigung vom Staat

Der Tiroler ist seit 25 Jahren in der Logistikbranche tätig, doch so etwas habe er noch nie erlebt. „Die Kunden haben wenig Verständnis. Die haben etwas bestellt und ich habe einen Liefertermin zugesagt“, erzählt Steinmetz. „Der ganze Zeitverlust durch die Organisation etc. ist mit Geld nicht aufzuwiegen und der Umsatz leidet darunter. Aber dafür bekommen wir vom Staat nichts. Auch was mit dem Einzelhandel an der Grenze passiert ist schlimm, der ist tot.“

IHK sieht Vorlaufzeit viel zu kurz

Auch aus Sicht der IHK für München und Oberbayern seien die Vorlaufzeiten für die Wirtschaft viel zu kurz, so IHK Pressereferent Florian Reil. „Unsere Forderungen: Der Güterverkehr muss weiter funktionieren, sonst besteht eine Gefahr für die Lieferketten und daraus würde ein erheblicher Schaden für bayerische Industrie entstehen. Fachkräfte müssen weiterhin pendeln können, sonst droht massiver Schaden für Unternehmen und Beschäftigte. Falls es in den nächsten Tagen zu stundenlangen Staus für LKW und zu Wartezeiten für Fachkräfte kommt, muss es seitens der Politik sofort Anpassungen geben.“

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