Vertreter kruder Corona-Theorien

Streit um die Kolbermoorer Volkshochschule: Bietet sie Verschwörungstheoretikern ein Forum?

Umstrittene Gäste: Michael Meyen bei seinem Vortrag in Kolbermoor.
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Umstrittene Gäste: Michael Meyen bei seinem Vortrag in Kolbermoor.
  • Michael Weiser
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So viel Aufmerksamkeit erhält eine Volkshochschule (VHS) selten: Eine Dreiviertelstunde lang diskutierte der Stadtrat von Kolbermoor über das Programm der Volkshochschule. Bietet die VHS Verschwörungstheoretikern ein Forum? Dieser Meinung ist nicht nur die SPD.

Kolbermoor – Die SPD sieht die Programmgestaltung von Vhs-Chefin Ulrike Sinzinger kritisch. Mit einem Antrag gegen einen Vortragstermin allerdings scheiterte sie. Dabei hatte sie auch Unterstützung von CSU und Grünen erhalten.

Dozenten mit Veröffentlichungen in kruden Online-Portalen

„Ein löbliches Unterfangen“. Das, sagt Dr. Berthold Suldinger, habe er sich zuerst gedacht, als er den Titel der VHS-Reihe sah: „Nachdenken über Corona“. Bei dem „löblich“ blieb es nicht lange. Denn Suldinger sah sich den Flyer genauer an und stellte fest: Vhs-Chefin Ulrike Sinzinger hatte umstrittene Gäste eingeladen.

Allen voran Franz Ruppert, Professor für Psychologe an der Katholischen Stiftungshochschule in München. Ruppert ist aktiv nicht nur im Hör- und Vortragssaal, sondern auch in kruden Online-Portalen. Dort bezeichnet er die Corona-Pandemie als Inszenierung von Bill Gates und der WHO.

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Geschäftsmodell des Ganzen sei „Überwachung und Kontrolle aller Menschen weltweit“, dazu die „Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen, die dann der gesamten Weltbevölkerung alle Jahre wieder zu verabreichen sind“. Auf dem Flyer der VHS erklärt er Corona zu einer Frage der richtigen Einstellung: „Wer weiter im Pandemiemodus verharren will, kann das tun.“

Er sei kein Verschwörungstheoretiker, nur weil er Mechanismen der Inszenierung zeige, sagte Franz Ruppert den OVB-Heimatzeitungen.

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News-Ticker der OVB-Heimatzeitungen

Suldinger schüttelt ob solcher Thesen den Kopf. Kritisch sieht er auch das Wirken von Prof. Michael Meyen, einem Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität, und kürzlich ebenfalls auf der Rednerliste der Volkshochschule. Von Meyens fragwürdigen Thesen hat sich auch schon mal das eigene Institut distanziert.

Wie es zu einer derartig einseitigen Veranstaltung kommen könne, wollte Berthold Suldinger daher im Sitzungssaal wissen. „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier, verborgen hinter philosophischem Geschwurbel, Verschwörungstheoretikern ein Forum gegeben wird.“

Neutrale Information das Gebot der Stunde

Ihm zur Seite sprang Fraktionskollegin Dagmar Levin. In Corona-Zeiten sei neutrale Information das Gebot der Stunde. Es gehe nicht an, Leugnern ein Forum zu bieten, in Zeiten, da die Corona-Zahlen explodierten. Sprach’s und reichte einen Eilantrag ein, betreffend Absage der Vortragsreihe.

Daraufhin entbrannte eine Diskussion, weniger über den Inhalt der VHS-Reihe als über Meinungsfreiheit und Verschwörungstheorien, die auch zeigt, wie Corona die Gesellschaft teilt. Die Kolbermoorer Stadträte, sie schickten sich an, das Niemandsland zwischen „anderer Meinung“ und „Verschwörungstheorie“ zu erkunden. Und landeten mitunter im Morast.

Kerim Bacak von den Parteifreien zum Beispiel; er schlug einen ganz krummen Bogen vom Virologen Drosten und der Alleinherrschaft in einem früheren Deutschland. Hört sich ein wenig wie ein Hitler-Vergleich an, war „aber ganz und gar nicht so gemeint“, wie Bacak gegenüber den OVB-Heimatzeitungen beteuerte. Er wolle auf die Gefahr hinweisen, die ohne Meinungsfreiheit für die Demokratie besteht.

Andere Meinung oder Verschwörungstheorie

Dass Berthold Suldinger einen seiner Redebeiträge als „Blödsinn“ bezeichnete, war aber auch ihm zuviel der Meinung. „Suldinger hat keine Ahnung, was Demokratie und was Meinungsfreiheit bedeutet“, sagt er auf Nachfrage.

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Bürgermeister Peter Kloo (SPD) äußerte sich gegen eine Absage, vielmehr müsste eine solche Reihe zulässig sein. Man könne nicht jedes Mal, wenn Wissenschaftler eine andere Meinung äußerten, „Verschwörungstheoretiker“ rufen. Vielleicht nicht jedes Mal, aber durchaus nach Online-Recherche während der Sitzungspause, das dachte sich Leonhard Sedlbauer (CSU): Bei Ruppert sei die Grenze zwischen persönlicher Meinung und dem Beharren auf wiederlegten Falschmeinungen überschritten.

Professor Ruppert dürfte reden - wenn da nicht der Lockdown wäre

„Sehr kritisch“ sah den geplanten Vortrag Bernhard Bystron von den Grünen, während Gerhard Duschl (CSU) zugab, dass seine Informationen nicht ausreichten. Er plädierte daher für die „Bewahrung der Freiheit des Denkens“.

Knapp, mit 11 zu 13 Stimmen, scheiterte der dorthin geänderte Antrag, lediglich Professor Rupperts Vortrag abzusagen. Mitte November wäre der gewesen. Wäre – wenn da nicht Lockdown herrschte. Es sieht so aus, als ob Corona die Entscheidung des Stadtrats revidiert hätte. Ruppert will seinen Vortrag nun über Videoschalte halten.

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