Krawatte statt kugelsichere Weste: Mit dem "Traunsteiner Modell" auf Verbrecherjagd

Alles auf den Tisch: Oberstaatsanwalt Martin Freudling will auch die Srippenzieher zur Verantwortung ziehen. Foto: Staatsanwaltschaft
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Sie setzen sich auf die Spuren von Schleusern, Schmugglern und Betrügern – und das international. Ein Quintett der Staatsanwaltschaft Traunstein schreibt Schlagzeilen. Was das „Traunsteiner Modell“ zum Erfolgsmodell macht, ist aber weniger die Technik, sondern vielmehr eine Frage der Kultur.

Rosenheim/Traunstein - Sie liefern Verbrechern keine Verfolgungsjagden mit quietschenden Autoreifen, sie bestreiten keine Sondereinsätze im Schutze schwerer Waffen, zu ihrem Dienstgewand gehört eher die Krawatte als die kugelsichere Weste: die Mitarbeiter des Traunsteiner Modells kommen unscheinbar daher.

Doch ihre Schlagzeilen in jüngster Zeit waren nicht weniger spektakulär als die Einsätze von Fernseh-Ermittlern in Action-Serien.

Auf der Suche nach der Beute eines Überfalls in der Schweiz

Ob es um die Aufklärung eines 15-Millionen-Euro-Betrugs mit nicht existenten Corona-Schutzmasken geht, oder um Erfolge bei der Suche nach einer Millionen-Beute von einem Überfall in der Schweiz: die Zusammenarbeit der Ermittler des „Traunsteiner Modells“ mit Kollegen quer durch Europa macht Welle. Allein im April wurde mehrmals darüber berichtet. Bundesweit.

Die Spezialität der mittlerweile fünf Staatsanwälte: das Ermitteln über die Grenzen hinweg, in enger Zusammenarbeit mit Kollegen etwa in der Schweiz, in Österreich und in Italien. So können sie organisierte, international aufgestellte Kriminalität aufklären. Wie gut diese Zusammenarbeit funktioniert, ist weniger die Sache von High -Tech als vielmehr eine Frage von vertieftem Vertrauen.

Ein Verständnis von Zusammenarbeit, das sich an der europäischen Realität orientiert. Warum sollten sich ausgerechnet Ganoven noch an ein Revier gebunden fühlen, wenn doch seit Schengen grenzenloser Austausch herrscht? „Vor 20 Jahren war die Welt vielleicht an der Salzach zu Ende“, sagt Oberstaatsanwalt Martin Freudling, Gruppenleiter an der Staatsanwaltschaft Traunstein. „Das hat sich längst geändert.“

Am Schwerpunkt der Schleuserkriminaliät

Vor bald zwei Jahren wurde die Gruppe gegründet. In Traunstein, weil man hier seit jeher nah dran ist an der Schleuserkriminalität. 2017 kurz vor Start des Projekts, gingen bei der Staatsanwaltschaft Traunstein fast 10.000 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Aufenthalts- beziehungsweise Asylgesetz ein. Mehr als 300 Schleuserdelikte wurden registriert.

Allein im ersten Halbjahr 2018 wurden im Bezirk rund 130 mutmaßliche Schleuser aufgegriffen. Martin Freudling leitet das „Traunsteiner Modell“. Er trat als Staatsanwalt an, wechselte dann zwischen Posten bei Gericht und der Staatsanwaltschaft. Eine übliche Laufbahn. Aber mit ungewöhnlichem Engagement.

Vielleicht kann man so Tragödien verhindern

Vielleicht verhindert man so auch eher ein Drama wie vor fünf Jahren im Burgenland, als über 70 Geflüchtete in einem Schleuser-LKW erstickten. Nachher häuften sich die Indizien, dass die ungarische Polzei die Gespräche der Schleuser schon länger abgehört hatte und die Katastrophe womöglich hätte verhindern können.

Freudling hat eine Zeit im Ausland zugebracht, in einer Kanzlei in Italien. Die Sprache hat er also drauf. Noch heute lese er ganz gern den „Corriere della Sera“. Manche Kollegen haben im Ausland studiert. „Wichtig ist interkulturelle Kompetenz“, sagt er. Zum Beispiel zu wissen, dass gerade in südlichen Ländern die Hierarchien stärker ausgeprägt sind und es dort nicht unbedingt die Kollegin ist, der man die Tür aufhält, sondern vielleicht ein Vorgesetzter. 

Wichtig ist persönlicher Kontakt

Das „Traunsteiner Modell“ verfügt nicht über exklusiven Zugang zu Satellitendaten, es hackt sich nicht in Computer. Es ist keine übernationale Super-Behörde. Es kommuniziert schneller, informierter und reibungsloser mit Kollegen im Ausland, über Schnittstellen wie Eurojust. Das ist die Behörde, die europäische Justizbehörden koordiniert und den Austausch zwischen nationalen Justiz- und Polizeibehörden fördert.

Wichtig ist „die Institutionalisierung des persönlichen Kontakts“, wie Freudling das nennt, das Kennenlernen. Menschen ticken ja doch ganz ähnlich, ähnlicher jedenfalls als verschiedene Systeme in Europa.

Kriminelle werden geschnappt – so oder so

Auf der Suche nach einem Schleuser, so erzählt es Freudling, habe man bei Kollegen in Norwegen auf Telefonüberwachung gedrängt. Aus rechtlichen Gründen geht das dort aber nicht so einfach. Im Gespräch habe sich herausgestellt, worum es den Deutschen geht - um ein Bewegungsmuster des Verdächtigen. Darüber aufgeklärt wusste ein norwegischer Kollege Rat: Der Verdächtige nutze ja schließlich digitale Maut.

Auch das ist eine Einsicht der Traunsteiner: Wo ein gemeinsamer Wille, da ein Weg. Es muss nicht immer der im eigenen Land naheliegende sein.

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