Auf den Spuren eines Urvogels

Feierabend nach anstrengendem Forschungstag im Bergwald: Studenten der Uni Freiburg mit ihrer Professorin Dr. Ilse Storch (4. von links) sowie Wilhelm und Marietta Hermann (Auerbräu, 8. und 9. von links) am Lagerfeuer. Foto Duczek

Bis heute gilt das Auerwild als Symbol der bayerischen Bergwälder. Die imponierende Gestalt des balzenden Hahns kennt fast jeder Naturfreund von Fotos, doch in der freien Natur ist der prächtige Vogel, der auf der "Roten Liste" steht, nur noch selten zu bewundern. Seinem Schutz widmet sich ein Forschungsprojekt der Universität Freiburg, die in den Chiemgauer Alpen Langzeitstudien zu den überlebensbedingungen des "Urvogels" durchführt.

Traunstein/Landkreis - Auf dem Lagerfeuer backt in einer riesigen Pfanne eine Maxi-Portion Kaiserschmarrn, dazu gibt es ein in Quellwasser gekühltes Bier - stimmungsvolles Ende eines anstrengenden Arbeitstages in den Chiemgauer Bergen. Im Dickicht des Nadelwaldes, dort, wohin sich so gut wie nie Wanderer verirren, hat Moritz Bor vor einer Stunde ein Naturschauspiel der besonderen Art erlebt: Vor den Augen des Waldwirtschaftsstudenten erhoben sich unvermittelt drei Auerhähne und eine Henne aus den Bäumen. "Ein eindrucksvolles Bild, das ich so schnell nicht vergessen werde", schwärmt der 22-Jährige. Regelrecht durch das Unterholz "gekracht" sei der größte Hahn, berichtet Bor.

Sein Erlebnis ist das Thema des Sommerabends auf der Hütte, in der neun Studentinnen und Studenten zwei Wochen lang abgeschieden leben und arbeiten - im Dienste des Auerhahns. Professorin Dr. Ilse Storch hört ebenfalls begeistert zu, wenn die Projektanten aus dem vierten Semester stolz über solch seltene Sichtungen berichten.

Heuer hat die Forscherin des forstzoologischen Instituts der Uni Freiburg selbst noch kein Glück gehabt. Dafür hat sich ihr Rucksack bei der Klettertour durch den Wald mit zahlreichen Nachweisen gefüllt. Sorgfältig hat die Wildbiologin braun-schwarz-graue Federn, aber auch Losung (Kot) der Hühner eingetütet. Letzteren entdeckt ihr geübtes Auge vor allem auf Baumstümpfen, auf denen sich der Vogel in Lichtungen gerne niederlässt. Auch der scheidende Auerbräu-Vorstandssprecher Wilhelm Hermann, der einmal im Jahr mit seiner Ehefrau der Studentengruppe einen Besuch abstattet und sich über den aktuellen Stand des von seinem Unternehmen gesponserten Monitorings informiert, ist stolzer Besitzer einer Auerhahnfeder.

Solche Funde sind in den Alpen jedoch eine Rarität. Denn Raufußhühner, benannt nach ihren befiederten Beinen, sind Relikte der Eiszeit. In Nordeuropa wird ihr Bestand zwar noch auf fast zwei Millionen Exemplare geschätzt. In Mitteleuropa dagegen sind sie zur akut bedrohten Art geworden, die hier nur in den Alpen und einigen Mittelgebirgen vorkommt. "Auerhühner sind Indikatoren für einen intakten Bergwald", bringt die Leiterin der Langzeitstudie, die zur Lebensraumforschung des Vogels auch ihre Doktorarbeit geschrieben hat, die ökologische Bedeutung auf den Punkt.

Mit der Bedrohung des Bergwalds durch Freizeit- und Bewirtschaftungsdruck wächst auch das Risiko für das Auerhuhn, langfristig auszusterben. Denn es hat's schon von Natur aus nicht leicht: Nur zwei Drittel der Hennen, so Storch, bringt ein Gelege zum Schlüpfen. Nur zehn bis zwanzig Prozent der Küken werden erwachsen. Dies liege nicht nur daran, dass Räuber wie Fuchs, Habicht, Steinadler und Marder gerne Jagd auf junge und geschwächte Tiere machen. Eier und Küken reagieren nämlich überaus empfindlich auf Kälte und Nässe. "Die Population unterliegt großen Schwankungen", erklärt Storch. Deshalb sei ein langer Atem bei der Suche nach optimalen Lebensbedingungen notwendig. "Die allgemeine Forschungsförderung deckt solche Langzeitstudien in der Regel nicht ausreichend ab. Deshalb ist ein Sponsoring wie das von Auerbräu sehr wichtig für unsere Arbeit", betont sie.

Seit Anfang der 90er-Jahre wandelt die Wissenschaftlerin schon auf den Spuren der Auerhühner - in einem 2000 Hektar großen Untersuchungsgebiet, in dem noch einige Dutzend Vögel leben. Die hier zuständige Staatsforstverwaltung unterstütze die Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten - unter anderem durch eine Waldbewirtschaftung, welche Rücksicht auf die bedrohte Tierart nimmt. Das Zuhause der bis zu 80 Zentimeter großen und bis zu sechs Kilo schweren Vögel ist ein großflächiger lichter Nadelwald, wo die Leibspeise der Auerhühner auf nährstoffarmen Böden am besten in schützender Höhe wächst: die Heidelbeere - süße Köstlichkeit für Hahn und Henne, Lieferant von tierischem Eiweiß für die Küken, welche die unter den Blättern lebenden Insekten vertilgen.

Butterweich federt hier oben auf 1500 Metern der Boden, den die Studenten tagtäglich nach einem Rastersystem nach Nachweisen auf die Population absuchen. Die Daten werden in einem Index zusammengefasst, anschließend ausgewertet und mit früheren Erhebungen, bei denen die Auerhühner sogar mit federleichten Sendern zur Ortung ausgestattet worden waren, verglichen. Eine begehrte Arbeit bei den angehenden Forstfachleuten, die die Chance nutzen, die in den ersten Semestern erlernte Theorie in einer praktischen Feldstudie in die Tat umzusetzen. Da nehmen sie im Unterholz zerkratzte Arme und Beine oder vom Wandern und Klettern in unwegsamem Gebiet ermüdete Knochen angesichts der Aussicht, bei der in dieser Form einzigartigen Langzeitstudie mitarbeiten zu können, gerne in Kauf.

Beim allabendlichen Erfahrungsaustausch am Lagerfeuer vor der Forschungshütte werden nicht nur die Wunden verarztet, sondern auch die Legenden, die sich rund um den Auerhahn ranken, erzählt. Sachlich begegnet Projektleiterin Storch den Geschichten um scheinbar verrückt gewordene Hähne, die Menschen angreifen. Dabei handelt es sich nach ihren Angaben meist um balzende Tiere. In intakten Systemen bekämpfen sie alljährlich im Frühjahr traditionell den Nebenbuhler. In Lebensräumen, in die der Mensch eindringt, kann auch diesem mit Aggression begegnet werden, so die Erklärung.

Der balzende Hahn galt früher als begehrte Jagdtrophäe und als Symbol für Kraft und Stärke - ein Grund, warum Auerbräu-Gründer Johann Auer das Tier 1887 zum Markensymbol erkor. Eine Schwächung der Population würde, darin sind sich Wildbiologen, Wald- und Brauchtumsfreunde gleichermaßen einig, auch ein Tier mit hoher kultureller Symbolkraft gefährden. duc

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