OVB Spendenaktion unterstützt inklusives Wohnen: Das erste Weihnachtsfest im Benedetto-Menni-Nest

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Adventstunde im großen Raum
  • vonElisabeth Kirchner
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Egal, wie das Leben aussieht: Die (Vor-)Weihnachtszeit lässt alle Menschen in eine ganz bestimmte Stimmung kommen. Und in dieser besonderen WG ist die Vorfreude riesig!

“Oh du fröhliche, oh du selige Weihnachtszeit” - für die sechs Bewohner des Benedetto-Menni-Nests wird es dieses Jahr ein besonderes Fest, leben sie doch zum ersten Mal in ihrem Leben selbständig in einer großen Wohngemeinschaft. Die jungen Erwachsenen mit Einschränkungen, die seit September das große, lichtdurchflutete, barrierefrei und modern gestaltete Haus an der Aschauer Hochriesstrasse bewohnen, haben sich für ihre erste Weihnachtszeit weg von zu Hause viel vorgenommen.

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In einer Gesprächsrunde mit Bianca Klemens, einer der Mitinitiatorinnen des Hauses und selbst Mutter eines Sohnes mit Beeinträchtigung, haben sie sich schon im November für einen knallbunten Weihnachtsbaum ausgesprochen. Knallbunt, dass es nur so leuchtet.

Alle haben gemeinsam dekoriert

Bianca Klemens muss heute noch lachen, wenn sie sich an das Gespräch damals erinnert. “Ich habe für die klassische Variante mit rot und gold plädiert”, aber mit diesem Wunsch stand sie allein auf weiter Flur. Und da hier im Haus alles ruhiger und langsamer geht, haben die Bewohner zusammen mit ihren Betreuern und einigen ehrenamtlichen Helfern schon zum ersten Advent das Haus von innen und außen festlich dekoriert. Vor dem Eingang strahlt eine kleine, mit bunten Lichterketten und Sternen behangene Fichte, und drinnen leuchtet eine Tanne, auch die bunt und festlich mit Kugeln, Lichterkette und glänzendem Deko-Schmuck geschmückt.

Die Wände des großen Aufenthaltsraumes zieren ein winterlich gestalteter und selbst gebastelter Wandteppich mit Schneeflocken und goldenen Sternen sowie ein auf einer langen Schnur aufgehängter großer Adventskalender mit 24 Säckchen.

Gemeinsam bei Plätzchen und Lebkuchen

Unter der Woche ist hier ganz normaler Alltag, sei es, dass die einen zum Arbeiten in der Wendelstein-Werkstätte abgeholt werden, sei es, dass bei jemand anderem ein Arztbesuch ansteht, aber am Wochenende, da kommen sie alle gerne im großen Aufenthaltsraum zusammen. Und jetzt, in der dunklen Jahreszeit mit den vielen Lichtern und der weihnachtlichen Dekoration bekommt das Gefühl des Zuhause-Seins eine ganz neue Dimension.

Schon zum ersten Advent saßen sie zusammen. Am schön geschmückten Tisch, liebevoll von Bianca Klemens eingedeckt, standen Plätzchen, Lebkuchen, Punsch, Kaffee und Kakao bereit, und auch Gäste waren gekommen. Die Eltern von Jaro (23), der Vater von Christina (26) und die Eltern von Marlies (23). Die beiden haben Lola mitgebracht, den Labrador, den sie nach dem Unfall von Marlies vor über zehn Jahren für Marlies ins Haus geholt haben und der hier schwanzwedelnd alle Bewohner und Gäste begrüßt, ehe er sich tiefenentspannt auf seinen Stammplatz zu Marlies’ Füßen niederlegt.

Marlies’ Freund Hermann war auch gekommen, er wohnt noch in Rosenheim bei seinen Eltern. “Wir haben uns in den Werkstätten kennengelernt”, strahlt der junge Mann seine Marlies an. Von ihrem Teller, den sie sich mit Plätzchen recht voll geladen hat, bekommt er auch einiges an Weihnachtsgebäck ab, eine Geste, für die er sich mit einem liebevollen Händedruck und einem Küsschen bedankt. Jaro, der einen kleinen Unfall zwei Tage zuvor hatte, und den seine Eltern aus dem Krankenhaus zurück nach Hause ins Benedetto-Menni-Nest gebracht haben, freut sich ebenfalls über die Plätzchen. “So was leckeres habe ich da nicht bekommen.”

Vorfreude über Wochen

Marlies’ Mutter bewundert derweil Christinas neuen Haarschnitt, den sie sich extra hat machen lassen. Statt Pferdeschwanz trägt sie nun einen flotten Bob. Drumherum herrscht das gewohnte Chaos einer WG: Lukas (13), der Sohn von Bianca und Dietmar Klemens, ist schon ganz aufgeregt, soll doch gleich die Lichterkette am Weihnachtsbaum angeschaltet werden, Claudia Schmidtke, Sozialpädagogin und Vollzeitkraft im Benedetto-Menni-Nest, sucht für die 21-jährigen Zwillinge Lea und Marie rollstuhlbreite Plätze an der voll besetzten Tafel und nachdem Patrik (23) vom Taxi zur Fahrt in die Allianz-Arena mit dem Fanbus des FC Bayern abgeholt worden ist, kehrt so langsam Ruhe ein.

Anke Grötschl, Musikbetreuerin, verteilt Instrumente: Jaro bekommt die Conga, Christina ein Glockenspiel, Marlies die Triangel und alle anderen Rasseln und Schlaghölzer. Mit ihrer Gitarre stimmt Anke “Oh Tannenbaum” an und alle anderen fallen in den Gesang mit ein. Auch an den anderen Adventswochenenden haben sie sich zusammen getan und sich auf die Festtage mit Adventsfeiern, Liedern, Akkordeon-Konzert und Plätzchenbacken eingestimmt.

Was sie an Weihnachten machen? Die Zwillinge werden hier bleiben, Patrik fährt mit dem Zug nach Hause zu seiner Mama - “das ist eine lange Zugfahrt, denn er muss ein paar Mal umsteigen, aber das hat er sich alles selbst organisiert”, erzählt Dietmar Klemens, Initiator des Benedetto-Menni-Nests. Auch Jaro zieht es an Weihnachten heim zu den Eltern. Christina und Marlies haben sich noch nicht entschlossen. Eigentlich wollten sie heim, “aber dann wären ja die Zwillinge allein”, so Marlies, und das fände sie auch schade, dass die beiden dann in dem großen Haus allein Weihnachten feierten. Und wo die beiden jungen Damen doch jetzt selbständig leben, wäre das natürlich schon eine aufregende Sache, ohne die Eltern Weihnachten, zum ersten Mal allein, zu feiern. Bianca Klemens äußert Verständnis, dass die beiden noch unentschlossen sind. “Wir wissen ja auch noch nicht, wo und wie wir feiern. Aber Gans, Blaukraut und Knödel als Festtagessen, das möchte ich haben.” Zur Not werden es eben ein paar Gedecke mehr, und dann steht einer fröhlichen und seligen Weihnachtszeit nichts mehr entgegen.

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