Der Spätstarter vom Keferwald

OVB
+
Schöne Erinnerung an die WM 2011 in Daegu: Plass mit Sprint-Superstar Usain Bolt.

Rosenheim/London - Bei der Eröffnungsfeier am Freitag war der einzige Rosenheimer Olympia-Teilnehmer gar nicht dabei. Der Sprinter Jonas Plass reist erst am 6. August an.

Hier startet Jonas Plass auf den Pflastersteinen vor dem Rosenheimer Rathaus, nächste Woche läuft er im Olympia-Stadion für Deutschland - ein Traum geht damit in Erfüllung.

Wer am Freitag bei der Eröffnung der Sommerspiele nach dem einzigen Rosenheimer Olympia-Teilnehmer suchte, der hat sich vergeblich angestrengt. Jonas Plass, der mit der deutschen 4x400-Meter-Staffel ins Finale einziehen will, reist mit seinen Teamkollegen erst am 6. August an. Der gebürtige Bamberger, der in Rosenheim aufwuchs, ist ein Spätstarter. Erst mit 18 Jahren wechselte er ins Lager der Leichtathleten. Vorher hatte er 13 Jahre Basketball gespielt.

Kurz vor dem Olympia-Start noch eine Geburtstagsfeier

Am 9. und 10. August schlägt für Plass und die deutsche Staffel die große Stunde an der Themse: Erst stehen die Vorläufe an, die besten acht Teams qualifizieren sich fürs Finale am Folgetag. Und ein weiterer großer Tag steht schon morgen an. Am Mittwoch feiert der Mann, der schon so manche Runde durch den Keferwald am Stadtrand Rosenheims gedreht hat, seinen 26. Geburtstag.

Wenn alles nach Plan läuft, geht Plass in London als Startläufer auf die Strecke. Wozu die deutsche Staffel dort fähig ist? Auf Prognosen will sich der Fast-26-Jährige nicht einlassen. Aber nach dem Gewinn der Bronze-Medaille bei der Europameisterschaft vor wenigen Wochen dürfte es nicht an Selbstvertrauen fehlen.

Dass er einmal für Deutschland laufen wird - das hätte sich Plass in der Kinder- und Jugendzeit wohl nie träumen lassen. Mit sechs Jahren aus Bamberg nach Rosenheim gekommen, drehte sich zunächst alles ums Basketball, wo er erst für den TSV 1860, dann für den Sportbund DJK Rosenheim auf Korbjagd ging. Die Basketball-Leidenschaft war auch der Grund, warum der Schüler des Karolinen-Gymnasiums mit 17 Jahren für mehrere Monate in die USA ging.

Dort entdeckte er dann die Leichtathletik. Wieder zurück, lud ihn sein heutiger Coach Andreas Krämer im Oktober 2004 zum Lauftraining ein: "Komm doch einfach mal vorbei." "Eine Woche später war ich Leichtathlet", erinnert sich Plass. Er schloss sich dem TSV 1860 Rosenheim an, schon Anfang 2005 wurde er in den Förderkader des "Teams Wendelstein" aufgenommen.

Schon kurz nach der sportlichen "Umschulung" hieß es: volle Konzentration auf die 400-Meter-Strecke - und es ging steil bergauf mit dem Quereinsteiger aus Rosenheim, der sich gern bei Hip-Hop- oder Soul-Musik entspannt.

Seine Bestleistungen: 10,7 Sekunden über 100 Meter, 21,05 Sekunden über 200 Meter und 46,0 Sekunden über die 400 Meter.

Olympia in Peking im Krisenjahr 2008 verpasst

Die größte Enttäuschung gab es vor exakt vier Jahren: Damals hatte Plass die Olympia-Qualifikation schon in der Tasche, aber kurz vor den Spielen in Peking kam in seinem persönlichen Krisenjahr 2008 nach einer gut überstandenen Operation an beiden Leisten das plötzliche Aus durch eine Stressfraktur im linken Mittelfuß. "Nun wird mein großer Traum wahr. Das tägliche Schuften und Quälen hat sich endlich ausgezahlt", freut sich der Rosenheimer jetzt umso mehr. Ob er in London nun so richtig auf den Geschmack kommt und mit 30 Jahren bei den nächsten Spielen in Rio noch einmal durchstartet? "Das kann ich mir nicht vorstellen", winkt Plass ab. "Mir tun die Gelenke und Beine ja jetzt schon nach jedem Training weh." Pro Jahr kommt er übrigens auf 250 bis 300 Einheiten.

Einen großen Etappensieg in seinem Leben hat er vor Kurzem schon errungen: den Abschluss seines Medien- management-Studiums an der Hochschule in Köln. Die Master-Arbeit schrieb er bei der Firma B&O in Bad Aibling. Als Student ist er in den vergangenen fünf Jahren nur selten nach Rosenheim gekommen - zumal die Semesterferien für Wettkampfreisen und Trainingslager drauf gingen, vor allem im Sommer.

Über Südtirol, wo sich die deutschen 400-Meter-Läufer speziell vorbereiteten, und das Bundesleistungszentrum in Berlin geht es am 6. August per Flugzeug nach London - zurück übrigens per Schiff mit der MS Deutschland, die von der Themse aus Kurs auf Hamburg nehmen wird.

Plass freut sich schon riesig auf das Olympische Dorf, wo er die wenigen Tage bis zum Ende des Spiele verbringen wird. Vielleicht reicht die Zeit ja trotzdem für einen Abstecher in die Basketball-Arena, um die Superstars der USA live erleben zu können. Die Basketballhalle ist nur einen Steinwurf entfernt.

Jonas Plass und "Cousin" Hambüchen: Interviews auf Seite 37

Große Interviews mit Jonas Plass und Deutschlands Turner-Ass Fabian Hambüchen, dessen Cousine in Rosenheim zur Schule geht, finden Sie auf Seite 37. Die Schüler der 8d des Karolinengymnasiums haben den zwei Top-Sportlern kurz vor dem Start der Spiele viele Fragen gestellt - und interessante Antworten erhalten. Zum Beispiel auf die Frage, ob man als Sportler bei den Frauen besser ankommt.

Ludwig Simeth

Kommentare