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"Senioren brauchen eine Lobby"

Ratschen, Kaffee trinken, spielen, musizieren: Im Café Miteinander im Mehrgenerationenhaus in Flintsbach verbringen Senioren zweimal in der Woche ein paar Stunden in geselliger Runde - eine Chance, aus der Isolation auszubrechen.  Foto re
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Ratschen, Kaffee trinken, spielen, musizieren: Im Café Miteinander im Mehrgenerationenhaus in Flintsbach verbringen Senioren zweimal in der Woche ein paar Stunden in geselliger Runde - eine Chance, aus der Isolation auszubrechen. Foto re

Derzeit ist die Tagespflege ein hoch aktuelles Thema. Allerdings denken viele dabei an die Kinderbetreuung. Doch auch am Lebensende benötigen Menschen oft eine Tagespflege. Erfolgreiche

Flintsbach - Seit 19 Jahren kämpft Monika Kaiser-Fehling als Pflegedienstleiterin gegen das "kollektive Schämen": dagegen, dass Senioren sich nach einem Schlaganfall nicht mehr trauen, das Haus zu verlassen, weil es mit der Sprache hapert, dagegen, dass Ältere das geliebte Schafkopfen aufgeben, weil sie die Karten nicht mehr richtig halten können, oder nicht mehr zum Kaffeetrinken gehen, weil sie einen Katheterbeutel tragen. Die Isolation von Senioren, die wegen Gebrechlichkeit und Erkrankung Pflege benötigen, bricht das von Monika Kaiser-Fehling geleitete christliche Sozialwerk Degerndorf-Brannenburg-Flintsbach auf - mit einer Tagesbetreuung und einem Seniorencafé, integriert in einem Mehrgenerationenhaus, das auch durch Kinderstimmen gefüllt wird: Denn im Erdgeschoss befindet sich eine Krippe.

Ein wegweisender Ansatz, der auf großes Interesse stößt: Über 30 Vertreter von Sozialwerken, Wohlfahrtseinrichtungen, Nachbarschaftshilfen, Seniorenheimen, privaten Pflegediensten, Ämtern und Verbänden sowie zahlreiche Bürgermeister aus dem Landkreis waren der Einladung von Daniela Ludwig gefolgt, um das Flintsbacher Modell kennen zu lernen. Dahinter steht nicht nur ein engagiertes Team aus Mitarbeitern und Ehrenamtlichen, sondern auch ein Bürgermeister: Wolfgang Berthaler, Rathauschef in Flintsbach, ist auch Vorsitzender des christlichen Sozialwerkes. Von dieser Doppelfunktion profitieren die Senioren. Denn Berthaler fällt es leichter als anderen, Fördertöpfe anzuzapfen, Sponsoren und öffentliche Aufmerksamkeit für die Seniorenbetreuung zu finden.

Das ist auch nötig, denn Sozialwerke, die ambulante Pflege und Betreuung anbieten, kämpfen mit großen finanziellen Problemen. Vor zehn Jahren stand auch die Vorzeigeeinrichtung in Flintsbach kurz vor der Insolvenz, berichtete Berthaler. Gemeinsam mit dem Verein und dem Personal sowie vielen weiteren Unterstützern führte er das Sozialwerk zurück in schwarze Zahlen. Betreutes Wohnen daheim, Essen auf Rädern, ambulante Pflege: Diese Angebote ergänzte der Verein, der sich um 120 Patienten kümmert, durch eine Tagesbetreuung im für 1,3 Millionen Euro umgebauten Mehrgenerationenhaus. Senioren, die aufgrund ihrer Gebrechlichkeit oder Demenz nicht alleine bleiben können, finden dort für Stunden eine Betreuung. Abends kehren sie wieder zurück nach Hause. Das Angebot zur Entlastung pflegender Angehöriger wird gut angenommen. Überlegungen, eine zweite Betreuungsgruppe zu öffnen, stehen im Raum. Auch das Café Miteinander ist stets sehr gut besucht, berichtete das Team.

Da es in der Seniorenarbeit schwer ist, aufgrund der Gebrechlichkeit der Klienten Buchungs- und Belegungszeiten sowie Personalschlüssel zu planen, geraten Einrichtungen der Tagespflege, die fünf Tage in der Woche öffnen und einen eigenen lizenzierten Fahrdienst vorhalten müssen, oft finanziell ins Trudeln. Deshalb bietet das christliche Sozialwerk Degerndorf-Brannenburg-Flintsbach nicht eine Tagespflege, sondern eine Tagesbetreuung an, abzurechnen allerdings lediglich über die Verhinderungspflege. Doch auch das "Pflegeneuausrichtungsgesetz", gedacht als Entlastung für Angehörige, hat die Situation nicht verbessert. Die Gebührensätze sind noch nicht ausgehandelt. Leistungserbringer wie das Sozialwerk wissen nach Angaben von Monika Kaiser-Fehling noch immer nicht, wie sie abrechnen sollen.

In der Diskussion kristallisierten sich weitere Problemstellungen heraus: Es altert eine zweite Generation heran, die sich - selbst im Ruhestand - um greise Eltern kümmern muss. Auch die Zahl der behinderten Senioren wächst. Für sie gibt es kaum passende Betreuungsangebote. Die Pflegedienste suchen händeringend nach Personal, leiden unter einer stark zunehmenden Bürokratie. Die Altenpflege kämpft trotz zunehmender Bedeutung nach wie vor um ihre gesellschaftliche Anerkennung, denn, so Berthaler: "Senioren haben keine Lobby". Ausbaden müssen dies auch ihre Angehörigen, bedauerte Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig. Denn die Angehörigen bilden nach wie vor den größten Pflegedienst Deutschlands: Über zwei Drittel der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen würden daheim betreut. Tagespflege- und Tagesbetreuungsangebote zur Entlastung sind nach Überzeugung Ludwigs deshalb dringend vonnöten.

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