Seenot-Einsätze bei Sturm auf dem Chiemsee: Leichtsinn oder zu späte Warnung?

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Wolken über dem Chiemsee. Was hier noch beschaulich aussieht, verwandelt sich binnen 15 Minuten in ein Unwetter mit Sturmböen. So geschehen am Samstag, 23. Mai, und brachte zahlreiche Wassersportler in Bedrängnis.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Rund 70 Seenotretter waren am Samstag. 23. Mai, gefragt und mussten im ganzen Chiemsee Wassersportler retten. Riskierten die Sportler zu viel oder überholte das Gewitter die Unwetterwarnung?

Rosenheim – Ein schwerer Sturm am Samstagnachmittag sorgte für zahlreiche Einsätze der Wasserwacht am Chiemsee. Riskieren Wassersportler nach der Corona-Pause zu viel oder ist Leichtsinn mit im Spiel?

Aufziehende Stürme am Chiemsee relativ gut zu sehen

Auch Lorenz Fischer (27) passionierter Regattasegler und Segellehrer aus Prien war am Samstag am See. Er kennt den Chiemsee schon seit seiner Kindheit als Segelrevier, seine Familie ist eng mit dem „Seglerheim Chiemsee“ sowie den Chiemsee Yachtclub verbandelt.

Mythen ranken sich viele um die Wetterecken und Sturmanzeichen am Chiemsee: grünlich schimmerndes Wasser, ein Wetterfenster über der Kampenwand und besondere Kräuselungen der Oberfläche. Lorenz Fischer wiegelt ab: „Der Vorteil des Chiemsees ist, dass man in alle Richtungen gut schauen kann und daher aufziehende Stürme leicht erkennen kann.“

Kein Verständnis für leichtsinnige Wassersportler

Dies sei auch am Samstag der Fall gewesen. Für ihn sei die Wetterentwicklung keine Überraschung gewesen. Schon morgens hat er über die „Katwarn-App“ davon erfahren. Dass immer noch Boote und Stand-Up-Paddler auf dem See waren, während Fischer und seine Mitstreiter bereits die Boote im Hafen vor drohendem Hagel sicherten, dafür hat er kein Verständnis.

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Blind auf die Signallampen vertrauen, findet Fischer problematisch. Schließlich könne hier auch mal der Blitz einschlagen oder ein technischer Defekt auftreten. Grundsätzlich sei der Chiemsee ein gut handhabbares Segelgebiet und gelte nicht als besonders schwierig. Sorge hat Fischer eher vor Stürmen, die von Westen her über die Schafwaschener Bucht und Harras ziehen und dann über den Inseln drehen: „Dann wirds richtig deftig.“ Jeder Sportler stehe in einer Holschuld und nicht in einer Bringschuld, was das Wetter angehe.

Stand-Up-Paddler nur wenig geschützt

Wer auf dem Chiemsee segelt, wird zu Wind und Wetter geschult. Nicht so Stand-Up-Paddler (SUPs). Dieser Sport ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Allerdings bieten die Boards nur wenig Schutz bei einem Sturm. „Das ist ein Spielzeug. Man hat keine Deckung und anders als bei einem Kielboot fliegt man einfach weg“, sagt Fischer.

Auch am Samstag waren viele SUPs während des Sturms in Not geraten. Und das bei Verhältnissen, die nah am „fliegenden Wasser“ waren. Fischer erklärt: „Von fliegendem Wasser sprechen wir, wenn der Wind das Wasser von der Oberfläche zieht und zu einem sehr dichten Sprühnebel führt.“

Sturm auf dem Chiemsee: Kam die Warnung zu spät?

Mit starker Gischt sei das nicht vergleichbar, eher wie einen Sandsturm müsse man sich das vorstellen. Statt Sand würden kleine Partikel Wasser aufgewirbelt. Die Gefahr, keine Luft mehr zu bekommen sei sehr groß. Ohnehin trage kaum ein Stand-Up-Paddler eine Schwimmweste. Beim fliegenden Wasser böte jedoch auch diese keinen Schutz, ebenso wenig wie das Brett, das leicht davon fliege.

In den sozialen Netzwerken wird teils diskutiert, ob die Warnung zu spät kam, oder die Sportler leichtfertig handelten. Viele Chiemgauer erinnern sich an das Chiemsee Summer Festival vor drei Jahren. Damals standen der Veranstalter und der Deutsche Wetterdienst in der Kritik, weil die Räumung des Geländes erst stattfand, als der Sturm schon in vollem Gange war.

Abgelaufen ist der Samstag wie folgt: Die Signallampen für den Chiemsee wurden um 14.58 Uhr aktiviert, allerdings schaltet diese nicht der Wetterdienst, sondern die Integrierte Leitstelle (ILS) in Traunstein. Entsprechend hätten die Sportler in der Zwischenzeit das Ufer anfahren sollen, sagt Anton Groschak, Leiter der ILS.

Starker Temperatursturz 26 auf 12 Grad

Nach Auskunft des DWD seien die Böen 45 Minuten bis 60 Minuten später aufgetreten, jedoch erfolgte bereits um 15.24 Uhr der erste Wassernotruf. Hier unterscheiden sich die Angaben des DWD und die Uhrzeit, zu der Wassersportler in Not geraten sind. Rund 70 Einsatzkräfte waren schließlich im Laufe des Nachmittags im Einsatz, um 22 Menschen und 13 Wasserfahrzeuge auf dem Chiemsee zu retten.

Nur ein bisschen Wind war es auch für den DWD nicht. Binnen einer Stunde, zum Teil sogar noch schneller, sei die Temperatur von 26 auf 12 Grad gefallen, berichtet Guido Wolz, Leiter der regionalen Wetterberatung in München. Man könne aber nicht davon sprechen, dass der Sturm sich nicht angekündigt hätte und urplötzlich aufgetreten sei. Denn die Zuggeschwindigkeit des Sturms sei nicht schneller als üblich gewesen.

Sturmwarnung fürs Chiemgau bereits in der Nacht zuvor

Von einer zu späten Warnung könne laut Wolz auch nicht die Rede sein. Bereits in der Nacht auf Samstag habe der DWD vorab im Wetter- und Warnlagebericht informiert, dass mit Gewitter und orkanartigen Böen im Verlaufe des Tages zu rechnen sei.

Außerdem habe der DWD für viele Landkreise in Südostbayern kurz nach 9 Uhr morgens eine Sturmwarnung herausgegeben, die aber nicht mit der Seenwarnung verwechselt werden dürfe. In dieser Meldung wies der Wetterdienst darauf hin, dass ab 16 Uhr mit Stürmen gerechnet werden müssen. Anton Groschak bestätigt, dass die Leitstelle leider auch immer öfter die Erfahrung mache, dass sich Sportler nicht um die Warnsignale kümmern – seien es Leuchten oder Wetteranzeichen.

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