Vor Gericht

Schulfreund die Identität gestohlen: Zweieinhalb Jahre Haft für Frau aus Landkreis Mühldorf

Dem Freund die Identität gestohlen: Ein ungewöhnliches Verfahren beschäftigte die Justiz in Traunstein.
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Dem Freund die Identität gestohlen: Ein ungewöhnliches Verfahren beschäftigte die Justiz in Traunstein.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Sie waren Freunde im Kindergarten und in der Schule. Am Montag (1. Februar) sahen sie einander vor Gericht in Traunstein wieder: Weil sie einem heute 36-Jährigen die Identitel gestohlen und damit Betrügereien verübt hatte, verurteilte das Schöffengericht in Traunstein eine 37-jährige Frau zu zweieinhalb Jahren Haft.

Traunstein/Mühldorf – Aus der Strafhaft heraus beantragte eine als Mann geborene 37-jährige Frau 2018 beim Standesamt Aachen eine Geburtsurkunde auf den Namen eines Jugendfreunds. Nach der Flucht aus dem Gefängnis Euskirchen im Sommer 2018 beim Freigang verübte die Frau unter dem Alias-Namen Mietbetrügereien in München und Rosenheim. Zudem schloss sie in Bad Aibling einen Ratenvertrag für ein Auto ab. Das Schöffengericht Traunstein mit Richter Thilo Schmidt verhängte dafür gestern eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren.

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Angeklagte war „der beste Freund“

Die Angeklagte war „der beste Freund“ des späteren Geschädigten, eines inzwischen 36-jährigen Angestellten gewesen. Die Buben besuchten gemeinsam Kindergarten und Grundschule. Das Verhältnis blieb gut - bis vor 17 Jahren, da sei es zu Zwischenfällen mit Geld gekommen. Der Freund sei irgendwann abgetaucht. Er, so sagte der Zeuge, habe im September 2018 Rechnungen der Bahn bekommen, von einem Bekleidungshaus und über eine Mietkautionsversicherung. Nach einem Gehaltsabzug wegen geänderter Lohnsteuerklasse habe er den Rat erhalten, sich an sein Finanzamt zu wenden. Der 36-jährige Dürener wörtlich: „Da habe ich erfahren, dass ich in Langenpfunzen wohne.“ Er konnte die Vermieterin der Wohnung in Rosenheim ausfindig machen und sie vor dem Betrüger warnen. Die Vermieterin schaltete die Polizei Rosenheim ein. Die 37-Jährige musste ihre noch offene Reststrafe in Euskirchen absitzen.

Inkassoschreiben und offene Rechnungen

Der Geschädigte sagte: „Ich bin monatelang missbraucht worden.“ Erst von der Polizei habe er gehört, dass die Angeklagte dank der erschwindelten Geburtsurkunde auf seinen Namen über echte Papiere samt Führerschein verfügte. Da sei klar gewesen, dass die 37-Jährige hinter seinen Schwierigkeiten mit Rechnungen, Schreiben von über 20 Inkassobüros und Mahnbriefen von Rechtsanwälten stecke.

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Der Geschädigte schilderte: „Ich war wütend und habe die Medien eingeschaltet. Mir war wichtig zu sagen, dass ich unschuldig bin.“ Den Umfang der Rechnungen bezifferte der 36-Jährige mit rund 20 000 Euro. Sogar 2020 seien noch Rechnungen eingetroffen. Bezahlt habe er, abgesehen von einem Rechtsanwalt, allerdings keine einzige der Forderungen. Ein Problem habe sich bei einer Reise ergeben: „Ich wurde am Flughafen in Sofia abgeführt, weil mein Personalausweis angeblich nicht in Ordnung war.“

Wechselvolles Leben mit schwieriger Jugend

Ein Polizeibeamter sagte gestern, die 37-Jährige habe damals auf ihrem falschen Namen beharrt. Die Angeklagte hat ein wechselvolles Leben mit schwieriger Jugendzeit hinter sich. Seit 2009 lebte sie als Frau und war mit einem Mann verheiratet. Nach der Scheidung gab sie einem Mann das Ja-Wort, der früher eine Frau war. Aktuell wohnt die 37-Jährige im Landkreis Mühldorf. Seit 2005 wurde die Angeklagte 18-mal wegen Betrügereien verurteilt und verbüßte mehrere Jahre Haft.

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Dabei wurde sie aufgrund ihrer Transsexualität und einer Hormonbehandlung in einem Frauengefängnis untergebracht. Als die Behandlung gestoppt wurde, musste sie in ein Männergefängnis. „Da ist mir der Jugendfreund eingefallen“, sagte die 37-Jährige. Sie habe sich über das Standesamt in Aachen eine Geburtsurkunde auf dessen Daten beschafft. Wie das möglich war, darüber herrschte in der Hauptverhandlung Verwunderung.

Erhebliches Rückfalltempo

Die Betrügerin räumte den Inhalt der Anklage von Staatsanwältin Helena Neumeier mit einem Betrugsschaden von gut 8 000 Euro weitgehend ein, bestritt aber, etwas aus der Wohnung in Rosenheim entwendet zu haben. Das Gericht stellte diesen Teilvorwurf ein. Helena Neumeier unterstrich im Plädoyer auf drei Jahre vier Monate Haft, der Identitätsdiebstahl verfolge den Zeugen bis heute.

Die 37-Jährige habe dessen „komplettes Leben übernehmen wollen“. In vielen Jahren als Anwalt habe er einen derartigen Fall noch nicht erlebt, sagte Verteidiger Hans Sachse aus Rosenheim. „Der eigentliche Skandal“ sei die vom Standesamt ausgestellte Geburtsurkunde. Sachse hielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung für ausreichend.

„Erschreckend einfach“ sei es gewesen, an die Geburtsurkunde zu gelangen, unterstrich Richter Thilo Schmidt im Urteil. Zu Gunsten der 37-Jährigen wirkten das Geständnis, ihre Entschuldigung und ihr straffreies Leben seither. Nachvollziehbares Motiv seien die Probleme im Männergefängnis. Andererseits seien die einschlägigen Vorstrafen zu sehen, die erhebliche Rückfallgeschwindigkeit, die Höhe der Einzelschäden und die Auswirkungen auf den Geschädigten. „Er musste viel Zeit und Mühe investieren, um aus der Nummer rauszukommen.“

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