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Schützen sollen Waffen strecken

Die Mitglieder der Gebirgsschützenkompanie Waakirchen mussten im März vor Schloss Bellevue in Berlin ihre Waffen ablegen, bevor sie den Amtssitz des Bundespräsidenten betreten durften. Auch die Endorfer Schützen sollen nach dem Willen der gewählten Pfarrverbandsvertreter künftig ohne Armierung auftreten.  Foto dpa
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Die Mitglieder der Gebirgsschützenkompanie Waakirchen mussten im März vor Schloss Bellevue in Berlin ihre Waffen ablegen, bevor sie den Amtssitz des Bundespräsidenten betreten durften. Auch die Endorfer Schützen sollen nach dem Willen der gewählten Pfarrverbandsvertreter künftig ohne Armierung auftreten. Foto dpa

Der Bad Endorfer Pfarrverbandsrat hat in seiner jüngsten Sitzung mit großer Mehrheit beschlossen, dass die Gebirgsschützen Bad Endorf/Chiemgau an der Fronleichnamsprozession in der Pfarrkuratie Stephanskirchen künftig nur noch unbewaffnet teilnehmen dürfen. Die wütenden Schützen drohen nun mit völligem Fernbleiben von der Prozession, und der Pfarrer sitzt zwischen allen Stühlen.

Bad Endorf - Die bayerischen Gebirgsschützen gehören zum alpenländischen Bayern wie Cowboys nach Texas. Oder die Schweizer Garde in den Vatikan. Seit jeher verstehen sie sich als Hüter des wehrhaften Brauchtums, die - einer Bürgerpolizei gleich - einst für die Sicherheit der (katholischen) Menschen im Alpenraum kämpften. Aber ist diese Wehrhaftigkeit heute noch zeitgemäß? Brauchen die Gebirgsschützen wirklich noch ihre Karabiner, wenn sie bei kirchlichen oder weltlichen Anlässen auftreten?

Nein, fand jetzt der Bad Endorfer Pfarrverbandsrat. In der Kuratie Stephanskirchen sollen die Gebirgsschützen daher in den Kirchen und während der Fronleichnamsprozession ihre Waffen ablegen. "Wir verstehen das Argument, dass die Waffen dazugehören", sagt Pfarrverbandsrätin Birgit Schiebel. Aber, so ergänzt sie, die selbst Tochter eines Gebirgsschützen ist: "Man muss halt auch mal mit der Zeit gehen." Eine öffentliche Zurschaustellung von Waffen sei ebenso unzeitgemäß wie das Tragen von Waffen als Schutzsymbol. "Was ist das denn für ein Signal an die Kinder, wenn ich heutzutage eine Waffe tragen muss, um mich zu schützen?"

Josef Entfellner, Hauptmann der Endorfer Gebirgsschützenkompanie, stellt die Gegenfrage: "Wie viele Waffen sind denn in den Kirchen abgebildet? Die Gotteshäuser sind voll mit Darstellungen von Schwertern und Lanzen!" Den Beschluss des Pfarrverbandsrats lehnt er daher - wenig überraschend - in Bausch und Bogen ab. "Die Gebirgsschützen waren nie aggressiv, sie haben sich immer für den Schutz der Gehöfte, der Bürger und der Gläubigen eingesetzt", erklärt er. Beispielsweise hätte sein Verein, dessen Geschichte übrigens bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, in früheren Zeiten die Wallfahrer nach Altötting vor Wegelagerern beschützt. Auch die Pfarrer, die in alten Zeiten oft ihr Opferstockgeld bei sich trugen, wären für den Schutz der Gebirgsschützen dankbar gewesen. "Wo kommen wir denn da hin", fragt Entfellner deshalb, "wenn man derartiges Brauchtum einfach so abschafft?" Der Pfarrverband müsse sich daher entscheiden: "Wenn es bei dem Beschluss bleibt, gehen wir in Montur sicher nicht mehr mit." Ob die Kameraden zumindest als Privatmänner an der Prozession teilnehmen, sei ihnen überlassen. Sicher sei, dass er sich vom Pfarrverbandsrat nicht zum "Theaterverein" degradieren lasse.

Pfarrer Stefan Bauhofer sitzt derzeit - als Kompaniepfarrer einerseits und Pfarrverbandsleiter andererseits - zwischen allen Stühlen. Entsprechend kann er die Argumente beider Seiten gut nachvollziehen. "Man muss die Tradition der Gebirgsschützenkompanien kennen. Schutz auszuüben ist ihr Urauftrag, deswegen gehören Waffen einfach zu ihrer Montur dazu." Andererseits stehe er für eine demokratische Kirche, weshalb er den Beschluss des Pfarrverbandsrats in jedem Fall akzeptieren werde.

Bauhofer sieht sich daher in der Rolle des Mediators. Im Rahmen eines Schlichtungsgesprächs, das nun am 18. April ab 20 Uhr im Pfarrsaal stattfinden wird, soll für die anstehende Fronleichnamsprozession eine Lösung gefunden werden, die im Sinne aller 4500 Gläubigen des Pfarrverbands ist. Bis dahin appelliert Bauhofer an die Vernunft seiner Schäflein und bittet: "Leut, geht's runter vom Gas!" Gleichzeitig nimmt er seine 22 Pfarrverbandsräte vor allzu wütenden Protesten in Schutz: "Ich glaube, die waren sich gar nicht bewusst, was sie da eigentlich beschlossen haben."

Hauptmann Entfellner ist ebenfalls um eine sachliche Klärung der Causa bemüht. Wichtig sei einfach, die Menschen aufzuklären, findet er. Dass sein Verein von der Kirche gewünscht sei, belegen in seinen Augen nicht nur die Mitgliedschaften des emeritierten Papstes Benedikt XVI. und des Erzbischofs Reinhard Marx bei den Gebirgsschützen. Auch der große ehrenamtliche Einsatz, den er und seine Kameraden für die Pfarrei leisteten, sei enorm: Allein in den vergangenen beiden Jahren hätte die Endorfer Kompanie über 300 Stunden Arbeit in den Erhalt und die Sanierung von Marterln, Wegkreuzen und Kapellen investiert.

Karl Steininger, Landeshauptmann im Bund der bayerischen Gebirgsschützen, springt seinen Endorfer Freunden ebenfalls zur Seite: "In meiner ganzen Laufbahn ist mir eine Diskussion wie diese noch nie untergekommen!"

Ganz im Sinne von Pfarrer Bauhofer versprechen beide Seiten, den Ausgang des Treffens am 18. April zu akzeptieren. Schütze Entfellner erklärt sogar - mit Blick auf die monatelangen Diskussionen um die Fällung zweier Kastanien: "Egal wie es ausgeht, wir werden den Beschluss annehmen. Hauptsache, wir bekommen keine Neubeurer Verhältnisse!"

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