Unglück am Inn

Schonstetter (16) nach Hechtsprung querschnittsgelähmt: Sandro kämpft sich zurück ins Leben

Sandro Halfter arbeitet in der Unfallklinik Murnau hart, um sich wieder zu stabilisieren. Er hat sich den fünften Halswirbel gebrochen und einen inkompletten Querschnitt erlitten. Die Hoffnung seiner Eltern: dass seine Fingermotorik wieder zurückkehrt.
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Sandro Halfter arbeitet in der Unfallklinik Murnau hart, um sich wieder zu stabilisieren. Er hat sich den fünften Halswirbel gebrochen und einen inkompletten Querschnitt erlitten. Die Hoffnung seiner Eltern: dass seine Fingermotorik wieder zurückkehrt.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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  • Markus Christiandl
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Vom ausgelassenen Nachmittag zum Albtraum: Am 8. Juli wollte Sandro Halfter (16) aus Schonstett mit Freunden Party machen. Bei einem Hechtsprung in den Inn knallte er mit dem Kopf auf einen Felsbrocken – seitdem ist er querschnittsgelähmt. Doch der 16-Jährige kämpft sich zurück ins Leben.

Schonstett/Murnau– Mit den Kumpels von der Realschule wollte der 16-jährige Schonstetter am 8. Juli an der Staustufe bei Sunkenroth ein Lagerfeuer machen, Baden und Spaß haben – die Abschlussprüfungen waren endlich vorbei. Doch ein Hechtsprung in den Inn veränderte sein Leben dramatisch. Der sportliche junge Mann kam mit dem Kopf auf einem Felsbrocken auf und ist nun querschnittsgelähmt. Bewusstlos blieb Sandro im Wasser liegen. Seine Freunde zogen ihn aus dem Fluss und setzten den Notruf ab.

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„Der Sandro ist ins Wasser gesprungen, er hat eine Kopfwunde, wir haben den Krankenwagen gerufen“, erinnert sich Sandros Vater Bernhard Tasser (38), als sein Handy damals klingelte. Zunächst habe er an eine unruhige Nacht in der Notaufnahme gedacht, doch dann sickerte allmählich durch, dass es hier um Schlimmeres ging.

Rückenmark schwer geschädigt

Der Rettungshubschrauber brachte den Schwerstverletzten ins Romed-Klinikum Rosenheim, wo er in einer achtstündigen Operation stabilisiert wurde, wie Tasser im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen berichtet. Der fünfte Halswirbel war gebrochen, das Rückenmark schwer geschädigt.

Wie soll Familie das schaffen?

Die Sorge um seinen Sohn, der aus einer früheren Beziehung mit Jugendliebe Kerstin Halfter stammt, steht ihm ins Gesicht geschrieben – und auch um die finanzielle Absicherung seiner Familie. Das Haus in Schonstett ist noch nicht abbezahlt und muss nun für sehr viel Geld behindertengerecht umgebaut werden.

Stiefmama Nina ist im 7. Monat schwanger

„Jetzt haben wir dann zwei Kinder mit einer besonderen Herausforderung zuhause. Ich hab Schiss vor der Zukunft, wie sollen wir das alles bewältigen…?“, sagt Tasser, der im Vertrieb in einem Konzern arbeitet. Sein kleiner „Sonnenschein Rosalie“ ist vor zweieinhalb Jahren völlig überraschend mit Down Syndrom zur Welt gekommen. „Meine Frau Nina und ich haben uns gut mit der Situation zurecht gefunden und verfolgen den Anspruch, die Kleine bestmöglich aufs Leben vorzubereiten. Wir fühlten uns bereit, unsere Familie zu erweitern, Nina ist im siebten Monat schwanger.“

Kleine Schwester hat Down Syndrom

Und jetzt kommt dieser Schicksalsschlag oben drauf. Dabei wollte Sandro kurz nach seinem Schulabschluss eine Lehre als Mechatroniker anfangen.

Immer wieder schweifen die Gedanken seines Papas zu dem verhängnisvollen Tag an der Staustufe ab. „Sie hatten gegen vier Uhr nachmittags schon zusammengepackt, da sagte Sandro, ,Ich spring nochmal.‘ “

Vater schreit seinen Schmerz hinaus

Bernhard Tasser und Sandros Mutter Kerstin warteten die ganze Nacht über die OP ab und erfuhren dann am nächsten Tag, dass ihr Bub zwar außer Lebensgefahr ist, er aber querschnittgelähmt bleiben wird. Als sein Vater die für alle niederschmetternde Nachricht erhielt, mischten sich Wut mit Traurigkeit und Verzweiflung. Er schrie seinen Schmerz heraus.

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„Da bricht eine Welt zusammen. Ich glaube, man hat mich in ganz Rosenheim gehört in dieser Nacht“, sagt Tasser. Sandro schlief zur selben Zeit im künstlichen Koma.

Sandro langsam aus dem Koma zurück geholt

Seit 14 Wochen kämpft er sich seither in der Unfallklinik in Murnau zurück in ein neues Leben. Hier ließ man ihn langsam aus dem Koma aufwachen. Sandro erhielt starke Schmerzmittel, die langsam reduziert wurden. Da er beatmet worden war, musste er erst wieder lernen, selbstständig Luft zu bekommen. „Das klappt jetzt zu 100 Prozent gut. Sandro atmet eigenständig“, erzählt sein Vater.

Hier passierte das Unglück: Sandro sprang von dem runden Betonsockel (links) bei Sunkenroth in den Inn und schlug mit dem Kopf auf einem Felsbrocken auf.

Leider habe sich die erste Diagnose bestätigt, Sandro hat einen inkompletten Querschnitt erlitten. Seine Hände kann er aktuell nicht bewegen, dennoch besteht Hoffnung, dass die Hand- und Fingermotorik wieder zurückkehren könnte, mit einem intensiven Training.

Lernen, eine Gabel zu halten

Derzeit bekommt er Physio-Einheiten in Murnau, wo er in seinem Rollstuhl sitzend übt, etwa eine Zahnbürste in einer leicht geöffneten Faust halten zu können. Oder Besteck, oder vielleicht Werkzeug. „Der Sandro ist ein Tüftler und liebt das Basteln mit Elektronikteilen“, erklärt sein Vater.

Sandro kämpft mit der Situation

„Erst war er in der Stabilisierungsphase, nun kommt die Mobilisierungsphase, er muss wieder Muskulatur aufbauen“, berichtet er weiter. Und dann gibt es auch die Zustände, die das Gemüt betreffen: „Zwischen mutigem Annehmen der Realität, und dem Betrübtsein, über entgangene Möglichkeiten, die ihm nun versagt bleiben.“

Mama Kerstin ist nach Murnau gezogen

Außerdem hat der 16-Jährige auch gesundheitliche Rückschläge wie Fieber oder Kreislaufprobleme, die ihm immer wieder zu schaffen machten, wegstecken müssen.

Sandros Vater Bernhard Tasser baut für seinen Sohn das Haus in Schonstett behindertengerecht um. Schellen Sau e.V. sammelt Spenden zur Unterstützung.

Darüber hinweg helfen Sandro Freunde und Freundin, die gerne die zwei Stunden Fahrt nach Murnau auf sich nehmen. Und seine Mutter Kerstin, die zwischenzeitlich nach Murnau gezogen ist.

Haus noch nicht abbezahlt und muss jetzt umgebaut werden

Die Eltern machen zugleich Pläne, um in Schonstett dem Sohn ein Leben in Selbstständigkeit bieten zu können, wenn er in den nächsten Monaten zurückkommt. Dazu sind viele Umbauten und Anbauten nötig, ein weiteres Zimmer, damit er ein eigenes Reich im Haus erhält: stufenfreie Eingänge, verbreiterte Durchgänge, Lift, barrierefreies Bad. 75.000 bis 100.000 Euro werden hier laut Handwerkerangeboten wohl nötig sein.

Fröhliche Gesichter noch im Herbst 2019, als die Wasserburger Zeitung zu Gast war: Berni Tasser, Nina Magg und „Sonnenschein Rosalie“. Die Kleine hat das Down Syndrom.

Außerdem soll ein Intensivtraining in einer privaten Reha-Einrichtung ihm zu mehr Mobilität und Eigenständigkeit verhelfen. Durch intensives Training könnte das Gefühl in den Händen und Fingern zurückkommen, so dass Sandro vielleicht am Computer arbeiten kann, hofft Bernhard Tasser.

Private Reha birgt große Chancen

Auch das täglich acht Stunden dauernde Training in zwei Blöcken mit je sechs Wochen kostet ein Vermögen, hierfür fallen Kosten in Höhe von rund 135.000 Euro an. Das sind Summen, die die Familie nicht hat. „Wer kann so etwas schon aus dem Stegreif stemmen“, sagt der Familienvater verzweifelt. Darum hoffen er und seine Ex-Frau Kerstin auf Unterstützung. Eine Welle der Solidarität begegnet ihnen in ihrem Dorf.

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Das, und auch die Hilfe, die ihnen unter anderem durch den gemeinnützigen Wasserburger Verein „Schellen-Sau“ zuteil wird, macht ihnen Mut.

Wer spenden möchte

Die Helfer sammeln meist durch Radl- oder Spinningmarathons in der Region von Wasserburg Spenden für Kinder und Jugendliche, die mit Schicksalsschlägen zu kämpfen haben. Wer im konkreten Fall helfen möchte, findet die Kontoverbindung unter www.schellen-sau.de, der Verwendungszweck lautet „Sandro“.

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