Schluss mit alten Denkmustern

Der Soziologe und der Philosoph: Professor Hans Bertram und Professor Richard David Precht saßen sich beim Thema "Liebe und Familie" recht distanziert gegenüber. Foto duc
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Der Soziologe und der Philosoph: Professor Hans Bertram und Professor Richard David Precht saßen sich beim Thema "Liebe und Familie" recht distanziert gegenüber. Foto duc

Geburtenrückgang, Überalterung, neue Lebensmodelle: Welche Rolle übernimmt im derzeitigen gesellschaftlichen Umbruch die Familie? Diese Frage untersuchen im Auftrag der Ernst Freiberger-Stiftung weltweit 34 Wissenschaftler. Erste Ergebnisse stellte die Abschlussveranstaltung zum dritten Ameranger Disput vor 60 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vor.

Amerang - "Vater, Mutter, Kind - wir alle fühlen uns als Experten beim Thema Familie", brachte es Unternehmer Ernst Freiberger, Vorstand der Stiftung, bei der Eröffnung auf den Punkt. Die Bedeutung der Familie stelle eine philosophische Kernfrage der Menschheit dar. Professor Dr. Hans Bertram, wissenschaftlicher Leiter des Disputs, sah es angesichts der demografischen Entwicklung und des Wandels der Rolle von Frau und Mann in Beruf und Familie als notwendig an, alte Denkmuster der Familienpolitik zu überprüfen.

Radikal und unterhaltsam zugleich folgte der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht ("Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?") dieser Einladung. Er forderte dazu auf, "den Kult" um die klassische Kleinfamilie als Ideal menschlichen Zusammenlebens zu hinterfragen. "Die Ansprüche sind zu hoch gehängt", betonte er - auch angesichts der Tatsache, dass nach wie vor das Klischee der romantischen Liebe als Basis von Bindungen mit Familiengründung verfolgt werde. Verliebte leben nach seinen Angaben jedoch in einem von zwei biochemischen Botenstoffen ausgelösten Zustand der Erregung und Gelassenheit - Gemütsverfassungen, die maximal drei Jahre lang anhalten.

Die erhöhten Erwartungen an lebenslange Verliebtheit, an denen heute viele Beziehungen zerbrechen, hat sich laut Precht im 20. Jahrhundert endgültig als Fiktion in den Köpfen festgesetzt.

Die Ehe habe viele Jahrhunderte lang jedoch vor allem eine Wirtschaftsgemeinschaft, die Familie einen großen Clan dargestellt. Die neue Großfamilie bestehe nicht allein aus Blutsverwandten, sie werde durch ein Netzwerk an Freundschaften ergänzt. Mit der früheren Horde haben diese eines gemeinsam: den Fürsorgegedanken. Nach Prechts philosophischem Exkurs spann Stiftungssprecher Prof. Dr. Christoph Stölzl den Spannungsfaden weiter. Prof. Dr. Rosemarie Nave-Herz wies nach, dass das oft idealisierte Modell der ländlichen Großfamilie, in dem sich drei Generationen unter einem Dach umeinander kümmerten, eine Randerscheinung der Geschichte darstelle. Die Lebensspanne zwischen beruflicher Aktivität und Tod sei in der Regel äußerst kurz gewesen. Wer früher trotzdem ein hohes Alter erreichte, habe dieses nicht selten in Klöstern oder Siechenheimen verbracht. Die Fürsorge der Jungbauern für die ältere Generation im Austragshof sei wohlhabenden Schichten vorbehalten gewesen.

Der österreichische Bevölkerungsökonom Dr. Thomas Fent regte an, eine neue Sichtweise des Alters zu entwickeln. Die dritte Lebensphase beginne schließlich heute mit etwa 60 plus - eine erste Phase, die sich durch Aktivität bei relativer Gesundheit auszeichne. Dieser Zugewinn an Zeit setze Ressourcen frei, von denen die jüngeren Generationen profitieren könne.

Das japanische Sozialmodell, das Prof. Dr. Sepp Linhart aus Wien vorstellte, übergibt die Seniorenfürsorge in familiäre Hand. Die Älteren leben in der Regel bei ihren Kindern. Dieses Miteinander der Generationen ist in der traditionellen Altenverehrung der japanischen Kultur verwurzelt. Gleichzeitg ist Japan das Land mit der stärksten Überalterung der Welt. Familiäre und auch finanzielle Abhängigkeiten fördern heute die Geburtenrate eben nicht mehr so wie früher, als es darum ging, sich durch Nachkommen für das Alter abzusichern, nannte Entwicklungspsychologe Dr. Boris Mayer aus Koblenz das Fazit einer Studie. Die emotionale Verbundenheit zwischen den Generationen sei vielmehr auch ohne Abhängigkeiten von Dauer. Eine Mut vermittelnde Erkenntnis zur familiären Liebe, die ebenso im 2011 erscheinenden Buch mit Manifest zum Forschungsprojekt der Freiberger-Stiftung aufgenommen wird wie Kulturvergleiche über familiäre Fürsorge, die sich sogar den ClanWirtschaften der Tuareg-Nomaden, vorgestellt von Professor Dr. Gerd Spittler, widmen. Von anderen lernen, vorgedachte Klischees und Normen radikal in Frage stellen: Dies wünscht sich Bertram als Vorgabe für eine neue Familienpolitik. Ein Anfang wurde bei diesem Ameranger Disput gemacht. duc

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