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Prozess wegen Tod von Marco Gutschner - Angeklagter spricht zur Familie des Opfers

Ein Schlag "ohne Vorwarnung"

Der Angeklagte: K. Kushtrim
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Der Angeklagte: K. Kushtrim

Traunstein/Rosenheim - Der 21-jährige Bad Aiblinger Marco Gutschner wollte am 8. September vergangenen Jahres nach dem Besuch des Rosenheimer Herbstfestes und dem Ausklang des Abends in der Diskothek "Heaven" gegen 3 Uhr vor dem Lokal an der Weinstraße in Rosenheim eine Zigarette rauchen.

Er erhielt "aus heiterem Himmel", wie gestern ein Zeuge vor dem Landgericht Traunstein meinte, einen Schlag ins Gesicht und fiel mit dem Hinterkopf auf das Granitpflaster. Gut zwei Stunden später starb der junge Mann im Klinikum Rosenheim. Die Umstände seines Todes untersucht jetzt das Traunsteiner Schwurgericht mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs. Auf der Anklagebank sitzt wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" der 25-jährige Hilfsarbeiter Kushtrim K. aus Rosenheim. Er räumte lediglich eine Ohrfeige ein und gab an, vom Opfer vor der Tat mit dem "Stinkefinger" provoziert worden zu sein. Der Prozess wird am 7. April um 9 Uhr fortgesetzt.

Staatsanwältin Simone Luger geht in der Anklageschrift von einem unvermittelten und grundlosen Hieb des 25-Jährigen mit der rechten Faust in die linke Gesichtshälfte des 21-Jährigen aus. Dadurch stürzte das Opfer rücklings zu Boden. Schwerste Kopfverletzungen mit Einblutungen und einem Schädelbruch waren die Folge. Trotz intensivmedizinischer Betreuung war das Leben des Bad Aiblingers nicht mehr zu retten. Die Obduktion im Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München erbrachte als Todesursache eine zentrale Lähmung aufgrund eines stumpfen Schädel-Hirn-Traumas.

Zum Auftakt der Verhandlung wandte sich der Angeklagte gestern an die Eltern und den Bruder des Getöteten, denen als Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Harald Baumgärtl aus Rosenheim zur Seite steht. Der 25-Jährige, der mit dem Opfer nie vorher Kontakt hatte, sagte zur Familie: "Ich weiß, dass ich Ihnen unendlichen Schmerz zugefügt habe. Ich habe den Tod Ihres Sohnes verschuldet. Ich habe das nicht gewollt." Der Hilfsarbeiter entbot der Familie sein "herzliches Beileid". Zu dem Geschehen in jener Nacht äußerte er sich nicht selbst. Sein Anwalt, Dr. Adam Ahmed aus München, betonte per Verteidigererklärung, sein Mandant, der grundsätzlich nie Alkohol trinke, sei mit Freunden erst auf die Wiesn und anschließend in die Diskothek "Heaven" gegangen. Während der 25-Jährige draußen vor der Tür am Randstein sitzend rauchte, habe ihm der 21-Jährige einige Sekunden mit der rechten Hand den "Mittelfinger" gezeigt. Sein Mandant habe das zunächst ignoriert. Nach dem zweiten Mal sei er aufgestanden, weil er die Geste doch als "respektlos" empfunden habe. Er habe Marco, der mittlerweile aufgestanden war, mit der "flachen Hand" einen Schlag verpasst, keinesfalls mit der Faust zugeschlagen. Marco sei rückwärts auf den Kopf gefallen. Aus Angst vor der Polizei sei der Angeklagte weggelaufen, so der Verteidiger.

Die Ermittlungen der Kripo Rosenheim, einschließlich Auswertung eines Videofilms aus der Überwachungskamera vor der Disko - die entscheidende Szene war allerdings nicht klar zu erkennen - , führten auf die Spur des nicht vorbestraften Angeklagten. Gegen 16.30 Uhr klickten noch am gleichen Tag die Handschellen, seither sitzt der 25-Jährige in Untersuchungshaft. Der psychiatrische Gutachter Dr. Stefan Gerl, Chefarzt der forensischen Psychiatrie am Bezirksklinikum in Gabersee, befand den Angeklagten ohne Einschränkung für schuldfähig. Der ausbildungslose Hilfsarbeiter sei im Kosovo aufgewachsen und mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Mit einer Elektrikerlehre habe es wegen der zunächst schlechten Deutschkenntnisse nicht geklappt. Seither habe er als Hilfskraft gearbeitet. Der Verteidiger merkte an, der aktuelle Arbeitgeber sei über den Prozess informiert und bereit, den 25-Jährigen weiterhin zu beschäftigen.

Auffallend viele junge Leute - Freunde des Angeklagten ebenso wie des Opfers - verfolgten gestern den Prozess. Der Sachbearbeiter der Kripo Rosenheim berichtete, mehreren Kollegen gegenüber habe der Angeklagte nach der Festnahme sein Bedauern über den Tod des Bad Aiblingers beteuert. Aus dem Umkreis des Opfers habe niemand einen vorherigen "Stinkefinger" bestätigt. Außerdem habe niemand einen Grund für eine Provokation seitens des 21-Jährigen nennen können. Auch im Lokal habe es vorher nichts gegeben, fasste der Polizeibeamte zusammen.

Unter den gestrigen Zeugen war ein 22-jähriger Auszubildender aus Rosenheim. Er beschrieb das körperlich kräftige, an jenem Abend etwas angetrunkene Opfer als nicht aggressiv, als "lebensfroh" und "immer lustig drauf". Beim Rauchen vor dem "Heaven" sei ihm "überhaupt nichts" aufgefallen, auch kein "Stinkefinger", betonte der Lehrling. Plötzlich, "ohne Vorwarnung", sei der Schlag des Angeklagten erfolgt. Dann habe der Freund am Boden gelegen. Er habe dessen Kopf gehalten, nicht genau gewusst, was er machen solle und Umstehende aufgefordert, den Sanka zu rufen. Eine 18-Jährige versuchte, den flüchtenden Angeklagten zu stoppen - erfolglos, wie sie gestern schilderte. Gar nichts beobachtet haben wollte eine 22-jährige Servicekraft aus dem Umfeld des Angeklagten. Sowohl das Gericht, als auch die Staatsanwältin hegten daran Zweifel. Von einer einmaligen Beleidigung per "Mittelfinger" sprach ein 25-Jähriger, der mit dem Angeklagten seit etwa einem Dutzend Jahren befreundet ist. Bei der Polizei hatte er zur Dauer der obszönen Geste von "einer Minute" geredet. Gestern waren es nur mehr einige Sekunden. kd

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