Schlaflos in Rosenheim: Wie ein Doppelmörder vor 10 Jahren die Stadt in Atem hält

Fall fürs Fernsehen: Müller in Aktenzeichen XY ungelöst.
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Fall fürs Fernsehen: Müller in Aktenzeichen XY ungelöst.
  • Ludwig Simeth
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Eine Stadt im Ausnahmezustand: Das gab es in Rosenheim auch schon vor Corona. Exakt zehn Jahre ist es her, dass der Doppelmörder Franz Müller nicht nur tausenden Rosenheimern drei Wochen lang den Schlaf raubte, sondern auch Kripo-Chef Bernd Hackl und OB Gabriele Bauer.

Rosenheim – „Eine schlimme Zeit“, erinnert sich Bauer. Der Oberbürgermeisterin brachte die zermürbende Suche nach dem Mann übrigens auch eine gebührenpflichtige Verwarnung ein. „Absoluter Ausnahmezustand“, sagt Hackl.

Dabei hatte das Jahr so gut begonnen: Im Frühjahr 2010 sorgt die Landesgartenschau für Aufbruchstimmung, macht die Rosenheimer mächtig stolz. Doch dann der Albtraum: Wieder schaut ganz Bayern nach Rosenheim. Es geht aber nicht mehr ums Blumenmeer im Mangfallpark, sondern nur noch um ihn: den „Killer von Rosenheim“, wie es die Boulevardpresse formuliert.

Die Tragödie, die fassungslos und betroffen macht, ereignet sich am 30. August in einem Wohnblock am Brückenberg. Müller erschlägt seine Ex-Frau Lacramioara (37), erdrosselt den gemeinsamen Sohn Marcus (3) und taucht unter.

Soko „Hochgern“ geht über 800 Spuren nach

Das Motiv: vermutlich rasende Eifersucht. Der Rumäniendeutsche glaubt, die Ex-Frau habe ihm ein Kuckuckskind untergejubelt. Aber er irrt sich. Während die Fahndungsmaschine auf Hochtouren läuft, schafft ein DNA-Test Klarheit. Der arme Bub war Müllers Kind – und sein Mörder ist 23 Tage lang wie vom Erdboden verschluckt, obwohl die Ermittler Tag und Nacht an die Schmerzgrenze gehen.

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Kripo-Chef Hackl fasst zusammen: Die Zahl der Spuren summiert sich schnell auf über 800, mehr als die Hälfte kommt übers Hinweistelefon aus der Bevölkerung. 60 Fahnder der Soko „Hochgern“, benannt nach dem Tatort, werten alle Spuren aus, rund um die Uhr.

Bis zu 200 Polizisten durchsuchen Häuser, Gärten, Schuppen, Felder und Wälder – in Oberwöhr, in Fürstätt, in der Aisingerwies; am Mangfalldamm und an der Panorama-Kreuzung; in Au bei Bad Aibling, in den Wäldern Richtung Kolbermoor und Großkarolinenfeld.

Zweimal ganz nah dran an Müller

Zweimal, davon ist Hackl heute überzeugt, sind sie ganz nah dran: „Da ist Franz Müller tatsächlich gesehen worden.“ In Oberwöhr, am Mangfalldamm, schlägt der Suchhund an. Die Fahnder ermitteln, dass Müller aus Telefonzellen Anrufe tätigt. Aber stets ist der Gesuchte schon wieder weg, wenn die Polizei anrückt.

So gibt es täglich neue Schlagzeilen mit neuen Fahndungsfotos – von „Die Polizei jagt Franz Müller“ über „Franz Müller weiter unauffindbar“ oder „Wo ist Franz Müller?“ bis zu „Flächendeckend, aber erfolglos“ und „Das Phantom von Rosenheim“. Die Fotos zeigen Müller mit Kappe, mit Glatze, beim Geldabheben, rasiert und unrasiert, mit Doppelkinn oder ohne, das Würfel-Tattoo auf seinem Handrücken – zu sehen nicht nur an jeder zweiten Straßenecke, sondern auch im ZDF: Rudi Cerne ändert extra das Programm, nimmt den Rosenheimer Fall kurzfristig in seine Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“.

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In Rosenheim ist die Polizei überall. Das finden manche beruhigend, andere beklemmend und verstörend. Die Ungewissheit zehrt an den Nerven. Als Gefahr für die Öffentlichkeit wird Müller zwar nicht eingestuft. Aber wer kann schon eine weitere Verzweiflungstat ausschließen bei einem Doppelmörder, der in der Klemme steckt?

Zum Joggen mit dem Messer in der Hose

Die Folge: Männer, die sich ein Taschenmesser in die Hose stecken, bevor sie durch den Keferwald joggen; Mütter, die ihre Kinder vom Spielplatz holen, weil einen Steinwurf entfernt dutzende Polizisten die Felder abgrasen; Rentner, vor allem in Tatortnähe, die ihre Tür- und Fensterschlösser erneuern lassen.

Während die Belohnung für den entscheidenden Hinweis von 5000 auf 10 000 Euro hochgeschraubt wird, fliegt der längst fest in Rosenheim stationierte Hubschrauber mit seinen Wärmebildkameras immer tiefer. Auch in Fürstätt, wo Gabriele Bauer nachts mehrmals vom Surren der Rotorblätter geweckt wird: „Da hatte man das Gefühl, der Helikopter schwebt direkt überm Haus.“ Die OB hält sich im Fall Müller stets auf dem Laufenden. Einmal, sie ist fast daheim, geht sie im Auto ans Handy, wird gestoppt und mit einer Geldbuße belegt: „Kein Wunder, die Polizei war ja überall.“

20 Stunden am Stück im Dienst

Auch Hackl schläft kaum: „Arbeitstage mit 16, 18 oder gar 20 Stunden – das war für uns in diesen extremen Wochen normal.“ Und dann, endlich im Bett, auf Knopfdruck abschalten – fast unmöglich. „Da kreisen einem alle möglichen Gedanken durch den Kopf“, verrät der Kripo-Chef. Einmal hat er es mit Joggen probiert, um die Anspannung rauszulaufen – ohne Messer in der Tasche.

Was Mitte September aber niemand weiß: Müller ist längst tot. Er hat sich in einem Schuppen erhängt – keine 150 Meter vom Tatort entfernt. Ein Hausmeister entdeckt die Leiche am 22. September. „Es spricht viel dafür, dass Müller am 5. September noch am Leben war“, sagt Kriminaldirektor Hackl heute. Fügt man alle Puzzleteile zusammen, kann man das Zeitfenster für den Suizid auf 5. und 6. September verengen.

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Hätte man den Toten nicht früher finden können? „Mit etwas Glück ja, aber wir haben alles Menschenmögliche unternommen und nichts falsch gemacht“, sagt Hackl. Das Pech der Ermittler: Sie stellen im Umfeld des Tatorts zwar gleich am Tag nach der Tragödie alles auf den Kopf. Da sucht Müller noch in anderen Ecken Rosenheims Unterschlupf. Das Versteck in der Scheune an der Äußeren Münchener Straße wird erst später einrichten.

Ein Hinweis hätte schon genügt

„Gesichert ist, dass sich Müller zum Zeitpunkt der Absuche des näheren Tatortumfeldes nicht in diesem Bereich aufhielt“, betont Hackl. Doch alle Objekte noch ein zweites oder sogar drittes Mal mit Spürhunden zu durchsuchen, das ist nicht zu schaffen. Der Kripo-Chef: „Wenn damals nur ein einziger Hinweis aus dem Tatortumfeld gekommen wäre, hätten wir das natürlich gemacht. Aber es kam keiner.“

Und so gibt es erst am 22. September die letzte Schlagzeile: „Das Ende eines Albtraums.“

Tragödie am Brückenberg: Hier tötete Franz Müller 2010 seine Ex-Frau und den Sohn, danach erhängte er sich.
Suchtrupps überall: Drei Wochen lang durchkämmten sie das Stadtgebiet und die Umgebung Rosenheims.
2010 am Limit: Kripo-Chef Bernd Hackl.
Die Opfer: Ex-Frau Lacramioara (37) mit Sohn Marcus.
Sah überall nur Polizei: OB Gabriele Bauer 2010.

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