Der schillernde, aber tödliche Ölkäfer: Das „Insekt des Jahres“ kommt auch in Rosenheim vor

Schwerfällig und träge bewegt sich der auffällige Ölkäfer fort. dpa
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Schwerfällig und träge bewegt sich der auffällige Ölkäfer fort. dpa
  • vonSepp Hoheneder
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Er ist nur wenige Zentimeter groß, kann aber mit seinem Gift einen Menschen töten: der Ölkäfer ist jüngst zum „Insekt des Jahres 2020“ gewählt worden. Mit diesem im wahrsten Sinne des Wortes schillernden Tier beschäftigt sich die 104. Folge der OVB-Serie „Safari daheim“.

Rosenheim – Wer im April und Mai aufmerksam an Waldrändern spazieren geht, dem kann ein ungemein auffälliger Käfer ins Auge fallen. Schwerfällig und träge krabbelt er mit seinem blau-schimmernden Kleid durch Gras und Blumen. Die Rede ist vom Ölkäfer.

Stattliche zwei bis vier Zentimeter kann das Weibchen an Größe erreichen. Die Männchen bleiben meist etwas kleiner. Die verkürzten Flügeldecken klaffen auseinander, die Hinterflügel hat die Evolution vollkommen wegrationalisiert. Fliegen hat der behäbige Käfer nicht mehr notwendig – er hat andere Überlebenswege gefunden.

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Die erwachsenen Käfer produzieren stark giftige Abwehrstoffe, die in ihrem Blut (der Hämolymphe) enthalten sind. Bei Gefahr können sie vor allem an den Kniegelenken eine ölige Flüssigkeit mit dem Gift Cantharidin ausscheiden. Das schützt den Käfer vor allem gegen Ameisen und Laufkäfer. Andere Fressfeinde wie Igel und Vögel sind gegen das Gift immun. Wiederum werden durch den Giftstoff Cantharidin nicht wenige Insekten förmlich angezogen. Sie suchen den Ölkäfer (Meloae violaceus) gezielt auf – tot oder lebend – fressen ihn oder zapfen ihn an, um dann mit dem aufgenommenen Gift ihre eigene Verteidigung zu organisieren.

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Bei genauer Betrachtung kann man sehen, wie beispielsweise viele kleine Gnitzen, also winzige Stechinsekten, an den häutigen Stellen zwischen den Hinterleibsringen gezielt die Körperflüssigkeit des Ölkäfers aufnehmen. So wie es dem Menschen nicht gelingt, sich diese Quälgeister vom Hals zu halten, so sind auch die Abwehrversuche des Ölkäfers gegen diese lästigen Parasiten vergebens.

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Maiwürmer, wie die Ölkäfer auch genannt werden, schleppen im Frühjahr in ihrem Hinterleib eine Unmenge Eier mit. Zwischen 4000 und 10 000 produziert jedes Weibchen. Das Hinterteil wirkt dadurch unförmig und aufgeschwollen.

Diese große Überproduktion ist wohl notwendig, da die hoch spezialisierte Entwicklung der Larven bis zum erwachsenen Käfer nur ganz wenigen gelingt. Kenner schätzen, dass nur aus jedem tausendsten Ei ein erwachsenes Individuum wird. In der Natur tritt immer dann große Fruchtbarkeit auf, wenn starker Einfluss von Fressfeinden besteht oder die Entwicklung sehr kompliziert ist.

Parasitische Larven

Zunächst legt das Weibchen kleine Häufchen Eier wahllos verteilt in die Erde. Dazu muss man wissen, dass Ölkäferlarven parasitisch leben. Sie müssen es nach dem Schlüpfen aus dem Ei schaffen, in ein Nest einer solitär lebenden Wildbiene zu kommen. Die Entwicklung der drei verschiedenen Larvenstadien haben zudem noch drei verschiedene Gestalten mit anschließender Verpuppung.

Sind die Larven aus den Eiern geschlüpft, sind sie circa zwei Millimeter groß, beweglich, sechsbeinig und gelb. Sie erklimmen die Blüten von verschiedenen Blumen, beispielsweise Buschwindröschen, Löwenzahn und Hahnenfuß. In diesem ersten Larvenstadium hat die Natur sie mit einer Besonderheit ausgestattet. An jedem ihrer sechs Beine befinden sich drei klauenartige Haken.

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Bis zu drei Wochen kann der kleine Dreiklauer, wie die Larven auch genannt werden, auf der Blüte ohne Nachrung auf seinen Honig sammelnden Transporteur lauern (Phoresie). Im Idealfall ist dies eine Wildbiene, kann aber auch eine Schwebefliege oder andere Insekten sein, was letztlich aber den sicheren Tod bedeutet. Denn nur bei der Wildbiene kann sich die Larve entwickeln.

Ist es eine Wildbiene mit den richtigen Voraussetzungen, trägt das Insekt diese „Laus im Pelz“ mit in seine Nestzelle. Aber erst wenn die Biene in den für ihre eigene Larve eingetragenen Vorräten ein Ei gelegt hat, lässt der Dreiklauer von seinem Taxi los und springt auf das Ei über. Dieser Sprung beinhaltet das große Risiko, dass er im Honig ertrinkt, wenn er das Ei verfehlt.

Überwinternde Scheinpuppe

Hat der Absprung geklappt, verspeist der Dreiklauer als erstes das gelegte Ei der Biene. Danach verändert er sich mit der ersten Häutung in eine völlig andere, kahnförmige, madenartige, zweite Larvenform, die auf dem Honig schwimmt. Sie macht sich unverzüglich über den nahrhaften Honig und die Pollen her, die eigentlich für die Bienenlarve bestimmt waren. Ist der Vorrat aufgebraucht, verläßt die Larve die Zelle und häutet sich im Boden zu einer überwinternden Scheinpuppe (Pseudonymphe).

In dieser häutet sie sich zur dritten Larve (Tertiärlarve). Vier Wochen später erfolgt die Verpuppung zum Käfer. Eine solch umständliche Entwicklung über mehrere Larvenstadien nennt man „Überverwandlung“ (Hypermetamorphose). Sie erklärt nochmals die hohe Eierzahl, die das Weibchen anfangs gelegt hat, weil all die vorangegangenen Beschreibungen jeder Verwandlung sicher mit großen Verlusten verbunden sind. Nach so langer komplizierter Larvenzeit ist die Lebenszeit des Käfers – nachdem er für Nachwuchs gesorgt hat – nach ein bis zwei Monaten zu Ende. Der erwachsene Käfer ist ein reiner Pflanzenfresser, der sich von Bärlauch, Scharbockskraut und vielen anderen Blütenpflanzen ernährt.

Ölkäfer sind bei uns nicht häufig. Meist habe ich sie im Auwald gefunden. Der schwarzblaue Ölkäfer ist übrigens zum „Insekt des Jahres 2020 “ gewählt. Das Gift Cantharidin, das der Käfer bei Berührung (Reflexbluten) eigentlich zur Abwehr von Fressfeinden abgibt, ruft auch auf der Haut des Menschen eine reizende Wirkung hervor und es kann zu schmerzhaften Blasenbildungen kommen. Schon in der Antike wusste man um die Giftigkeit dieses Käfers. Er wurde deshalb als Heiltier, aber auch für Giftmorde verwendet. So reicht das Gift von nur einem Ölkäfer aus, um einen Menschen zu töten.

Vom Giftmord bis zum Liebestrank

Bekannt wurde auch die aphrodisierende Wirkung der Substanz. Getrocknet, im Mörser zerstoßen und in Honig zubereitet gehörte der große Ölkäfer zu den bekanntesten „Liebestränken“ zur Steigerung der sexuellen Potenz. Allerdings liegen wirksame und tödliche Dosis sehr nah beieinander, so dass aus manch ersehntem Beischlaf eine unvorhergesehene Wanderung ins Jenseits wurde. Das Gift wurde im antiken Griechenland für Hinrichtungen mißbraucht, aber auch bis in die Neuzeit sind Morde mit dem Käfergift bekannt. Wer einen Ölkäfer findet, sollte also am besten die Finger davon lassen.“

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