Safari dahaom widmet sich der Blindschleiche: „Weder blind noch giftig“

Eine Blindschleichewindet sich in der Hand. dpa
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Eine Blindschleichewindet sich in der Hand. dpa

„Kein Tier trägt einen irreführenderen Namen als die Blindschleiche (Anguis fragilis). Sie hat zwar eine eingeschränkte Sehleistung, auch ist sie farbenblind, aber sie ist keineswegs blind. Mit der Blindschleiche befasst sich die 105. Folge der OVB-Serie „Safari daheim“.

Von Sepp Hoheneder

Rosenheim – Aber eine Blindschleiche ist keine Schlange, sondern gehört eindeutig zur Familie der Echsen. Dazu gibt es einige Hinweise. Blindschleichen haben keine starren Augen wie Schlangen, sondern sie blinzeln wie wir. Aber der zweite Teil des lateinischen Namens „fragilis“ (zerbrechlich) beschreibt sehr zutreffend den sehr leicht abbrechenden Schwanz. Eine Eigenschaft, die wiederum den Schlangen fehlt. Begegnet bei einem Angriff die Blindschleiche einem Fressfeind, erlaubt ihr, eine Sollbruchstelle den Schwanz blitzschnell abzustoßen.

Sollbruchstelle im Schwanz

Mit diesem Trick gelingt es ihr, den getäuschten Feind verwirrt zurück zu lassen. Die abgeworfene Schwanzspitze zappelt noch eine Weile und während der abgelenkte Feind noch mit dem Rest der Blindschleiche beschäftigt ist, entkommt diese. Die Schwanzspitze wächst zwar nach, aber nur noch als kleiner Stumpf.

Bei genauerem Hinsehen fällt auch auf, dass Blindschleichen sich wesentlich langsamer und steifer bewegen als Schlangen. Eidechsen haben zwar eine gespaltene Zunge, die aber relativ breit und kurz ist und an der sich keine zwei langen Spitzen befinden.

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Züngelt eine Eidechse um Gerüche von ihrer Umgebung wahrnehmen zu können, so muss sie ihr Maul etwas öffnen, da ihr die Oberlippenaussparung der Schlange fehlt. Erwachsene Blindschleichen kommen in verschiedenen Brauntönen vor. Ein Teil der Tiere ist zeichenfrei, andere wiederum haben einen Aalstrich, das heißt auf der Rückenmitte befindet sich eine schwarze durchgezogene Linie. Der Kopf ist ziemlich klein und geht ohne Absatz in den runden walzenförmigen Rumpf über.

Die Ohröffnungen sind von außen bei unseren heimischen Blindschleichen nicht zu sehen. Die kleinen Augen der erwachsenen Blindschleiche haben eine rötliche Iris. Männchen und Weibchen sind schwer zu unterscheiden. Oft hat das Weibchen noch den Aalstrich des Jugendkleides, Männchen sind meist weniger kontrastreich und besitzen auf der Seite manchmal blaue Punkte. Ausgewachsene Tiere können circa 50 Zentimetern an Größe erreichen, im Durchschnitt aber 35 bis 45 Zentimetern. Blindschleichen sind fast überall in Europa sehr verbreitet. Sie sind in Deutschland das häufigste vorkommende Reptil.

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Diese Echsenart ist genügsam und findet sich in fast allen Landschaftstypen zurecht. Sie bevorzugen aber lichte Wälder und Waldränder mit einem strukturreichen Mosaik an Sonnen- und Rückzugsflächen. Man findet sie auch in Feldern, Brachen, Parks, Bahndämmen, Hecken und naturnahen Gärten. Wer in seinem Garten für wilde Ecken“ sorgt und auf sämtliche Tier- und Pflanzengifte verzichtet, kann somit auf die Hilfe von Blindschleichen bei der Nacktschnecken-Eindämmung hoffen. Diese gehören nämlich mit zu ihren Leibspeisen.

Blindschleichen leben ein verborgenes Leben. Wenn sie nicht jagen, liegen sie in ihren Verstecken, beispielsweise auf leicht erwärmbaren Totholz oder auch an möglichst gut gedeckten Sonnenplätzen.

In Gärten ist sie auch gerne auf Komposthaufen anzutreffen. Auf die Jagd geht sie hauptsächlich in der Abenddämmerung und in den frühen Morgenstunden. Auf der Pirsch setzt die Echse ihre Zunge züngelnd als Geruchs- und Orientierungsorgan ein. Ihr Beutespektrum reicht vom Regenwurm über Nacktschnecken, haarlosen Raupen und Spinnen bis zu Asseln. Alles wird vertilgt.

Winter wird in Kältestarre verbracht

Nachdem sich die Blindschleichen im Herbst in ihre frostsicheren Plätze unter der Erde in Erdlöchern zurück gezogen haben, verbringen sie in Kältestarre die Wintermonate, um auf den Frühling zu warten. Erst Anfang April löst sich die Gemeinschaft auf und die Echsen trauen sich wieder an die Erdoberfläche, wenn es die Witterung zulässt.

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Im Mai bis Juni ist bei den Blindschleichen Paarungszeit. Die Tragzeit dauert elf bis 14 Wochen. Die sieben bis zehn Zentimeter langen, nur ein Gramm wiegenden Jungtiere sind sehr kontrastreich gezeichnet. Drei bis fünf Jahre brauchen Blindschleichen, um geschlechtsreif zu werden. Während des Wachstums häuten sich diese Echsen jährlich viermal. Ein belegtes Alter in Gefangenschaft beträgt enorme 46 Jahre. Solch ein Alter dürfte in der freien Landschaft utopisch sein, angesichts der überaus vielen Fressfeinden und der menschlich verursachten Gefahren.

Häufigste Kriechtiere in Europa

Auch Pestizide oder im Garten das völlig überflüssig verwendete Schneckenkorn dezimiert die Echse. Auch ein Teil der Hauskatzenbesitzer werden mir beipflichten, dass Blindschleichen bei Katzen ein schweres Leben haben. Abgesehen davon gibt es auch eine große Anzahl von natürlichen Feinden, vom Wildschwein angefangen bis zu Fuchs, Dachs, Iltis, Marder und Greifvögeln wie Milan, Bussard und Turmfalke.

Trotzdem gehören sie noch zu den häufigsten Kriechtieren Mitteleuropas. Die anpassungsfähige, aber sehr versteckt lebende Echse gilt daher aktuell als ungefährdet. Trotzdem gilt sie natürlich nach dem Bundesnaturschutzgesetz als „besonders geschützt“.

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