Schöffengericht Traunstein

Ruhpolding: „Ich hatte Todesangst“ - 26-Jähriger verfolgt 20-Jährige nachts und attackiert sie sexuell

26-jähriger Afghane quittierte das Urteil mit zweieinhalb Jahren Gefängnis gegen ihn mit einem Kopfschütteln.
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26-jähriger Afghane quittierte das Urteil mit zweieinhalb Jahren Gefängnis gegen ihn mit einem Kopfschütteln.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Ein Spieleabend bei Freunden nahm für eine 20-jährige Ruhpoldingerin ein schlimmes Ende. EinUnbekannter verfolgte sie nachts um ihr sexuelle Gewalt anzutun. Das Schöffengericht Traunstein verurteilte den 26-jährigen Afghanen wegen versuchter sexueller Nötigung und vorsätzlicher Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis

von Monika Kretzmer-Diepold

Traunstein/Ruhpolding – .Der Richter warnte den Angeklagten eindringlich, sich dem Opfer nochmals zu nähern. Dann werde er sofort Haftbefehl veranlassen, so Schmidt.

Vorbestraft wegen Nachstellung

Der 26-Jährigen ist seit fünf Jahren in Deutschland. Unter seinen Vorstrafen ist eine Geldstrafe wegen Nachstellung. Er hatte eine Apothekenangestellte in Wolfratshausen 2018 über längere Zeit beobachtet, ihr immer wieder aufgelauert und sie aufgefordert, ihre Strafanzeige zurückzunehmen. Im Urteil war von „stetiger Angst des Opfers“ die Rede.

Im aktuellen Verfahren warf Staatsanwältin Helena Neumeier dem Asylbewerber vor, die inzwischen 21 Jahre alte Geschädigte am 26. Oktober 2019 gegen 2 Uhr nachts auf deren Nachhauseweg verfolgt zu haben. Als das Opfer das bemerkte, bog es auf Schleichwege ab – um den Mann abzuschütteln, allerdings vergeblich.

Opfer in eine Waldstück getragen

Der Täter erwischte die Frau an der Zeller Straße, umklammerte sie von hinten, hob sie hoch und trug sie auf die andere Straßenseite in ein Waldstück neben dem Parkplatz eines SB-Markts. Dort setzte der 26-Jährige die Frau ab, stieß sie zu Boden, legte sich auf sie, versuchte sie zu küssen, forderte mehr und öffnete seine Hose. Dabei fixierte der Angeklagte einen Arm des Opfers. Der schreienden und um sich schlagenden und tretenden Frau gelang es, ihr Mobiltelefon mit der freien Hand zu fassen, nicht aber, die PIN einzugeben. Der 26-Jährige entriss ihr das Handy und flüchtete. Die Ruhpoldingerin schrie weiterhin laut. Da kam der Täter zurück, schmiss ihr das Telefon hin und entfloh Richtung Wald.

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Die Schreie nahe des Discounters, den Streit sowie eine sich in den Wald entfernende Person bemerkte zufällig ein 20-jähriger Zeuge, dem das Mädchen sofort alles erzählte. Am nächsten Tag schilderte die 21-Jährige dem damaligen Freund das Erlebte. Dazu dieser Zeuge: „Sie war noch immer geschockt. Es hat sie sehr belastet.“ Die Frau selbst berichtete, sie habe in jener dunklen Nacht den Verfolger nicht abschütteln können, habe ihn nach Verlassen des Waldes auch nicht von hinten kommen sehen. Mit der Polizei sei sie später zurück in den Wald. Den Tatort habe man finden können – „weil ich dort meinen Tabak verloren hatte“.

Geistesgegenwärtige Opfer-Reaktion

Bis auf blaue Flecken habe sie keine körperlichen Verletzungen davon getragen, informierte die Geschädigte gestern. Psychisch jedoch habe sie sich sehr beeinträchtigt gefühlt: „Ich hatte Todesangst. Ich wusste nicht, was der Mann mit mir vorhat, ob er mich vergewaltigen will oder vielleicht töten.“ Zwei Wochen lang hätten sie Panikattacken geplagt. Bis heute leide sie unter Verfolgungsängsten, habe Angst, im Dunkeln rauszugehen.

Dazu der Angeklagte: „Ich fühle mich nicht schuldig, entschuldige mich aber.“ Der 26-Jährige präsentierte wortreich eine ganz andere Geschichte. Er behauptete, er sei angetrunken gewesen und habe mit der jungen Frau drei Stunden im Wald verbracht. Sie habe Sex von ihm gefordert – den er aber verweigert habe. Er faselte von einer „Schlange“: „Ich habe gewusst, dass sie eine Schlange ist.“ Weiter gab er an, 99 Prozent aller Frauen wollten Sex. Er habe „von oben keine Erlaubnis für Sex“ und habe keinen Job - „weil ich nicht mit Frauen zusammenarbeiten will“.

Gengutachten brachte Klarheit

Bei ihren Ermittlungen ließen Beamte der Kripo Traunstein ein Gengutachten anfertigen. Das Ergebnis: Im Gesicht des Opfers konnte DNA des Angeklagten nachgewiesen werden. Auf Wahllichtbildvorlagen hatte die 21-Jährige den im Polizeicomputer erfassten Täter zuvor nicht ganz eindeutig identifizieren können. Staatsanwältin Helena Neumeier hob die „geistesgegenwärtige Reaktion“ des Opfers heraus, nach dem Handy zu greifen und die Polizei anzurufen. Die Geschichte des Angeklagten sei „von vorne bis hinten unglaubwürdig“: „Er stellt sich als Opfer dar, mimt das Unschuldslamm.“ Wegen vollendeter sexueller Nötigung und Körperverletzung sei eine Freiheitsstrafe von drei Jahren angemessen.

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Verteidiger Florian Mechernich aus Siegsdorf betonte, er glaube dem Opfer ebenfalls. Sein Mandant sei bei der Tat „sturzbetrunken“ gewesen, habe „einen vollständigen Realitätsverlust“ erlitten und nur deshalb das Handy retourniert. Eine Strafe mit Bewährung sei ausreichend.

Im Urteil hob der Vorsitzende heraus: „Das Gericht hat keine Zweifel. Alles ist so passiert, wie es die Zeugin dreimal bei der Polizei und jetzt bei uns berichtet hat.“ Zu der Aussage kämen die Angaben der Zeugen und weitere Indizien wie die DNA-Spur. Ebenfalls „keine Zweifel“ herrschten, dass der Angeklagte die Frau vergewaltigen wollte. Davon sei er jedoch freiwillig zurückgetreten. Bei der Strafzumessung unterstrich der Richter: „Die Tat ist so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Man geht im Heimatort nach Hause, wird verfolgt und angegriffen. Die Frau hatte Todesangst.“ Eine Strafe mit Bewährung scheide aus – „wegen Verteidigung der Rechtsordnung, aber auch wegen der Tat selbst“, schloss Thilo Schmidt. Der Angeklagte nahm das Urteil mit Kopfschütteln entgegen.

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