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Den Online-Kriminellen auf der Spur

Rosenheims Cyber-Cops: So macht das K11 Jagd auf Verbrecher in der digitalen Welt

Lieber vorsorgen als das Nachsehen haben: Das rät Witgar Neumaie.
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Lieber vorsorgen als das Nachsehen haben: Das rät Witgar Neumaie.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Das Fachkommissariat K 11 aus Rosenheim ist unsichtbaren Tätern auf der Spur. Täter, die oft gar nicht über alle Berge entkommen müssen, weil sie ohnehin nie in die Nähe ihrer Opfer kommen mussten.

Rosenheim - In einem Winkel des Büros von Witgar Naumaier hängt ein gerahmtes Foto, auf dem der Kriminalhauptkommissar in Fesseln zu sehen ist. Das Foto zeigt Neumaier beim Wasserburger Bürgerspiel, in seiner Rolle als intriganter Handelsherr Jakob Gumpelzhaimer.

An Täter kommt die Polizei schwer ran

Der Bösewicht offenbart, vor aller Augen im sicheren Gewahrsam der Obrigkeit: Dieses Erfolgserlebnis bleibt dem Hobbyschauspieler Neumaier im richtigen Berufsleben oft versagt. Neumaier und seine Kollegen von Fachkommissariat K 11 sind unsichtbaren Tätern auf der Spur. Täter, die oft gar nicht über alle Berge entkommen müssen, weil sie ohnehin nie in die Nähe ihrer Opfer kommen mussten. „Frustrierend“ sei das manchmal, gibt Neumaier zu. Auch weil es keine Datenspeicherung von 90 Tagen gebe, die der Polizei die nötige Zeit für ihre Ermittlungen einräume.

Manchmal gibt es dennoch spektakuläre Erfolge, den Lohn behördenübergreifender Zusammenarbeit und der Beharrlichkeit. Etwa, als die Rosenheimer IT-Ermittler zusammen mit anderen Dienststellen in der Einsatzgruppe (EG) „Streams“ ermittelten. Nach mehreren Jahren war es so weit: Der Haupttäter, ein Mann aus Rosenheim, gestand das Vergehen des so genannten Cardsharings.

Der Mann soll sich das Entschlüsselungssignal eines Pay-TV-Anbieters gesichert und es zwischen 2013 und 2018 wohl in Hunderten Fällen gegen Geld an Dritte weitergegeben haben. Sein Fall wird womöglich noch heuer in München verhandelt. Es könnte dann um gewerbsmäßigen Computerbetrug gehen, mit einem Schaden in einer Höhe von offenbar hunderttausenden Euro.

Prävention mit der wichtigste Aspekt

Neumaier betont, dass Prävention auch bei ihm und seinen Cybercrime-Kollegen ein wichtiger Teil der Stellenbeschreibung ist. Trotz des Erfolgs mit der EG „Streams“. Neumaier sieht daher seinen Job als Aufklärer im doppelten Sinn: Er versucht, gemeinsam mit seinen Kollegen Fälle von Online-Straftaten zu lösen. Und er versucht, potenzielle Opfer über die Masche der Kriminellen aufzuklären. „Die Leute sind so sorglos“, sagt er.

Und schon ist es zu spät: Wenn der Bildschirm nach einer Cyber-Attacke so aussieht, kommt man an seine Daten schon nicht mehr heran.

Sein Job ist es, sie über die Untiefen aufzuklären. Über die Gefahren von Dateianhängen beispielsweise, über vorgetäuschte Callcenter und angebliche Microsoft-Benachrichtigungen, über Ransomware, die einer Firma den Zugang ins eigene Computersystem blockt. So lange, bis Geld auf ein Bitcoin-Konto überwiesen wurde. Ein Wettlauf zwischen Ermittlern und Kriminellen, die sich oft in arbeitsteiligen Unternehmen zusammentun. „Die Ransomware wird im schlechten Sinne immer besser“; sagt Neumaier. Die Drahtzieher sind oft weit weg. Nach einer Attacke auf eine Firma in Rohrdorf führten die Spuren nach Russland. „Die Hintermänner sitzen oft in Ländern, deren Regierungen nicht ganz so auskunftsfreudig sind.“

Entscheidende Herausforderung

Cybercrime ist für Robert Kopp, den scheidenden Präsidenten des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, die „wesentlichste Herausforderung“ in der Gegenwart. Wegen der besonderen Tücke, aber auch wegen der weitreichenden möglichen Konsequenzen einer Cyber-Attacke. Schließlich werde auch kritische Infrastruktur über die EDV gesteuert.

„Den Stellenwert der Cyberkriminalität kann man nur bestätigen“, sagt Prof. Reiner Hüttl, der an der Hochschule Rosenheim an der Fakultät für Informatik lehrt. Und: „Die Zahl der Cyber-Vergehen nimmt zu, gerade im wirtschaftlichen Umfeld.“ Er bestätigt Neumaiers These: „Die Menschen sind oft naiv.“ „Viel Sorglosigkeit“ sieht auch Andreas Bensegger, Vorsitzender vom IHK-Regionalausschuss bei den Mittelständlern der Region.

Lesen Sie auch: Rosenheimer Pay-TV-Hacker: Jetzt sind seine Kunden dran

Wer ins Visier von Cyber-Kriminellen gerät, spürt nicht unmittelbar den Griff an die Geldbörse oder gar Schmerz. Das macht Cyber-Angriffe für viele Menschen zu einer abstrakten Angelegenheit. Auf die Ratschläge Neumaiers und anderer Experten hören sie daher kaum. Und wenn der Schaden geschehen ist, wenn zum Beispiel eine verseuchte E-Mail ein Schadprogramm installiert hat, heißt das noch lange nicht, dass sich die Betroffenen auch an die Polizei wenden.

Die Zahlen der Polizei drücken daher in diesem Bereich nicht unbedingt die tatsächlichen Verhältnisse aus. Rund 900 Computervergehen registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd 2019, rund 600 im vergangenen Jahr. Die sinkende Zahl kann Experten nicht beruhigen.

„Die Sorge vor einer Schädigung des Rufs ist bei vielen Unternehmen zu groß“, sagt Hüttl. Die Polizei wird oft gar nicht benachrichtigt, lieber holt man externe IT-Experten. Oder zahlt einfach.

Schadprogramm kann die Produktion lähmen

Im Sommer hat Hüttl das virtuelle Rosenheimer IT-Forum zur Cyber-Sicherheit moderiert. Und dort kamen von Cyber-Spionage bis hin zur Rufschädigungskampagne nicht nur die neuesten Entwicklungen zu Sprache, sondern auch Betroffene. Hüttls weitere Schlüsse daraus: „Der Mensch ist der Schwachpunkt.“ Und: Cyber-Kriminalität nimmt nicht nur zu, „sie schädigt manche Firmen derart, dass es wirtschaftlich bedrohlich wird“.

Zumindest schmerzhaft spürbar, wie im Falle des Büromöbelherstellers Steelcase. Dort sorgte ein Cyber-Virus vergangenen November für einen zweieinhalbwöchigen Lockdown im Werk zwischen Rosenheim und Kolbermoor.

Auch in der Region Rosenheim haben die Fälle in den vergangenen Jahren zugenommen, bekanntestes Cyber-Ziel wurde vor zwei Jahren der Modehersteller Marc O’Polo in Stephanskirchen.

Die Stadt Rosenheim ist allein heuer sechsmal Ziel einer Cyber-Attacke gewesen. „Alle erfolglos“, beruhigt Sprecher Christian Schwalm. Neumaier warnt dennoch. Internet-Kriminelle könnten auch versuchen, Wahlen zu beeinflussen. Mit Fakenews zum Beispiel, oder mit Spam und Propaganda-Bots. Spektakuläre Festnahmen wie im Wassrerburger Bürgerspiel werden wohl auch in diesem Bereich der Internetmachenschaften die große Ausnahme bleiben.

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