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Kindergärten im Normalbetrieb bereits überlastet

Kitas in der Region am Limit: Wohin mit den Flüchtlingskindern aus der Ukraine?

Der Vorstand des Verbands Kitafachkräfte (v.l. Veronika Lindner, Lorna Stephens, Annika Czipfl) übergibt die Collage an Familienministerin Ulrike Scharf. 
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Der Vorstand des Verbands Kitafachkräfte (v.l. Veronika Lindner, Lorna Stephens, Annika Czipfl) übergibt die Collage an Familienministerin Ulrike Scharf. 
  • VonThomas Stöppler
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Die Situation in den Kindergärten und Krippen ist angespannt: zu wenig Personal, zu große Gruppen und zu wenig Zeit für die Kinder. Dass nun geflüchtete Ukrainerinnen das Personalproblem lösen sollen, sorgt für Kopfschütteln – auch in der Region.

Rosenheim – Die Liste der Forderungen, die Jacqueline Fleßa vom Vorstand des Bayerischen Verbands der Kita-Fachkräfte (mit Sitz in Rosenheim) und ihre Kolleginnen Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf (CSU) übergab, ist lang. Ebenso groß war die Collage, die der Verband in den sozialen Medien unter den Hashtags #kitasamlimit und #unsglangts gesammelt hat. Die Forderungen sind klar: mehr Personal, mehr Zeit für Kinder und Regelungen, die sich an der Praxis orientieren.

Noch länger ist die Liste mit Mängeln, von denen Fleßa jeden Tag berichtet wird. Sie selbst hat es gut mit ihrem Kindergarten in Schechen. „Wir haben es dort gut, die Gemeinde unterstützt uns sehr, aber, was ich bei Kolleginnen erlebe, ist eine Katastrophe“.

88 Prozent der Gruppen zu groß

Zum Beispiel Kindergartengruppen mit 28 Kindern. Das sei, stellt Fleßa klar, nicht der Standard, aber es komme vor. Auch laut einer Studie der Bertelsmannstiftung sind 88 Prozent der Kitagruppen in Bayern zu groß.

Und bei 28 Kindern wird schon das Rausgehen in den Garten kompliziert, schließlich müssen dann drei Erzieher 28 Drei- bis Sechsjährige anziehen. Das kann nicht jedes Kind in dem Alter selbst, ganz zu schweigen, dass auch nicht jedes Kind das gerade will. Drei Erzieher können das so schon kaum leisten. Auch weil ja auch noch aufgeräumt werden muss, andere Aktionen vorbereitet und das Mittagessen ansteht. Auch die Entwicklungsbögen müssen ausgefüllt und die Bürokratie erledigt werden. Wenn dann noch ein Erzieher ausfällt, herrscht endgültig Land unter.

Fachkraft-Kind-Relation

Der Personalschlüssel für Kindergärten sieht vor, dass auf elf Kinder mindestens ein Erzieher kommen muss. Laut der Bertelsmannstudie kommen in Bayern auf 8,3 Kinder ein Erzieher. Das ist besser als der Gesetzgeber verlangt und dennoch nicht ausreichend, wie die Studie darlegt: Zum einen fordert die Studie einen Personalschlüssel von 7,5 Kindern pro Erzieher und zum anderen sieht die Realität nämlich anders aus: Vor- und Nachbereitungszeit der Erzieher spielt für den Personalschlüssel keine Rolle, auch keine Leitungstätigkeiten oder Krankheitsausfälle. Erst nach über 43 Tagen Fehlzeit am Stück zählt ein Mitarbeiter nicht mehr für den Personalschlüssel. Auch Urlaub oder Fortbildungen werden nicht gewichtet. Das alles summiert sich. Die Bertelsmannstudie geht davon aus, dass 24 bis 41 Prozent der Arbeitszeit entweder ausfallen oder für Aufgaben außerhalb der pädagogischen Praxis aufgewendet werden, damit würde der Personalschlüssel unter den gesetzlichen Mindeststandards liegen. In der Praxis bei Jaqueline Fleßa klingt das so: „Da weint schon mal eine Kollegin, weil sie einem Kind fünf Minuten vorlesen konnte. Das geht nämlich oft nicht.“

Corona als Katalysator

Auch Christa Tolksdorf, Fachdienstleitung der Caritas-Kitas in Stadt und Landkreis Rosenheim, kämpft mit dem Fachkräftemangel: „Der Wert von elf zu eins ist kaum zu halten“, erklärt sie – mit prekären Folgen: „Die Mitarbeiter kommen dabei unter die Räder.“ Sie seien chronisch überlastet, der Mehraufwand durch die Corona-Maßnahmen habe wie ein Katalysator gewirkt, erklärt sie. Ständig falle jemand aus, sie kann nur ein Loch stopfen, wenn sie ein anderes aufreißt: „Ich kann die Fluktuation von Bezugspersonen den Kindern und Eltern nicht mehr zumuten.“

Der Personalmangel hat mehrere Gründe: Vor allem, dass mehr Menschen ihre Kinder in Krippen und Kindergärten bringen. „Die familiären Strukturen haben sich verändert“, erklärt Fleßa. Zum einen, weil oft Großeltern und andere Verwandte nicht mehr am gleichen Ort wohnen und daher nicht die Kinderbetreuung übernehmen können.

Der andere Punkt ist, dass in mehr Familien beide Eltern arbeiten. Fast die Hälfte aller Mütter mit einem Kind unter zwei arbeitet. Insgesamt sinkt die Zahl der Alleinverdiener seit Jahren kontinuierlich. Wenn beide Eltern mehr arbeiten müssen, heißt das auch, dass die Kinder länger in Betreuungseinrichtungen sind. Mehr als zehn Prozent aller unter Dreijährigen in Krippen ist dort länger als 45 Stunden pro Woche.

Ein politischer Drahtseilakt

Seit 2013 gibt es den Anspruch auf einen Krippenplatz und dementsprechend kommen mehr Kinder in die Krippen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat die letzte Bundesregierung das „Gute-Kita-Gesetz“ erlassen. 5,5 Milliarden Euro gab es dafür vom Bund an die Länder, 861 Millionen für Bayern. Aber, erklärt Fleßa, man hätte zu viel in die Entlastung der Eltern und zu wenig in Personal investiert. Mehr als die Hälfte ist in die Senkung der Beiträge geflossen. Das macht eine Kita billig, aber nicht gut. Tolksdorf ergänzt, dass außerdem oft das Geld nicht dort ankomme, wo es hingehöre. Statt grundsätzlich den Kitas mehr Geld zur Verfügung zu stellen, müsse man Geld aus Programmen beantragen – zum einen Mehraufwand für die Kitas und zum andern bleibe eben wieder Geld in der Verwaltung hängen.

Für die Politik ist der Fachkräftemangel in Kitas ein Drahtseilakt: Auf der einen Seite will und kann man die Kitas nicht mehr belasten, auf der anderen braucht es dringend mehr Plätze. Allein in Rosenheim warteten 205 Kinder vergangenes Jahr vergeblich auf einen Platz. Dazu kommen nun auch noch die geflüchteten Menschen aus der Ukraine. Ende April waren in Bayern über 11.000 Kinder unter sechs angekommen, 279 im Landkreis Rosenheim und 42 Kinder in der Stadt. Fast alle haben Anspruch auf einen Betreuungsplatz.

Dass Ministerin Scharf jüngst die Tür öffnete, bei den geflüchteten Frauen die Anforderungen an Fachkräfte herunterzuschrauben, um mehr Betreuungspersonal zu bekommen, sorgt bei Fleßa für Kopfschütteln: „Das ist wie damals bei den Schlecker-Frauen.“ Als vor zehn Jahren die Drogeriekette Pleite gingen und mit ihr 25.000 überwiegend weibliche Mitarbeiter arbeitslos wurden, hatte die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bereits die Idee, dass diese den Fachkräftemangel in den Kitas auffangen sollten. „Manche sind tolle Erzieherinnen geworden“, sagt Fleßa, „aber die meisten eben nicht.“ Es sei ja nicht umsonst ein Beruf, den man lernen müsse. „Und nicht jeder ist dafür gemacht.“

An der Grenze zur Kindeswohlgefärdung

Tolksdorf sieht das etwas positiver. Allerdings sei eine angemessene pädagogische Ausbildung ebenso nötig, wie gute Deutschkenntnisse. Den Fachkräftemangel könnte man so auch nicht lösen.

Fleßa macht ein düsteres Bild auf, wenn sich nichts gravierend ändert: „Wenn wir die Kinder adäquat betreuen wollen, dann können bald nur noch Kinder einen Platz bekommen, deren Eltern beide Vollzeit arbeiten“, sagt Fleßa mit Blick nach München. Dort hat zwar natürlich auch jeder einen Anspruch, aber desto mehr die Eltern arbeiten, desto höher rücken die Kinder auf der Platzvergabeliste. Eine Lösung, die eigentlich keiner will, aber so wie es jetzt läuft, „grenzt das an Kindeswohlgefährdung“.

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