Rosenheimer Kinder entdecken mit dem Integrationsrucksack die zauberhafte Welt der Bücher

Die ehrenamtliche Lesepatin Vanessa Werner liest Kindern im Beisein von Regierungspräsidentin Maria Els aus dem Buch „Der Grüffelo“ vor. Foto: Thomae
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Die ehrenamtliche Lesepatin Vanessa Werner liest Kindern im Beisein von Regierungspräsidentin Maria Els aus dem Buch „Der Grüffelo“ vor. Foto: Thomae

Isabella aus Rosenheim hat jetzt einen, Ajna und Egemen auch. Und 2000 weitere bayerische Kinder werden in den kommenden Wochen und Monaten noch einen bekommen: den Integrationsrucksack, ein Projekt initiiert von Gudrun Brendel-Fischer, der Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung.

Von Johannes Thomae

Rosenheim – Genau besehen ist der Integrationsrucksack, für dessen Verteilung der südbayerische Startschuss im Bildungszentrum St. Nikolaus in Rosenheim fiel, ein Lesebeutel. Denn er enthält neben einem Spiel und einigen Malutensilien vor allem ein Kinderbuch: Für Gudrun Brendel-Fischer steht und fällt Integration mit der Beherrschung der deutschen Sprache. Die Voraussetzungen fürs Lesen und Schreiben aber werden lange vor der Grundschule gelegt: Schon im frühen Kindesalter, wenn durchs Vorlesen die zauberhafte Welt der Bücher erstmals erschlossen wird.

Eine Erfahrung, die auch die politischen Ehrengäste bestätigten, als sie bei der kleinen Startfeier nach ihren frühesten Leseerfahrungen gefragt wurden. Maria Els, Regierungspräsidentin von Oberbayern, erzählte, dass sie drei Geschwister gehabt hätte und ihre Eltern nicht viel Zeit zum Vorlesen. Dafür hätte es eine Tante gegeben, die diese Aufgabe übernommen hätte und sie erinnere sich noch gut an die Abende, als sie in Grimms Märchen abgetaucht seien, alle vier eng um die Tante gekuschelt, so dass auch die blutrünstigeren Passagen der Geschichten eher wohligen Grusel denn wirkliche Furcht hervorgerufen hätten.

Nähe und Geborgenheit

Ein Punkt, auf den auch Landrat Otto Lederer abhob. Zwar sei er ja ursprünglich Lehrer, so erklärte er, doch die Bedeutung des Vorlesens und Lesen gehe weit über das hinaus, was mit und aus Büchern zu lernen sei. Bücher, vor allem vorgelesene, brächten Nähe und Geborgenheit mit sich, schafften positive Gefühle und machten damit Lust auf eigene Leseerlebnisse. Kurz: „Bücher sind etwas fürs Herz und Vorlesen der Grundstock fürs ganze spätere Leseleben.“

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Es käme, so Dr. Markus Gruber Amtschef im Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales, dabei auch in gar nicht in erster Linie auf den Inhalt an. Er bekenne sich freimütig dazu, seinen Kindern auch Comics wie Lucky Luke und Asterix vorgelesen zu haben, die überdies an das komödiantische Talent des Vorlesenden fast noch mehr Ansprüche stellten, als normale Kinderbücher.

Büchereien, Mütter- und Familienzentren, aber auch die Kindergärten und Horte haben dies natürlich seit Langem erkannt, Vorlesen gehört deshalb schon seit Jahren zu ihrem Angebot. Sie werden deshalb auch die Leserucksäcke verteilen, bevorzugt an diejenigen Kinder, die mit dem Medium Buch noch nicht so viel Kontakt hatten.

Auch Erwachsene sollen davon profitieren

Neu am Leserucksack ist nämlich die Idee, „Büchernähe“ nicht nur über entsprechende Angebote an die Kinder heranzutragen, sondern auch einmal aktiv auf der anderen Seite her zum Erwachen zu bringen, das ganze also sozusagen von der „Kundschaft her“ anzugehen. Wer einen Leserucksack hat mit einem Buch darin, das er ohne Hilfe aber nicht entziffern kann, macht sich, so der Gedanke, ganz von selbst auf die Suche nach willigen Vorlesern. Das können auch Eltern mit Migrationshintergrund sein, die sich selbst mit der Deutschen Sprache noch schwer tun, denn Geschichten aus Bilderbüchern zu interpretieren, das geht auch ohne perfekte Sprachkenntnisse.

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Wenn im weiteren Verlauf bei den Kindern aber doch der Wunsch aufkommt, genau zu wissen, was in der Geschichte vorgeht, so die Überlegung, werden die Bücher irgendwann mal in Kindergarten oder Hort mitgenommen, in der Hoffnung, dort einen „buchstabengetreuen“ Vorleser zu finden. Und hier beginnt sich der Kreis wieder zu schließen. Denn in den Kindergärten liest man gerne vor, weiß aber zudem noch, welche Möglichkeiten sich sonst noch bieten. Zum Beispiel in den Büchereien. Nicht umsonst ist die Idee des Integrationsrucksack deshalb in Zusammenarbeit mit dem Sankt Michaelsbund entstanden, zu dem in Bayern gut 1000 Bibliotheken gehören, unter anderem auch die Stadtbücherei Rosenheim.

Lesepaten werden gesucht

Wie dort das Vorlesen aussieht, konnten die Gäste der Veranstaltung live erleben: Vanessa Werner las den anwesenden Kindern vom Hort St. Quirin Am Gries aus dem Buch über den Grüffelo vor, eines von den Kinderbüchern, die sich in den Rucksäcken finden. Die Lehramtsstudentin ist eine der ehrenamtlichen Lesepaten der Rosenheimer Stadtbücherei, in der an jedem Mittwoch ab fünfzehn Uhr „Vorlesestunden“ stattfinden. Ein Amt, für das übrigens immer Interessenten gesucht werden.

Der Leserucksack ist ein Gemeinschaftsprojekt der Integrationsbeauftragten Gudrun Brendel-Fischer und des Sankt Michaelbundes, hier vertreten durch Direktor Stefan Eß.

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