Riskantes Wiedersehen: Was die Corona-Fallzahlen im Raum Rosenheim steigen lässt

Test bei der Rückkehr: Ein Mitarbeiter von Eurofins nimmt mit einem Schutzanzug an einem Corona-Testzentrum an der Autobahn 93 (A93) an der Rastanlage Inntal-Ost einen Abstrich. Foto: dpa
+
Test bei der Rückkehr: Ein Mitarbeiter von Eurofins nimmt mit einem Schutzanzug an einem Corona-Testzentrum an der Autobahn 93 (A93) an der Rastanlage Inntal-Ost einen Abstrich. Foto: dpa
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
    schließen

Rosenheim – Rosenheimer Gratwanderung: Nach dem starken Anstieg der Corona-Infektionszahlen pendeln die Inzidenz-Zahlen seit über eine Woche um die kritische Marke von 50. Drohen weitere Einschränkungen, gar ein neuer Lockdown? Wir sprachen mit Wolfgang Hierl, dem Leiter des Gesundheitsamtes.

Wie ist der zuletzt explosionsartige Anstieg zu erklären?

Wolfgang Hierl: Das Überschreiten des Schwellenwerts der 7-Tages-Inzidenz in der Stadt Rosenheim erklärt sich durch die Zahl der positiv getesteten Reiserückkehrer. Nach unserer Auswertung für August haben in Stadt und Landkreis mehr als drei Viertel (in der Stadt Rosenheim sogar 84 Prozent) der Erkrankten ihre Infektion im Ausland erworben. Hier stehen die Länder Kosovo, Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien ganz im Vordergrund.

Auch interessant: Nach Coronafällen unter Gästen - So geht es in Aschauer Hotel weiter

Was ist der Grund für die auffälligen Zahlen aus dem Balkan?

Wolfgang Hierl

Hierl: Neben den Urlaubern haben wir es hier auch mit Familienbesuchen zu tun. Bei Familienbesuchen kann es auch schwieriger sein, das Social-Distancing einzuhalten.

Rechnen Sie mit einem noch schlimmeren Wiederaufflammen der Corona-Pandemie?

Hierl: Wiederaufflammen klingt dramatisch, das möchte ich so nicht sagen. Aber einen Wiederanstieg der Fallzahlen haben wir bereits. Seit Anfang Juni hatten wir null bis drei, seit August sehen wir, dass die Zahlen wieder deutlich ansteigen. Wir haben viele Fälle durch die Reiserückkehrer, das spüren wir deutlich, und wir haben auch einige Ansteckungen im familiären Rahmen. Auch Anfang März ging es mit den Fallzahlen rapide rauf, und ich fühle mich fatal an März erinnert, als wir die Rückkehrer aus den Skigebieten hatten, verbunden mit einem exponentiellen Anstieg an Neuerkrankungen. Unsere Zahlen sehe ich mit Unbehagen.

Sind Reisen zu früh zugelassen worden?

Hierl: Da hat die Politik bewusst und sehr verantwortungsvoll entschieden, zu einem Zeitpunkt, da die Situation in Bezug auf Neuansteckungen noch günstig war. Wenn man immer wüsste, wo es wann nach oben geht, ja, vielleicht hätte man dann einiges anders gemacht. Aber im Großen und Ganzen waren die Entscheidungen schon richtig, ebenso wie die Reisewarnungen und die umfangreichen Testungen in Bayern jetzt.

Tja, Reisewarnungen… Haben sich die Menschen daran gehalten?

Hierl: Ich war nun noch nicht im Ausland, ich denke aber, dass die Menschen sich dort so gut oder so wenig daran halten wie hier. Es kommt auch darauf an, wo man hinführt. Klar, beim Wandern und dem Outdoor-Urlaub ist man auf der sicheren Seite. Andererseits ergibt es sich überall dort, wo jüngere Menschen Urlaub machen, dass man sich abends trifft und die Regeln nicht mehr unbedingt einhält.

Lesen Sie auch: Alle Informationen rund um Corona

Wie halten die Menschen hier die Regeln ein?

Hierl: Wer in die Stadt, oder in den letzten Wochen an die Seen gegangen ist, hat gesehen, dass es da schon eng zugeht. Ich kann es verstehen, ich gehe selber gern zum Baden. Jeder weiß, dass es wichtig ist, Abstand zu halten, aber es ist nicht immer gut möglich. Ich denke, dass die überwiegende Zahl der Menschen sehr bewusst mit dem Thema umgeht. Es gibt aber auch Personen, die nicht den geringsten Wert drauf legen, die mit andern ohne Maske zusammenstehen, den Abstand nicht wahren. Da beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das könnte das nächste Superspreading-Ereignis sein. Wir müssen dann bei einer Vielzahl von Erkrankten und Kontaktpersonen ermitteln und Infektionsschutzmaßnahmen anordnen. Das Virus ist uns doch in diesen Fällen ohnehin immer einen Schritt voraus, auch deswegen, weil man es auch übertragen kann, wenn man selber noch keine Symptome spürt. Wenn wir dann ermitteln, stellen wir manchmal fest, dass die Kontaktpersonen auch schon krank sind und wiederum weitere Menschen angesteckt haben.

Können wir einen zweiten Lockdown vermeiden?

Hierl: Unser Bestreben ist es jedenfalls genauso wie es auch Ziel der Politik ist. Weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich können wir uns das leisten. Der Lockdown kann überhaupt nur die letzte Maßnahme sein. Davor kommen breit angelegte Testungen und, etwa bei einem Verdachtsfall in einer Schulklasse oder einer Kita-Gruppe, strenge Maßnahmen, dass die entsprechenden Kontaktpersonen in der Klasse oder Gruppe in Quarantäne schickt, bis Klarheit herrscht. Übersteigt die Zahl der Neuerkrankten eine kritische Schwelle, müssen auch zusätzliche kontaktbeschränkende Maßnahmen fachlich geprüft werden. So sind wir auch letzte Woche in der Stadt Rosenheim verfahren. Gemeinsam mit der Stadt haben wir nach Überschreiten der Warnschwelle der 7-Tages-Inzidenz von 50 Fällen in den letzten 7 Tagen bezogen auf 100.000 Einwohner kontaktbeschränkende Maßnahmen geprüft, die dann von der Stadt eingeführt wurden.

Wie sind wir vorbereitet?

Hierl: Wir versuchen, die Infektionsketten so schnell wie möglich durch Anordnung häuslicher Quarantäne bei den Erkrankten und Kontaktpersonen zu unterbrechen. Und wir sind weiter, als wir Anfang März waren. Gerade Testungen waren ja seinerzeit ein Manko. Die Kapazitäten waren gering, und aufgrund des Mangels an Schutzausrüstung wurde nur in geringem Umfang getestet. Zeitnah soll ja jetzt das kommunale Testzentrum an der Loretowiese starten. Jetzt ist auch vieles eingespielt, wir pflegen engen Kontakt zum Beispiel zu Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Ärzten, Gemeinden und dem Katastrophenschutz. Wir können besser und schneller reagieren als vor einem halben Jahr.

Kommentare