Interview

Rosenheimer Bahn-Projektleiter Gruber: „Diskussion um Brenner-Nordzulauf muss weitergehen“

Ein Güterzug bei Einöden auf dem Weg durchs Inntal, im Hintergrund thront der Heuberg. Schneider
  • Anton Maier
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Vier Jahre lang war Torsten Gruber Projektleiter bei der Deutschen Bahn für den Brenner-Nordzulauf. Diese Aufgabe gibt er in Kürze ab. In einem Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen blickt er auf den bisherigen Projektverlauf im Raum Rosenheim zurück und verrät, was er dabei gelernt hat.

RosenheimHerr Gruber, das Projekt Brenner-Nordzulauf wird zunehmend konkret und damit auch spannender aus Sicht eines Planers. Warum gehen Sie jetzt von Bord?

Torsten Gruber: Die letzten vier Jahre waren sehr intensiv und wichtig für mich. Es ist nun aber an der Zeit, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und mich beruflich weiterzuentwickeln. Man muss wissen, dass bei solchen Großprojekten, die sich über viele Jahre erstrecken, ein Wechsel an der Projektspitze ganz normal ist. Der Zeitpunkt passt aktuell ganz gut, da die größten Hürden überwunden sind und wir ein ausgezeichnetes, stabiles Team aufgebaut haben.

„Ein lachendes und ein weinendes Auge“: Torsten Gruber gibt die Projektleitung für den Brenner-Nordzulauf ab.

Es waren also nicht etwa viele schlaflose Nächte, die Sie zu diesem Schritt gebracht haben?

Gruber: Nein, absolut nicht. Ich schlafe sehr gut. Wenn man schlaflose Nächte hat, kann man so ein Projekt auch nicht machen.

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Das Thema Neutrassen ruft in der Region viel Kritik hervor, der Sie als Projektleiter unmittelbar ausgesetzt waren. Wie ging es Ihnen damit? 

Gruber: Mir war von Anfang an wichtig zuzuhören und die Meinungen der Menschen aus der Region ernst zu nehmen. Die vielen Gespräche, die ich geführt habe, empfinde ich daher als gewinnbringend und positiv. Es gab nur ganz wenige Situationen, in denen es im Gespräch an die Gürtellinie oder darunter ging. Wichtig ist in dem Zusammenhang zu betonen, dass wir als Deutsche Bahn ja nicht zu entscheiden haben, ob überhaupt eine neue Trasse gebaut für den Nordzulauf wird oder nicht. Wir haben den Auftrag von der Politik bekommen, eine Planung zu erstellen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben das meine Gesprächspartner auch angenommen.

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Ein Kritikpunkt der Gegner ist, dass die gemeinsamen Planungen von DB und ÖBB durch Österreich dominiert würden, und zwar zum Nachteil Deutschlands. Wie haben Sie das erlebt?

Gruber: Es ist ein internationales Ziel, an der Brenner-Achse eine leistungsfähige Eisenbahninfrastruktur für die Zukunft zu schaffen. Von diesem Ziel ist die Zusammenarbeit geprägt. Dabei lernen wir auch von unseren ÖBB-Kollegen, die deutlich mehr Erfahrung mit der Bürgerbeteiligung bei derartigen Projekten haben als wir. Und in der Region wurde auch eingefordert, dass wir das nach dem österreichischen Modell machen. Es gibt natürlich länderspezifische Belange, aber insgesamt empfand ich die Zusammenarbeit mit den Kollegen als sehr konstruktiv und zielgerichtet.

Was nehmen Sie persönlich aus dem Projekt mit?

Gruber: Vor allem habe ich meine Heimat besser kennengelernt. Ich komme aus Aschau und war der Meinung, ich kenne mich hier gut aus. Wenn man sich dann so intensiv wie ich mit der Region und ihren Menschen beschäftigt, dann merkt man erst, wie vielfältig die Landschaft ist und wie unterschiedlich die Meinungen sind. Sehr wertvoll war für mich auch, dass ich gelernt habe, mich in die Sichtweise von anderen Menschen hinein zu versetzen. Man versteht dann, warum jemand eine bestimmte Meinung vertritt.

Mit Matthias Neumaier steht ihr Nachfolger fest, der das Projekt ab Oktober leiten wird. Was möchten Sie ihm mit auf den Weg geben? 

Gruber: Zwei Botschaften, die aus meiner Sicht ganz wichtig sind: Erstens ist ständiger Dialog zentral. Wir werden eine deutlich bessere Planung dadurch haben, dass wir die Menschen in der Region einbeziehen. Wir haben äußerst wertvolle Rückmeldungen bekommen, die sich in unseren Planungen wiederfinden. Und zweitens ist Zuhören sehr wichtig. Sorgen anhören und durch Erklärung nehmen.

Haben Sie auch noch eine Botschaft an die Bürger aus der Region?

Gruber: Ich bin tief beeindruckt davon, wie sich die Menschen inzwischen mit dem Projekt auseinandersetzen. Viele Leute investieren viel Zeit, um sich eine Meinung zu bilden und sie zu vertreten. Das war zu Beginn meiner Zeit als Projektleiter noch nicht so. Diese Diskussion muss meines Erachtens weitergehen, denn ein intensiver Austausch im Frühstadium eines solchen Projekts ist von großer Bedeutung.

In der Diskussion wird deutlich, dass eine weitestmögliche Tunnellösung den größten Rückhalt in der Bevölkerung und in der Politik hat. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein? 

Gruber: Das ist schwer zu sagen und wird sich erst mit den weiteren Planungen zeigen. Bei allen fünf Trassen haben wir schwierige Situationen. Im Rosenheimer Westen ist es der Seeton, der Bauarbeiten sehr verkompliziert und verteuert. Ein Tunnelbau ist insofern nicht in jedem Fall deutlich teurer und damit unwahrscheinlicher als ein Streckenverlauf an der Oberfläche. Es werden nun alle Trassenverläufe genau geprüft und am Ende werden dann auch Zahlen stehen, was sie jeweils grob geschätzt kosten.

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Was machen Sie denn künftig, wenn Sie nicht mehr Projektleiter bei der Bahn sind?

Gruber: Ich werde ab November für das Unternehmen Rail Adventure in München arbeiten. Die Firma ist unter anderem spezialisiert auf individuelle Eisenbahnfahrten. Dazu zählen zum Beispiel Versuchs- und Überführungsfahrten neuer Schienenfahrzeuge. Für mich ist das etwas völlig Neues.

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Mit welchen Gefühlen verlassen Sie das Projekt Brenner-Nordzulauf?

Gruber: Es ist schon Wehmut dabei, weil es eine sehr interessante Aufgabe war, die mir Spaß gemacht hat und bei der ich viel gelernt habe. Zugleich freue ich mich auf die neuen Aufgaben in einem neuen Umfeld. Ich gehe also mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

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