Sommer nicht genutzt?

Rosenheimer Arzt kritisiert Corona-Teststrategie - besonders im Hinblick auf Senioren und Schüler

Fingerzeig für effiziente Seuchenbekämpfung? Mehr Antigen-Tests fordert der Rosenheimer Arzt Dr. Stein.
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Fingerzeig für effiziente Seuchenbekämpfung? Mehr Antigen-Tests fordert der Rosenheimer Arzt Dr. Stein.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Zu wenig, und das auch noch zu spät? Viel mehr Antigentests fordert der Rosenheimer Arzt Dr. Josef Stein. Die Politik habe nach gutem Beginn im Frühjahr den Sommer ungenutzt verstreichen lassen.

Rosenheim –Im Sommer schwere Versäumnisse, im Spätherbst ein unstrukturiertes „Aussitzen“ der zweiten Corona-Welle: Kritik an der Anti-Corona-Politik übt der Rosenheimer Arzt Dr. Josef Stein. Dabei habe die Politik noch im Frühjahr so viel richtig gemacht. Sein Hauptvorwurf jetzt: Für Schulen und sensible Einrichtungen wie Pflegeheime gebe es keine ausreichende Teststrategie, Schnelltests würden nicht oft genug eingesetzt. Das sehen Experten in Rosenheim allerdings anders.

Vor allem die Schulpolitik kritisiert Dr. Stein

Stein, Vater zweier Kinder, die das Gymnasium besuchen, argwöhnt, dass die Politik während des Sommers ihre Hausaufgaben nicht gemacht habe. Mehr Antigenschnelltest müssen her. „Die sind nicht so sensitiv wie ein PCR-Test“, sagt Stein, „aber besser als nichts.“

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„Testen, testen, testen“, wie Stein meint – da scheint der Vorteil auf der Hand zu liegen. So könnte man an Schulen schnell feststellen, wer isoliert werden muss und wer weiter am Unterricht teilnehmen kann. Eine Entlastungen, an denendoch ohnehin so vieles schiefgelaufen sei. Jede Woche ein neuer Lehrplan, Improvisationen ohne Ende, ein inkonsequentes Maskengebot? Da schüttelt Stein den Kopf. Aber auch für empfindliche Einrichtungen wie Senioren- und Pflegeheime könnten umfassende Schnelltests Vorteile bieten. Eine halbe Stunde Warten würde man jedem Besucher eines Pflege- und Seniorenheims zumuten können.

14 Tage Quarantäne? Die Frist wird kürzer werden

Möglichst viele Schüler im Präsenzunterricht: Daran hat auch Dieter Friedel ein Interesse. Der Direktor des Ignaz-Günther-Gymnasiums in Rosenheim sieht die momentane Pandemielage aber so schlecht nicht gemeistert. Er meint, es werde genügend getestet, das Testzentrum an der Loretowiese sei ausreichend. „Schulen sind nicht in dem Sinne sensibel, in dem es zum Beispiel Pflegeheime sind.“ Er geht im übrigen davon aus, dass die lange Quarantänezeit von 14 Tagen bald Geschichte sei. Es gebe Signale aus der Politik, dass diese lange Frist bald verkürzt werden könne, sagt der Schulleiter.

Auch in Pflegeheimen sieht man sich zu weiten Teilen gut gerüstet. „Ich fühle mich nicht allein gelassen“, sagt beispielsweise Gregor Kumberger vom Haus Lohholz in Kolbermoor. „Wir hatten noch keinen einzigen Fall, wir haben Glück gehabt“, sagt er. Daher teste man mit Augenmaß. „Immer alle testen, ist auch nicht immer sinnvoll. Bei Symptomen – klar.“ So lange aber nichts sei, teste man in einer Art Schicht-System Mitarbeiter und Bewohner. Denn wie er – nicht als einziger – hinzufügt: „Testen ist immer auch ein gewisser Aufwand.“ Besucher teste man daher schon, aber nur die, die Zugang zu einem Bewohnerzimmer bräuchten. Im Besucherraum werden die Hygieneregeln eingehalten, sagt Kumberger, daher müsse man vor einem solchen Besuch auch keinen Abstrich von sich nehmen lassen.

Wie viel Lockdown braucht der Freistaat?

Bayern hangelt sich von der einen Woche im Teil-Lockdown zur nächsten. Ohne dass bislang die Ansteckungszahlen bemerkbar runtergehen. „Ein Aussitzen, mehr nicht“, findet Stein. Könnte Testen helfen, von den hohen Zahlen herunterzukommen? So, dass man bald wieder alles aufmachen kann?

Dr. Nikolaus Klecker aus Rosenheim, Bezirksvorsitzender des Hausärztverbands, hat ebenfalls einen Auftrag für die Politik: Ärzte für die notwendige Schulung des Test-Personals müssten viel besser bezahlt werden. 70 Euro pro Schulung, inklusive Anfahrt: „Dafür setzt sich kein Anwalt auch nur ins Auto.“ Ansonsten aber findet er an der Teststrategie nicht viel zu tadeln.

Wie auch der Kollege Dr. Fritz Ihler, Kreisvorsitzender des Ärztlichen Verbands: „Es wird schon viel getestet.“ Er hat im übrigen Verständnis für die Politik. die fahre auf Sicht, versuche Nachteile und Vorteile gewisser Vorgehensweisen auszubalancieren. Es gibt Stein recht, ja, es sei ja etwas versäumt worden. „Wenn man im Sommer stärker auf Social Distancing geachtet hätte, dann hätte man jetzt keine solchen Probleme mit Corona“, sagt Ihler einerseits. Andererseits glaubt er: „Das hätten die Menschen nicht verstanden.“

Ist immer die Politik schuld?

Ähnlich sieht es Friedel. Auch er will die Politik nicht für alles in die Pflicht nehmen. Natürlich hätte er es begrüßt, wenn jeder Lehrer den versprochenen Laptop für den Online-Unterricht pünktlich bekommen hätte, aber das liege eben nicht immer erst an der Politik, sondern an Vorschriften und Ausschreibungsverfahren, nicht zuletzt auch an Produktionskapazitäten. Auch auf den Ober-Lehrer-Aufreger reagiert er gelassen – auf die zwei Tage, um die die Weihnachtsferien in Bayern nach vorn gezogen werden. „Ob‘s gegen die Corona-Pandemie was bringt, weiß ich nicht. Den Lehrstoff jedenfalls, den schaffen wir auch ohne die beiden Tage.“

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